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Schlecker-Pleite

„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie

04.10.2012 | 19:08 Uhr
So sieht’s jetzt aus: Unternehmerin Manuela Stutzer (m.) mit ihrer ehemaligen Schlecker-Kollegin Renate Fassbender (re.) in ihrer Kölner Drogerie.Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool

Köln.   Neue Existenz nach vergeblicher Arbeitssuche: Die ehemalige Schlecker-Filialleiterin Manuela Stutzer hat im Kölner Stadtteil Esch ihre eigene Drogerie in einem der geschlossenen Läden eröffnet. "Ich weiß, was die Leute wünschen, was sie nachfragen", sagt sie.

Sie hat es gewagt. Sie hat sich nicht klein kriegen lassen von ihrer Kündigung zum 1. April, nicht von den deprimierenden Gängen zum Arbeitsamt, nicht davon, dass sie auf ihre Bewerbungsschreiben so gut wie nie eine Antwort erhielt. Sie ist die Schlecker-Frau, die sich was traut. Im kleinen Köln-Esch, einem Stadtteil, in dem es nichts gibt außer der Apotheke und der Volksbank, renovierte Manuela Stutzer die aufgegebene Schlecker-Filiale und eröffnete darin ihren eigenen Laden. Ganz nebenbei macht sie damit Esch glücklich.

Wie eine Welle wogt die Deko-Folie in drei Farben über die Schaufenster-Scheibe, in Braun, Lindgrün und Magenta. „Em und Es“ steht da, wo einst der blau-weiße Schriftzug von Schlecker prangte. Em für Mahlberg, Es für Stutzer, die beiden Inhaber der neuen Drogerie. Und hinter der Glasscheibe reihen sich die Blumensträuße, die die beiden zur Eröffnung geschenkt bekommen haben. Von Freunden und ehemaligen Kollegen, aber auch von den Mitarbeitern der Volksbank, der Apotheke und von so manchem in Esch, „der sich einfach nur freute, nicht für jede Kleinigkeit in die Innenstadt fahren zu müssen“.

Manuela Stutzer, die 49-Jährige, war Filialleiterin bei Schlecker. Und wenn sie heute, ein halbes Jahr nach ihrer Kündigung, über Schlecker spricht, dann mischt sich der Stolz auf ihre Karriere zur Filialchefin mit dem Ärger darüber, was bei Schlecker schief lief. Über die Waren, die nicht geliefert wurden. Über die Sonderposten, die keiner kaufte. Darüber, dass auf die Mitarbeiter, die nah am Kunden waren, nicht gehört wurde.

Die Antwort auf ihre Existenzängste

Ausverkauf bei Schlecker

„Ich weiß, was die Leute wünschen, was sie nachfragen“, sagt Manuela Stutzer, und so habe sie nun auch ihr Sortiment ausgerichtet. Katzenstreu und Putzmittel statt irgendwelcher Billig-Sportschuhe. Tatsächlich sieht Stutzer ein wenig geschafft aus, wie sie da in ihrem Geschäft sitzt und von der Arbeit der letzten Wochen erzählt. Geschafft, aber zufrieden. Knapp zwei Monate ist es her, dass sie, und Addi Mahlberg, der Mann einer anderen Schlecker-Mitarbeiterin, mit dem Auto ins Pfälzische fuhren, weil es dort jene Frau Weißenberger gab, die sich als eine der ersten getraut hatte, einen Schlecker-Laden in ihr Privatunternehmen umzuwandeln. „Ein süßer Laden, sehr persönlich!“, schwärmt Manuela Stutzer in breitestem Kölsch.

Ausweg Selbstständigkeit
Genossenschaft will drei Filialen übernehmen

Von den 27 000 Beschäftigten der Drogerie-Kette Schlecker, die im Frühjahr entlassen wurden, haben höchstens ein Drittel wieder einen neuen Job oder sind in Maßnahmen der Jobcenter untergekommen. „Unser Kontakt zu den ehemaligen Schlecker-Frauen bröckelt sehr schnell. Denn viele sind auf Arbeitssuche oder wollen einfach einen Schnitt machen und mit dem Thema nichts mehr zu tun haben“, sagt Achim Neumann, der Unternehmensberater für Schlec­ker von der Gewerkschaft Verdi.

Für die Frauen sei es auf dem Arbeitsmarkt sehr schwierig, da im Einzelhandel bundesweit zurzeit 300 000 Menschen Arbeit suchten. Dass ehemalige Mitarbeiterinnen der Drogerie-Kette sich in deren früheren Filialen selbstständig machen, komme vor, bleibe allerdings auf Einzelfälle reduziert. In Stuttgart planen gerade rund 40 ehemalige „Schlecker-Frauen“, eine Genossenschaft zu gründen, um drei Filialen zu übernehmen.

„Verdi prüft noch, ob die Läden die nötigen Kriterien für ein erfolgreiches Unternehmen erfüllen. Wir gehen davon aus, dass die Läden jeweils einen Umsatz von 550- bis 600 000 Euro pro Jahr erwirtschaften müssen, um rentabel zu sein“, sagt Neumann. Die Frauen würden ein großes Risiko eingehen. Das gelte auch für jene, die im Alleingang die Existenzgründung wagten. Kleine Läden erhielten von den Lieferanten meist viel schlechtere Konditionen als Großabnehmer.

Es war die Antwort auf ihre eigenen Existenzängste. Stutzer und Mahlberg – er ist gelernter Kaufmann und hatte schon einmal ein eigenes Textilgeschäft – klapperten also in Köln einen verlassenen Schlecker-Laden nach dem anderen ab, guckten sich die Ladenflächen an, deren Umgebung und entschieden sich schließlich für Köln-Esch. Sie entrümpelten und renovierten, sie entdeckten Lieferanten und neue Produkte. „Das größte Problem sind die Lieferanten. Die haben meistens kein Interesse, kleine Läden zu beliefern. Aber wir hatten letztendlich Glück“, sagt Addi Mahlberg, der 62-Jährige.

Jahrelang wurde nicht renoviert

„Es fühlt sich gut an!“, sagt auch Manuela Stutzer, die in diesen Tagen immer wieder Gratulationen und gute Wünsche entgegennimmt. So wie von Ute Flögel, einer Mittvierzigerin. Staunend sieht die sich im Laden um, gleitet ihr Blick über Wände, Regale, Waren. Elf Jahre hat sie in dieser Filiale gearbeitet: „Meine Güte, was sah es hier aus! Diese gelben Wände! Seit Jahren ist hier nichts mehr gemacht worden.“ „Ja genau“, ergänzt eine Kundin über die Waren hinweg, „und wenn man an die Wand fasste, bröckelte der Putz!“

Manuela Stutzer und Addi Mahlberg wagen dieses Unternehmen ohne Gründer-Kredit, ohne staatliche Hilfe. 55.000 Euro Erspartes haben sie in ihre neue Existenz gesteckt. Und sie strotzen vor Optimismus. Esch brauche dieses Geschäft einfach. Das findet auch Wilhelm Kessel, der Taxi-Unternehmer, der gerade gegenüber parkt: „Ich find’s klasse! Als hier vor ein paar Jahren die Sparkasse geschlossen hat, gab es einen Aufstand. Bis sich schließlich die Politik für den Ort stark gemacht hat und die Volksbank eingezogen ist.“

Hayke Lanwert



Kommentare
08.10.2012
13:40
„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie
von einwittener | #4

#3 ... Elena72, naja wer hier dumm ist ist die Frage.
Sie kennen keine einzige kaufmänische Basis der Unternehmer, weder fixe Kosten noch die Kalkulation und werfen einfach eine Umsatzzahl in den Raum ?
Dann erklären sie mir mal Ihre DB 1 und DB 2 Berechnung und danach unterhalten wir uns weiter und dann erklären sie uns allen hier mal anhand der fundierten kaufmännischen Berwechnung warum sie die Unternhemer als naiv bezeichnen !

07.10.2012
22:11
„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie
von Elena72 | #3

Dumm so etwas zu machen. Es wird ein Umsatz von 600.000 Euro benötigt um Rentabel zu sein. Das sind ca. 2.500 € am Tag. Wer die Umsätze der Schlecker Läden kennt, weiß das dieses nie zu erreichen sein wird. Wer da noch 55.000 Euro erspartes investiert ist schlicht und einfach ziemlich naiv. Ich hätte jedem nur davon abgeraten.

2 Antworten
„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie
von KomischDasAlles | #3-1

Na dann schreiben Sie ein Businessplan, bis es passt.
Jetzt nicht böse sein, aber was geht eigentlich in dieser Zeit noch?

Vll. kalkuliert diese Frau anders, als der seifenverbrauchende Endverbraucher, also Sie.

Wir werden doch sehen, ob diese Rechnung aufgeht.

Ich, hoffe ja...

„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie
von Ex-Leser | #3-2

Vielleicht möchte die Frau ja gar nicht "rentabel" arbeiten, sondern "nur" kostendeckend, damit sie und ihre angestellten ein Einkommen haben.

Die Dame hate meinen vollen Respekt, die traut sich was.

Das dieses Konzept nicht überall funktioniert ist auch klar.

07.10.2012
17:43
„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie
von KomischDasAlles | #2

Genau das wollte ich auch schreiben.

"Hut ab".

07.10.2012
16:06
„Schlecker-Frau“ eröffnet in alter Filiale eigene Drogerie
von darkblu2006 | #1

Hut ab und ich drücke ihr die Daumen !!

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