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Schicksal

Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”

15.06.2009 | 09:44 Uhr
Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”

Dortmund. Ein Runder Tisch arbeitet in Berlin das Schicksal deutscher Heimkinder auf. Es geht um Missbrauch, Gewalt und Zwangsarbeit. Ein Einzelfall aus Dortmund beschreibt das Leid.

An seinem 21. Geburtstag steckten sie ihn in einen „schönen Anzug” und schickten ihn zum Bahnhof. „Ich fuhr zu meiner Mutter”, sagt der heute 72-jährige Dortmunder. Bis dahin hatte er drei Viertel seines Lebens in Heimen verbracht.

Gute Erinnerungen sind rar. Günther mochte die Erbsensuppe, die die Nonnen zum Jahresausflug kochten. Als er älter wurde, bekam er „eine Zigarette - einmal die Woche”. Liebe, Zuneigung, Freundschaften? „Nein”, sagt der Rentner über die kaltherzige Atmosphäre in den Kinderheimen. „Jeder war allein, jeder war nur auf seinen Vorteil bedacht.”

Demütigungen haben sich tief in sein Gedächtnis eingegraben. „Um sechs Uhr war Wecken”, schildert er aus einem Kölner Heim. „Dann mussten wir mit unseren Bettlaken auf dem Flur antreten.” 40 bis 50 Kinder schliefen in einem Raum. „In der Mitte ein Kabüffchen, da war die Nonne drin.” Auf dem Flur standen sie in Reih und Glied, hielten ihr Laken ausgebreitet vor sich. „Die meisten waren Bettnässer.”

Ende der Diktatur merkten Kinder nicht

Arbeit auf dem Bauernhof, in der Baumschule, in der Bäckerei, in der Küche: „Wir wurden eingeteilt zum Kartoffellesen aufs Feld, Kartoffelschälen, Bäume fällen, Schweine füttern.” Bauern forderten die Kinder als billige Arbeitskräfte an. Lohn gab es nicht. Die Arbeit hatte Vorrang vor dem Unterricht. „Wenn Sie mein Zeugnis sähen, man müsste sich in Grund und Boden schämen”, sagt Günther heute. „Aber wir konnten ja gar nichts lernen, wir hatten für alle Kinder nur einen Raum.”

Ein schwarz geborenes Kind

Er hat sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen, als er da in seinem neuen Anzug stand, vor einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, die ihn nicht gewollt hatte. Manchmal hatte er sie gesehen, ein paar Tage mit ihr und seinen drei Geschwistern verbracht. Erst Jahrzehnte später hat er erfahren, dass sein Vater im nationalsozialistischen Konzentrationslager Mauthausen umgekommen war.

„Ich war ein schwarz geborenes Kind”, sagt er. „Niemand konnte mich halten.” Die Heime, die er durchlitt, wurden von Mal zu Mal strenger. Die Befreiung von der Nazi-Diktatur machte sich für die Kinder nicht bemerkbar. „Da hat sich gar nichts geändert, nur dass wir nicht mehr so oft in den Bunker mussten.”

Fünfgeschossige Betten standen dort. „Ich lag im vierten, da bin ich herausgefallen und habe mir den Arm gebrochen.” Oft musste er wegen Gelenkrheumas ins Krankenhaus. „Wir trugen Klotschen aus Holz, im Winter stopften wir Stroh darein.” Der Rentner schrieb die Kliniken an und bemühte sich auch bei den Heimen um Nachweise für die Sozialversicherung. „Die wollen alle nichts davon wissen”, sagt er bitter. „Köln war widerlich.” Er spricht von dem Rohrstock, den „die Nonne durch beide ausgestreckten Hände zog”. Da schüttelt es ihn: „Das frisst mein ganzes Leben.”

Über die schrecklichsten Erlebnisse schweigt er

Anfangs stemmte er sich dagegen. Er suchte Arbeit und fand später als Schwimmmeister eine Aufgabe, die ihn erfüllte. Er suchte eine Frau, heiratete und bekam mit ihr zwei Kinder, einen Sohn, eine Tochter. Die Familienidylle zerbrach. „Mein Ältester ist tot, Rauschgift”, sagt der Vater. Auch seine Ehefrau ist tot, ermordet. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und war zu ihrem Liebhaber gezogen. Als sie den Entschluss fasste, zu ihrem Mann zurückzukehren, erwürgte der Geliebte sie.

Die Trümmer eines Lebens

Der 72-Jährige blickt zurück auf die Trümmer seines Lebens. Aufgewachsen zu sein in der Obhut von Priestern und Ordensschwestern, lastet bis heute schwer auf ihm. Der Runde Tisch, der sich in Berlin mit dem Schicksal der Heimkinder in den 50er und 60er Jahren befasst, lässt ihn kalt. „Was soll das noch bringen nach so langer Zeit?” Dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt, glaubt er nicht. Auch er selbst spricht nicht über alle schrecklichen Erfahrungen aus der Zeit seiner Kindheit und Jugend. „Das muss ich für mich behalten”, sagt er. „Das geht niemand etwas an.”

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Petra Kappe

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Kommentare
15.09.2009
10:10
Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”
von Volksphone | #6

Ich denke auch man darf die Geschichte nicht aßer Acht lassen und vergessen. Es ist immer nötig nach hinten zublicken um daran erinnert zu werden wie gut man es heute eigentlich hat.

15.06.2009
23:47
Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”
von kpdhagen | #5

Viele unserer heutigen Wohlstandskinder wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht. Ich selbst (Jahrgang 1950) bin in der Nachkriegszeit in einer fünfköpfigen Familie aufgewachsen. Das Geld war damals sehr knapp, aber über mangelnde Zuneigung und Liebe seitens meiner Eltern und Geschwister kann ich mich nicht beklagen. Die Familie sollte auch heute noch Grundfeste unserer Gesellschaft sein, nicht Ganztagsbetreuung und Bearbeitung durch Fachleute wie Sozialarbeiter und -pädagogen!
Aber wahrscheinlich werde ich mit dieser Meinung als Spießer oder Ewig-Gestriger abgestempelt.

15.06.2009
16:27
Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”
von Formicula | #4

Mir sind selten so kaltherzige Stammtischbrüder wie sie begegnet, Spacedrummer....In fast jedem Thread leben sie ihren menschenverachtenden Zynismus aus. Wenn ich für so armselige Menshen wie sie noch etwas empfinden könnte, dann maximal Mitleid....

15.06.2009
15:48
Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”
von B. Schmitz | #3

Hat Deutschland keine andere Probleme? Aber wahrscheinlich ist es gerade einmal in Sachen aufzuarbeiten die vor 50 oder 60 Jahren waren.

15.06.2009
12:52
Blockierter Kommentar.
von spacedrummer | #2

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15.06.2009
10:42
Qualen eines Heimkindes: „Das frisst mein Leben”
von AliMomente | #1

Auch ich war 1966 Heimkind in Freiburg. Aus den Erzählungen meiner geliebten, leider verstorbenen (Adoptiv-)Mutter weiß ich das es seinerzeit Versuche an uns gab, Kinder ohne soziale Bindung oder Zuwendung aufwachsen zu lassen. So wurde uns Säuglingen die Flasche nicht durch Mitarbeiter des Heimes gefüttert, sondern diese wurden in ein Drahtgeflecht am Bett befestigt so das wir, wie Kühe, unsere Nahrung (Babyflasche) aus eben dieser Vorrichtung erhielten. Auf den Arm nehmen oder mal Kuscheln war wohl Tabu.

Na ja, trotz allem bin ich kein Gewalttäter, habe zwei wundervolle Kinder an denen ich mehr hänge als an meinem Leben und glaube an Gott.

Ich weiß natürlich nicht was aus mir geworden währe wenn ich länger in diesem Heim geblieben währe, aber die wichtigsten Jahre (die ersten drei) lebte ich in diesem Heim.

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