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Polizei im Dauerstress

10.03.2016 | 18:41 Uhr
Polizei im Dauerstress
Die Zahl der Wohungseinbrüche ist im vergangenen Jahr drastisch gestiegenFoto: imago stock&people

Ruhrgebiet.  Die stark gestiegene Zahl der Wohnungseinbrüche ist nur eine Problem, das die Polizei in Nordrhein-Westfalen lösen soll. Auch die Flüchtlingswelle sorgt mittlerweile für viel Arbeit und lässt die Beamten an die Grenzen ihrer Kapazität stoßen.

Fenster splittern, Schlösser brechen. Über 62 000 Mal ist in vergangenen Jahr eingebrochen worden in NRW – 18,1 Prozent öfter als im Vorjahr. Überrascht? „Nein“, sagen Gerd Maier und Werner Schneider, „wir sind nicht überrascht.“ Wie auch? Die beiden 58-Jährigen, die ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, sind Bezirksbeamte in einer Ruhrgebiets-Großstadt und haben jeden Tag mit den Opfern der Wohnungseinbrüche zu tun. Seltener mit den Tätern. „Die sind oft schwierig zu kriegen“.

Eine Erfahrung, die die Polizeihauptkommissare Helmut Kuck und Jürgen Berner und ihr Kollege Kriminalhauptkommissar Rainer Nehm bestätigen können. Mit einem VW-Bulli sind sie an diesem Tag wieder einmal unterwegs im Dortmunder Norden. „Präventiv“, sagt Nehm. Um Tipps zu geben, wie man Haus und Wohnung sicherer machen kann. Prospekte verteilen sie vor einem Einkaufs-zentrum und sprechen die Menschen an, die vorbeihasten. Für die Beamten nehmen sie sich Zeit. „Die Leute sind sensibler geworden“, hat Nehm festgestellt. „Aber viele sind auch sehr verunsichert.“ Er kann das verstehen. Schließlich ist die Aufklärungsquote gering, wenn osteuropäische Diebesbanden „eine Schneise durchs Ruhrgebiet schlagen“. „Bevor wir zugreifen können, sind die längst wieder weg“, ärgert sich der Beamte und glaubt: „Mehr Personal würde helfen.“ Auch Werner Schneider findet: „Wir haben zu wenig Leute auf der Straße.“

Woher sollen sie auch kommen? Zu lange habe die Politik nicht reagiert, schimpfen viele Beamte. Es sei ja gut und schön, dass die Zahl der Polizisten nun wieder aufgestockt werden soll, sagt Heiko Müller, Vorsitzender der Kreisgruppe Essen/Mülheim der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Allerdings müsse es erst einmal genügend Bewerber geben. „Wir können uns ja keine Kollegen backen.“ Und die, die da sind, sind überlastet. Fußballeinsätze bis in die 5. Liga, die HoGeSa-Demos und der G7-Gipfel in Bayern. 600 Überstunden schiebe er vor sich her, erzählt Christian Werner, der bei einer Einsatzhundertschaft im Ruhrgebiet Dienst schiebt. „Und es gibt welche, bei denen der Berg noch größer ist.“

„Viele Beamte machen mehr als sie müssten, um Täter zu fassen“, sagt Müller. Die Schreibtische bei der Kripo biegen sich unter der Last der Akten, weil die Justiz mit der Abarbeitung der steigenden Zahl von Fällen nicht mehr nachkommt. „Die Strafe folgt deshalb nur selten auf dem Fuß. Das ist enttäuschend für viele Kollegen.“ Mehr noch: „In einschlägigen Kreisen hat sich längst herum gesprochen, dass viele Straftäter in Deutschland keine hohen Strafen zu erwarten haben“, weiß Maier. Und Weber ärgert noch etwas anderes. „Der Respekt gegenüber der Polizei ist verloren gegangen.“

Nicht unbedingt in seinem Viertel, viel mehr bei den Sondereinsätzen, die er und seine Kollegen mittlerweile fast jedes zweite Wochenende haben. Freie Tage fallen da an, „an denen wir dann nicht bei uns vor der Tür auf der Straße sein können“, ärgert sich Weber.

Und es wird ja nicht besser. Im Gegenteil. Rocker, Hooligans, die rechte Szene. Autoknacker, Drogen-Dealer, Taschendiebe halten die Polizei im Land schon seit Jahren auf Trab. Nun kommt auch noch die Flüchtlingswelle hinzu. Ein heikles Thema, zu dem sich viele Beamte nur zurückhaltend äußern. „Natürlich sind nicht alle von denen kriminell“, stellt Maier klar. Aber über die, die es sind, wurde lange nicht geredet. Von einem Maulkorb seitens der Justiz möchte zwar keiner sprechen bei der Polizei, aber Müller sagt: „Die schrecklichen Ereignisse der Silvesternacht waren eine Zäsur.“

Angeklagter mit 19verschiedenen Identitäten

Sie sorgen aber auch für weitere Arbeit. Schon weil das Klientel ein schwieriges ist und kaum identifizierbar. Ein Kölner Amtsrichter berichtete bei einem der ersten Prozesse wegen eines Diebstahls in der Silvesternacht von einem Angeklagte, der 19 unterschiedliche Namen besaß. „Was glauben Sie“, fragt Maier, „wie lange es unter solchen Umständen dauert, bis die über 1000 Anzeigen aus jener Nacht abgearbeitet sind.“

Weber hat dann auch genug. Genau wie Kollege Maier will der Bezirksbeamte keinen Gebrauch von der Möglichkeit machen, über die Pensionsgrenze hinaus zu arbeiten. „Wer das macht, macht es meistens aus finanziellen Gründen“, hat Heiko Müller festgestellt. Christian Werner hat noch etliche Jahre vor sich, räumt aber ein, „Sorgen vor der Zukunft“ zu haben. „Der Job“, sagt der 27-Jährige, „macht immer noch Spaß. Aber von der deutschen Politik fühle ich mich unverstanden.“

Andreas Böhme

Kommentare
11.03.2016
08:02
Polizei im Dauerstress
von Backdoor | #1

Es ist ein immer wiederkehrendes Ritual von Gewerkschaftern, nach mehr Personal zu rufen. Dass dies wenigstens zum Teil stimmt, kann nicht bestritten...
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2016-03-10 18:41
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