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Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege

01.08.2012 | 19:40 Uhr
Zeit für Pflege bedeutet ein Stück Würde: Dieses Symbolbild zeigt nicht Margarete R.

Bochum.   Margarete R. aus Bochum hat Hilfe beantragt. Die Kasse hat vorerst abgelehnt. Nun kann die 94-Jährige nur noch einmal die Woche duschen. Und sie fühlt sich in ihrer Würde verletzt. In unserem Gesundheitssystem, scheint es, kann man ihr nicht helfen.

Margarete R. hat ein heikles Problem. Die 94-Jährige aus Bochum kommt nicht mehr allein in ihre Dusche. Und wer den 45 Zentimeter hohen Einstieg sieht, dazu verstellt durch das viel zu eng gesetzte Klosett, der versteht das auch gleich. Die Pflegerin Sonja Krause jedenfalls hat es geblickt, darum hat sie Frau R. empfohlen, eine Pflegestufe zu beantragen. Auch die Gutachterin, die über die Pflegestufe entscheidet, hat wohl die Lage erkannt. Sonst hätte sie nicht so erschrocken geschaut und „Hui!“ gemacht. Aber eine Pflegestufe hat Frau R. darum noch lange nicht bekommen – in unserem Gesundheitssystem, scheint es, kann man ihr nicht helfen.

15,99 Euro. Soviel kostet einmal Duschen, wenn man dafür einen Pflegedienst benötigt. Die Krankenkasse bezahlt zwar Sonja Krause, damit sie Margarete R. in ihre Kompressionsstrümpfe hilft. Duschen aber ist keine medizinische Notwendigkeit. Damit hat die Krankenkasse nichts zu tun, Duschen ist ein Fall für die Pflegekasse. Die aber kennt nur Stufe oder nicht Stufe, keine „niedrigschwelligen“ Hilfen davor. Also musste Margarete R. monatelang selbst zahlen, bis sie sich zu dem Antrag durchrang.

Die Pflegerin wäscht ihr den Rücken und die Beine, trocknet sie ab, hilft beim Anziehen. So nackt im doppelten Sinn möchte man sich nicht den eigenen Kindern präsentieren. In der Erwartung, dass man ihr die Pflegestufe bewilligen würde, hat sich die 94-Jährige auch mal zwei Duschen die Woche gegönnt – mit ihrer Witwenrente von 957 Euro ist das nicht dauerhaft machbar. Doch die Knappschaft lehnte im Mai ihren Antrag ab. Seitdem duscht Margarethe R. nur noch einmal die Woche. Zweimal ist Luxus. Und ansonsten: Waschlappen.

Solange man sich selbst den Po abputzen kann ...

Die Ablehnung hat wehgetan. Margarete R., muss man sagen, wirkt mit ihren 94 Jahre noch ziemlich rüstig. Zumindest wenn sie sich entrüstet. „Um es brutal auszudrücken: Solange man sich noch selbst den Po sauber machen kann, gibt es keine Pflegestufe.“ Unabhängig davon, ob Frau R. nun einen Anspruch auf eine Pflegestufe hat oder nicht, geht es ihr um das Gefühl, das nach dem Besuch der Gutachterin zurückgeblieben ist. „Im Grunde werden Sie bestraft, wenn Sie als alter Mensch sich Mühe geben, ihre Selbstständigkeit zu erhalten.“

Ausbildungsumlage
Pflege wird teurer

Wer im Altenheim oder zu Hause gepflegt wird, soll ab 1. Juli mehr Geld aus der eigenen Tasche bezahlen. Grund: eine Ausbildungsumlage, die sämtliche Einrichtungen und Pflegedienste in NRW leisten müssen.

Es geht um Minuten, wenn der Gutachter kommt. Für beide Seiten. Der Gutachter hat zwar keine Zeitvorgabe. Aber fünf Fälle täglich sind üblich. Wenn man noch Anfahrt und Papierkram abzieht, bleiben 45 Minuten beim Menschen, um den es geht. Wenn es hoch kommt.

Pflegestufen - der Ermessensspielraum ist enorm

45 Minuten. Soviel muss auch bei Margarete R. unterm Strich rauskommen, damit sie die erste Pflegestufe erreicht. Die Gutachterin ging also mit ihr eine Liste durch: Wie viel Minuten Hilfe benötigt Frau R., um ihr Wasser zu lassen? Sie kann noch alleine zur Toilette gehen. Um sich anzukleiden und auszuziehen? Zwölf Minuten. Um zu duschen? Vier Minuten täglich ist die Antwort. Die Rechnung geht so: zwei Duschen die Woche à 14 Minuten durch sieben Tage. Und hier steckt die Ungerechtigkeit im Detail.

Einerseits gaukelt die Minutenzählerei Objektivität vor. Andererseits ist der Ermessensspielraum der Gutachter enorm. Er kann 14 oder auch 20 Minuten pro Dusche ansetzen. Und hätte Margarethe R. zuvor siebenmal in der Woche geduscht, hätte die Gutachterin das auch so aufgeschrieben. „Die Leute, die schon viel bestellen, haben eine bessere Chance“, erklärt ein Gutachter und Arzt aus dem Ruhrgebiet, der nicht namentlich genannt werden will. Wer hat, dem wird gegeben. „Aber natürlich habe ich als Gutachter die Freiheit zu sagen: Das ist defizitäre Pflege. Angemessen wären eine Dusche und eine Teilwäsche pro Tag.“

  1. Seite 1: Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
    Seite 2: „Du hättest dich dumm und doof stellen müssen“
    Seite 3: Was ist die Alternative zum bisherigen System der Begutachtung?

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Kommentare
10.08.2012
19:46
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Wurstilein | #19

man kann nur hoffen, daß es einen nie selbst erwischt. Am besten gesund ins Grab steigen.

10.08.2012
09:09
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von binosnyder | #18

so geht es tausenden auch JUNGEN BEHINDERTEN MENSCHEN!!!!
nicht nur alte leute sind auf hilfe angewiesen.
es gibt eine vielzahl von jungen behinderten menschen die EIN LEBEN LANG auf hilfe angewiesen sein werden, wo die eltern/angehörigen vom tag der geburt an pflegen müssen. 30,40,50 jahre lang und länger...bis sie nicht mehr können....da geht es nicht um einmal mehr oder weniger duschen.....

02.08.2012
21:52
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Bertbull | #17

Armes Deutschland ! Der Sozialstaat Nummer eins! Für alle die wir Herzlich Willkommen heißen.Zwei Weltkriege hinter sich gebracht und noch so vieles mehr,und dann um Pflege Betteln??? Armes Deutschland wo lebe ich eigentlich?

02.08.2012
14:59
@ Herby52 | #12
von Partik | #16

In der Tat, alten Menschen bleibt nicht viel. Gefallen tut mir das bei 94jährigen Kriegsüberlebenden sicher auch nicht, denn gerade diese generation hat Deutschland aus Trümmern wieder aufgebaut.

Aber ist ist wie es ist: die jüngere Generation ist nicht bereit, deutlich höhere Zahlungen in Kauf zu nehmen. Da hilft kein Schönreden, da hilft kein Zetern.

Und ja, es wird irgendwann nur noch eine Basispflege übrig sein. So wie früher, bevor sich Deutschland (wie andere Staaten auch) mit wackeliger Schulden-Wirtschaft auf ein Niveau gepusht hat, welches wir eigentlich gar nicht halten können.

Die nahe Zukunft wird keine Mittel mehr bereitstellen können, um Luxus für alle zu gewährleisten. Es wird vielmehr auf die Methode: "nur wer etwas leistet, bekommt etwas" zurückgehen.

Die Zeiten sozialen Overkills von heute sind bald vorbei. Auch wenn menschlich gesehen jedem Alternden ein würdevolles Leben zu gönnen ist. Ein Patentrezept habe ich nicht. Leider nur die Realität ...

1 Antwort
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Mirage | #16-1

"..denn gerade diese Generation hat Deutschland aus Trümmern wieder aufgebaut..."
ich möchte doch klar darauf hinweisen, dass selbige Generation Deutschland auch zuvor mit großer Begeisterung in Trümmer gelegt hat. Dass sie dieses Chaos anschließend wieder aufbauen mußte, war selbstverständlich.

02.08.2012
14:57
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von watislos | #15

So ist das Leben! Da wird uns in jüngeren Jahren vorgegaukelt, dass man privat für den Pflegefall vorsorgen soll - also Versicherungen abschließen. Diese sind aber doch genau so wie die gesetzliche Pflegeversicherung erst dann zu Zahlungen bereit, wenn dieser ominöse Medizinische Dienst eine Pflegestufe befürwortet. Ich habe erlebt, wie man als Pflegende Angehörige dämlich dasteht, wenn man eine demente Person pflegt und nicht in dieses Schema der Zeiteinteilung passt. Nix gibbet, denn die gute könnte ja vielleicht doch selbst essen ... sie hat ja nix mit den Händen ... und wieso Hilfe beim Baden, Abtrocknen und Anziehen ....... sie ist doch nicht körperbehindert?!!!! Das System ist und war MENSCHENUNWÜRDIG!!!

02.08.2012
14:50
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Oppa.Werner | #14

In einem Staat, der für die ach so bedürftigen Griechen und Spanier (die zahlten 2009 übrigens 12% Zinsen und waren nicht pleite!) Milliarden raushauen kann, für türkische Großclans die Krankenkasse bezahlt (ein Erlass von 1964), ist für die eigenen Alten, die die Politiker am K******* gehalten haben, natürlich nichts übrig.
Ein Skandal sondergleichen.
Danke für den Bericht.

02.08.2012
14:20
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Ramses007 | #13

Es existiert nicht nur das Pflegegeld als Hilfe.
Leider wissen viele nicht, was sie wo beantragen müssen. Die erste Anlaufstelle könnte ein ortsansässiger Behindertenverein oder -verband sein.

Wäre das nicht mal einen gut recherchierten Artikel wert? Der würde Menschen mit Behinderung wirklich weiter helfen.

1 Antwort
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Mirage | #13-1

dem Redakteur sind aber Tränendrüsendrückerei und dadurch generierte Klicks allemal wichtiger als gut recherchierte Artikel mit RICHTIGEN handfesten Hilfestellungen. Als ob die Redaktion sich tatsächlich darum scherte, was mit der Dame nun tatsächlich los ist. Und ganz am Rande: ich dusche auch möglichst nur einmal in der Woche, den Rest kann ich tatsächlich ( wenn ich nicht grad schweißgebadet von der Maloche komme) mit dem Waschlappen gründlich erledigen. Spart nicht zuletzt Wasser in großen Mengen.

02.08.2012
13:54
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von Herby52 | #12

#Partik
Wenn man Ihren "Kommentar" liest bleibt dem "alten" Menschen nicht viel.
Solbald jemand auf fremde Hilfe angewiesen ist oder den "Sozialstaat" zu teuer wird....
BITTE ABTRETEN. Meinen Sie dies?

02.08.2012
13:18
@ Herby52 | #8
von Partik | #11

Es gibt keine Alternative, außer der Rest der Bevölkerung opfert dafür ein derbes Stück Einkommen. Wenn man sich aber betrachtet, welche Belastungen für das eigene Gesundheitssystem jetzt schon auf die verbliebenen Arbeitnehmer zukommen, ist eine gewerbliche Luxuspflege für die ansteigende Zahl der Senioren nicht machbar. Zumindest nicht unter heutigen Maßstäben.

Darüber muss man sich einfach bewusst sein. Mit jeder neuen Behandlungsmethode, die uns alle noch älter werden lässt, wird das Problem stärker werden.



"Vielleicht werden Sie ja auch mal alt und sind auf die Hilfe anderer angewiesen!"

Ja und? Was bedeutet das für diesen Fall der alten Dame und dem jetzigen Zustand der Pflegekassen? Mir ist klar, dass in mehreren Jahrzehnten auch für mich keine Pflegecrew bereitstehen wird, da dann erst recht kein Geld mehr da ist.

Wer es zudem mag, sich von bezahlten Hilfskräften (oder auch nur den eigenen Kindern) den Hintern abwischen zu lassen, kann ja gerne alt werden. Ich nicht.

1 Antwort
"gewerbliche Luxuspflege"???
von barbarylane | #11-1

wenn ich Sie recht verstehe, denken Sie, dass drei mal duschen pro Woche in den Bereich der LUXUSpflege fällt. Da mache ich mir ernsthaft Sorgen über Ihr Verhältnis zu Hygiene. Und aus rein olfaktorischen Gründen freue ich mich, dass dies hier nur ein Internetforum ist und keine "echte" Diskussionsrunde...

02.08.2012
13:13
Nur einmal die Woche duschen - Seniorin kämpft um Pflege
von alteStrategin | #10

Die alte Dame sollte prüfen, ob sie noch einen Widerspruch einlegen kann.
Ansonsten kann sie sich kostenfrei in einem Pflegestützpunkt beraten lassen und evtl.
Hilfe zur Pflege nach SGB XII beantragen.
Oder an Stelle eines Widerspruchs einen Neuantrag stellen.

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