Neue Narren braucht das Land
15.02.2012 | 18:19 Uhr 2012-02-15T18:19:00+0100
Bochum. In Zeiten des Jeckenschwunds gründen sieben Bochumer einen neuen Karnevalsverein. Ihr Ziel: eine eigene Sitzung. Das Leben der Narren in der Hochzeit der Session ist anstrengend.
Da sitzt Präsident Hans-Joachim Baldamus, und seine Brust ist ordensgeschwellt. Daran hängt der Orden des „Festausschusses Bochumer Karneval“, der Orden des Dreigestirns hängt daran, der „Närrische Landtag 2012“, der Orden des eigenen Vereins sowie viele weitere von närrischem Gewicht – die vielen Sticker und Ehrennadeln an der feierlichen, tief blauen Jacke erwähnen wir erst gar nicht. „Wenn wir alles umhängen würden, was wir in dieser Session kriegen, lägen wir beide am Boden“, sagt Baldamus, womit er seinen Vizepräsidenten Philipp Dechant gleich einbezieht in die Ordensgemeinschaft.
Verdiente Karnevalisten, möchte man meinen. Langjährige Funktionäre des Frohsinns. Doch das Gegenteil ist richtig: Die beiden sind Pioniere! Der Getränkefahrer Dechant, Sohn eines früheren Prinzen, und der Pförtner Baldamus, der den Zugang zu einem städtischen Verwaltungsgebäude hütet („Mein Wort ist da Gesetz“): Sie haben im letzten, natürlich, November einen Karnevalsverein gegründet. Die Mitgliederzahl dieser „Karnevalsfreunde Blau-Weiß Bochum“ ist noch schütter, und die feierlichen, tief blauen Jacken sind 25-Euro-Schnäppchen aus dem Karnevalsversand. Aber jeder hat mal klein angefangen. „Ich könnte mich auch für 1500 Euro ausstatten, aber dann sagt meine Frau: Du tickst doch nicht ganz richtig“, sagt Dechant (29). Wohlgemerkt, Frau Dechant ist Mitglied. Nein, es ist wirklich nicht leicht, einen Karnevalsverein aufzubauen.
Es ist sogar recht anstrengend. Besuch auf einer Sitzung in Herne. Teilnahme an einem Biwak in Bochum. Zugucken beim Umzug in Wattenscheid. Besuch auf einer Sitzung in Köln. „Man trifft wildfremde Menschen, die in kürzester Zeit Freunde und Bekannte werden“: Das liebt Dechant am Karneval. Und weiter: Sitzung in Dorsten. Umzug in Linden. Irgendwo ist sowieso immer ein Frühschoppen. Man kann wohl sagen: Würden sie das alles mitnehmen, sie lägen bestimmt am Boden.
„Es hapert etwas mit der Jugend“
So eine Gründung ist auch im Jahr 2011 keine Sensation, aber „oft kommt das auch nicht vor“, sagt Peter Niemann, der Präsident des „Bundes Ruhr-Karneval“; und „es hapert etwas mit der Jugend“, assistiert sein Pressechef (!) Christian Walter. Fest steht: Außerhalb der Hochburgen sind viele Karnevalsvereine nur noch Scheinriesen, sind, blickt man ein wenig hinter die bunten Girlanden, geschrumpft auf eine Handvoll längstjähriger Mitglieder. Und dann kommen sieben Menschen daher und gründen einfach einen neuen!
Infiziert vom Karneval in Köln, in den sie seit Jahren feiern fuhren. Diese Herzlichkeit. Diese Nähe. Diese Selbstverständlichkeit von Karneval! „Soweit werden wir die Westfalen nicht kriegen“, sagt Baldamus (58): In Bochum schon gar nicht, keine andere Großstadt im Ruhrgebiet fremdelt so sehr mit Karneval wie diese. „In Köln können sie 365 Tage im Jahr im Ornat rumlaufen, da guckt keiner. Hier würden die Leute außer am Rosenmontag sagen: Wo sind die denn entlaufen?“
Und? Wo?
Kinderkarneval und Armenkarneval
Nein, im Ernst, die Karnevalsfreunde wollen manches anders machen. In anderen Vereinen seien „alles liebe nette Menschen, aber etwas zu verändern, ist eine schwierige Sache“. Den Kinderkarneval würden sie gerne wiederbeleben. Eine Veranstaltung für Arme und Obdachlose einführen. Und, die Königsdisziplin: eine eigene Sitzung. „Irgendwann will ich sagen können: ausverkauft!“, sagt Baldamus. Immerhin: Zu einem eigenen Frühschoppen haben sie es im Januar schon gebracht, das Programm bestritten aber ausschließlich Gastvereine – die da schon neun Karnevalsfreunde waren gut beschäftigt mit Einlass, Organisation und Moderation. Und vermutlich der Verleihung von Orden. Alle für einen, einer für alle.
Aber jedenfalls soll zur nächsten Session 2012/2013 auch jemand aus den eigenen Reihen auf der Bühne stehen. Dechant sagt dazu einen Satz, der ist bestimmt nicht so boshaft gemeint, wie er sich anhört: „Von uns ist keiner ein Büttenredner oder ein Bauchredner, von uns wird es was Lustiges werden.“ Inzwischen sind sie 15.
03:05
Sehr schöner Artikel aber leider mit großem Fauxpas seitens der WAZ.
Wenn man mehrfach die sieben Gründungsmitglieder erwähnt,dann sollte man auch ein Foto auswählen auf denen eben diese zu sehen sind!