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Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen

01.10.2012 | 18:55 Uhr
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
Spielen, bis nichts anderes mehr möglich ist. Blick auf eine LAN-Party in Dresden.Foto: AP

Bochum.   Über eine halbe Million Menschen in Deutschland leiden an Internet- und Computerspielabhängigkeit. Am Montag wurde die erste Anlaufstelle für sie im Ruhrgebiet eröffnet: die Medienambulanz am LWL-Universitätsklinikum in Bochum. Hier sollen Betroffene beraten und auf eine Rückkehr ins wirkliche Leben vorbereitet werden.

Als Bert te Wildt 2002 in Hannover eine „Mediensprechstunde“ ins Leben rief, da dachte der Psychiater ans Thema „Computer und Gewalt“. Tatsächlich aber kamen: Internet-Süchtige, Menschen, die vom Computer nicht lassen konnten. Oder ihre Angehörigen: Eltern, deren Söhne nichts interessierte außer „World of Warcraft“; Frauen, die ihre Männer an Cybersex verloren hatten. Ernst genommen hätten das Thema „Mediensucht“ damals trotzdem nicht viele, erinnert sich der Privatdozent. Zehn Jahre und eine repräsentative Studie später weiß man: In Deutschland gibt es mehr als eine halbe Million Betroffene.

Seit Montag finden sie in Bochum eine Anlaufstelle: an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe wurde die erste Medienambulanz des Reviers eröffnet. Bert te Wildt (42) leitet sie.

Behutsam wieder ans wirkliche Leben gewöhnen

Information, Beratung und Diagnostik sollen hier stattfinden, in Therapiegruppen sollen Betroffene behutsam wieder ans wirkliche Leben gewöhnt werden. Wozu Trauerarbeit nötig sei, erklärt der Experte. In Hannover habe die Gruppe ihre Avatare, ihre Stellvertreter im virtuellen Spiel, auf Pappe ausgedruckt, und sich am Tag, an dem der Betroffene seinen Account, sein Nutzerkonto, löschte, feierlich von ihnen verabschiedet...

Mediensucht
Einsam durch Mediensucht - Der Computer hat Jan verschluckt

Der 19-jährige Jan lebt in der virtuellen Welt, nicht im wirklichen Leben. Der Jugendliche selbst spricht von seinem „Problem“. Er sei computersüchtig, sagt sein Arzt, ein typischer Fall, einer von 550.000 in Deutschland. Der PC bietet dem jungen Mann eine Art Ersatzwelt - mit Folgen.

Natürlich wird auch weiter zum Thema geforscht werden. Was man schon weiß: Es sind vor allem junge Männer, die an Internet- oder Computerspielsucht leiden; und es sind vor allem „Multi-Player-Massive-Role-Play-Games“, Online-Rollenspiele, die sie in die virtuelle Welt locken, Ältere auch Internet-Pornografie. Facebook-„Junkies“ gibt es wider Erwarten kaum. Vielleicht „weil Facebook nur Spaß macht, wenn man ein reales Leben vorweisen kann“, sagt te Wildt.

Viele Betroffene entwickeln Depressionen oder Ängste

Wer aber bis zu 16 Stunden täglich, sieben Tage die Woche im Internet unterwegs sei, habe kein wirkliches Leben, keine Freunde, keine Beziehung, keinen Job mehr, ja, er wasche sich schließlich nicht einmal mehr. Viele Betroffene entwickelten auch Depressionen, Ängste oder soziale Störungen. Eltern, die versuchten, Kindern den Computer zu verbieten, ihn gar wegnähmen, riskierten viel, sagt te Wildt und erzählt von einem Schüler, der sein Zimmer demolierte, einem 17-Jährigen, der den Stiefvater würgte, und einem, der sich das Leben zu nehmen trachtete. Typische Reaktionen – von Süchtigen.

Und dennoch ist die Mediensucht noch keine anerkannte. Als Vorsitzender des Fachverbandes Medienabhängigkeit kämpft te Wildt deswegen auch dafür. Und auch wenn sich die Industrie hartnäckig weigere, zuzugeben, dass „sowas wie Internetsucht“ überhaupt existiere, gibt es einen ersten Erfolg: Die Bundesdrogenbeauftragte widmet ihre Jahrestagung am 9. Oktober („Wenn aus Spaß Ernst wird“) dem Thema . Und das sei, sagt der Leiter der neuen Bochumer Medienambulanz, „sowas wie ein Ritterschlag“!

Ute Schwarzwald



Kommentare
02.10.2012
17:45
Gut recherchiert!
von wazman666 | #10

2002 soll es schon Internetsüchtige gegeben haben? Das war kurz nach dem Platzen der der "Internetblase" – kein Mensch wollte was vom Web wissen. Das änderte sich erst in den Jahren danach wieder, mit dem "Web 2.0".
Dass es "MMORPG" statt "MPMRPG" heißt, hat an anderer Stelle schon jemand bemerkt.
Und im Übrigen ist die Zahl von 560.000 Internet"süchtigen" (unter denen lt. Drogenbeauftragter übrigens besonders viele "Facebook-Mädels" sind) mit Sicherheit stark übertrieben – zumal niemand je die "Sucht" wirklich bewiesen hat. Und in welchen Ambulanzen oder Therapieeinrichtungen sind diese Hunderttausenden?
Selbst Herr te WIldt spricht ja auch lieber von "Abhängigen" – das ist ja auch noch ein bisschen schwammiger und man kann darunter packen, wen man will …
Also das nächste Mal bei solchen Themen: Bitte ein bisschen besser recherchieren und die Kirche erstmal im Dorf lassen, bevor man die nächste Sau durch dasselbe treibt!

02.10.2012
13:29
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von Danb | #9

Viele Menschen kennen das schon gar nicht mehr ohne ständige dauerhafte Berieselung, als ich im Ausland, in der Provinz, war ging das Handy nicht und der Fernseher auch nicht und Radio war auch keins da und das für zwei Wochen, ich kann nur sagen das war herrlich und kanns jedem nur raten, man vermisst absolut nichts und wenn man dann zurück ins "Leben" kommt, merkt man erstmal wie besessen und hektisch alle geworden sind und wie sehr das belastet und letztlich krank macht.
Die Klinik ist gut, die Menschen müssen merken dass das Internet auch eine sehr große last ist.

02.10.2012
11:00
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von drasos | #8

Es ist ganz einfach...

Wer durch ein virtuelles Leben sein "real life" verliert der hatte vorher schon keins.....

Und da hat dann nicht das Computerspielverhalten behandelt zu werden sondern der Bereich "soziale Kontakte"....

Wobei man sich,auch von Therapeuthenseite,vielleicht einfach an den Gedanken gewöhnen sollte das die Zeiten sich geändert haben und der Bereich "sozialer Kontakt" heutzutage und in Zukunft viel stärker online stattfindet/stattfinden wird...

Das mag für "konservativ eingenordete immer noch Briefe statt e-mail Schreiber" völlig unverständlich sein aber diese Leute haben schlichtweg den Zug der Zeit verpasst.

Heutztage ist es einfach so das man PERMANENT online erreichbar sein muss,man wird ja schon seit Jahren bei Bewerbungsgesprächen nach seiner E-Mail Adresse gefragt,da wird es doch auch begriffen warum nicht auch auf Psychiaterseite?

Heutzutage ist es völlig normal 12 h online zu sein und sei es nur mit dem Smartphone.

Das ist einfach so.....

02.10.2012
09:41
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von EnemyArea | #7

Erinnert mich daran, wie sie damals versucht haben den Leuten einzureden, die Welt sei eine Scheibe, oder Schwul zu sein, ist eine "Krankheit" die man behandeln müsse. Aber naja es gibt immer Leute die auf irgendwas komisch reagieren. Ich finde Leute verrückt, die glauben, dass man alles und jeden therapieren könnte. Mir ist noch keiner untergekommen, der wirklich nur wegen eines PC Spiels ernsthaft jemanden verletzt hat. Meistens würde das zwar in den Medien gesagt, aber in Wirklichkeit waren das eher Gründe wie: Mobbing, gestörtes Elternhaus, etc.

Aber Alkohol verkaufen wir dennoch schön fleißig weiter. Gibt ja auch nette Steuern! Lustig, Alkohol zerstört nämlich Gehirnzellen, PC spielen trainiert diese. Aber wir sind die bekloppten, weil wir für eine Raid damals 10 Stunden gebraucht haben :D Ja ne is klar!

02.10.2012
08:25
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von tegtmeier | #6

Ich sitz auch fünfma inne Woche so 8 bis 10 Stunden vorn Computer. Muss ich mich Sorgen machen oder iss dat gebongt, weil et Maloche is?

02.10.2012
08:14
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von Fornax_Bo | #5

Aus welchem Archiv ist denn das Foto rausgekramt ? Hammer .... Röhrenmonitore auf einer LAN...das waren noch Zeiten ;-)

02.10.2012
08:00
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von mirabiledictu | #4

Psssst....

Es heißt MMORPG (massive multiplayer online role playing game) statt MPMRPG.

http://de.wikipedia.org/wiki/Massively_Multiplayer_Online_Role-Playing_Game

01.10.2012
23:12
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von GandalfDERWestfale | #3

Es ist ja schon zu beobachten das die jungen Leute, aber auch ältere, nur noch auf Ihre Smartphones guggen, die kommen in den Auftzug, früher wurde gegrüßt heute kopf im Ohr und aufs Iphone guggen, kein Guten Morgen mehr usw. Das gleiche ist bei jungen Handwerkern zu beobachten, die machen ein bischen , dann wird wieder aufs Iphone gekuckt und gechattet dann wieder etwas gemacht, dazwischen wird eine geraucht usw. Man bezahlt im grunde 1 bis 2 h nur fürs Iphone bedienen oder Rauchen.
Es sollte eine generelles Smartphoneverbot in Betrieben usw geben.
Ich habe schon oft beobachtet die sitzen zu 4 am Tisch und reden nicht , alle haben nen Iphone in der Hand und fummeln damit rum, wahrscheinlich chatten die miteinander.
Das ist eine ganz böse Entwicklung.

1 Antwort
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von Dr.Noetigenfalls | #3-1

Weg mir der ganzen Elektronik, früher ist man sogar die Treppe raufgegangen und hat nicht im Aufzug gestanden!

01.10.2012
22:32
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von DerBiker72 | #2

Hm das kann man testen...nehme einem sein Spielzeug PC oder Handy für längere Zeit (vlt. 2 Wochen) weg und schau, wie er damit klar kommt. Das es da Süchtige gibt, seh ich leider schon draussen, denen ihr i-Phone o.ä. scheinbar in der Hand festgewachsen ist und ständig reingucken müssen. Das hat leider ein gewisses Suchtpotential!

01.10.2012
22:25
Medienambulanz in Bochum soll bei Internetsucht helfen
von xxyz | #1

Es ist spannend zu sehen, wie Märkte geschaffen werden.

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