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Leid, verpackt in Umzugskisten

09.10.2007 | 00:00 Uhr

Staatsanwaltschaft und Polizei durchsuchten Wohnung und Büro des Essener Chefarztes Christoph Broelsch.Die Fahnder ermitteln seit Monaten, weil der Chirurg gegen Spenden bevorzugt operiert haben soll

Essen. Sie kamen morgens in der Früh und sie kamen in Mannschaftsstärke. Nicht weniger als drei Staatsanwälte und 64 Polizisten waren gestern beteiligt, als im Skandal um die angebliche Erpressung von Krebspatienten im Essener Universitätsklinikum ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Hausdurchsuchung beim renommierten Chefarzt Prof. Christoph Broelsch. Die Ermittler verließen dessen Wohnung in Düsseldorf und sein Klinikbüro mit zig Umzugskartons voller Akten, sicherten noch bis in den Nachmittag hinein elektronische Patientenkarteien.

Schon seit Monaten beschäftigen die Vorwürfe gegen den auch international bekannten Chirurgen, der einst als Leibarzt von Bundespräsident Johannes Rau galt, die Fahnder. Rund 100 ehemalige Patienten oder deren Angehörige hatten sich gemeldet, waren von den Beamten angehört worden. Ihr Vorwurf: Broelsch habe ihnen, oft todkranken Menschen, fünf- oder sechsstellige Spenden abverlangt, bevor er, "ihre letzte Hoffnung", sie operierte. Broelsch bestreitet die Vorwürfe, hatte im Juni in einem WAZ-Interview erklärt, lediglich aus humanitären Gründen auf sein Chefarzt-Honorar verzichtet zu haben, wenn die Patienten zu Gunsten des Klinikkontos spendeten.

Gestern nun überschlagen sich die Ereignisse. Nach der morgendlichen Durchsuchung in der Klinik, in Broelschs Wohnung stehen die Telefone in Uniklinikum, Universität Duisburg-Essen und Düsseldorfer Wissenschaftsministerium nicht still. Am Abend dann ordnet Rektor Lothar Zechlin die Dienstenthebung Broelschs an.

So viele Verdachtsmomente. Schon bald während der Ermittlungen, nach hunderten Gesprächen mit Zeugen, wurden sie durch weitere ergänzt. Mittlerweile wirft die Staatsanwaltschaft Broelsch Betrug, Erpressung von Patienten, Vorteilsnahme, Steuerhinterziehung und Verstoß gegen das Transplantationsgesetz vor.

Gestern nun ging es um weiteres Beweismaterial. Neben Broelschs Privatwohnung und Büro wurden auch die einer Oberärztin durchsucht, sowie medizinische Abrechnungsbüros in Duisburg, Mönchengladbach und Hamburg. "Prof. Broelsch war während der Durchsuchung zumeist anwesend, zwischendurch höchstens mal im OP", sagte Oberstaatsanwalt Willi Kassenböhmer. Broelsch habe sich dabei kooperativ gezeigt.

Ein Skandal, tatsächlich, der es in sich hat. Im Mittelpunkt ein Chefchirurg, dessen Name Strahlkraft hat, der sich bester Kontakte rühmen kann. Im Mittelpunkt aber auch eine anerkannte Universitätsklinik, die um ihren Ruf fürchtet. Auch sie soll von ihrem Chefarzt betrogen worden sein. In 31 Fällen nämlich soll Broelsch Privatpatienten gegen Spenden statt über das normale Abrechnungsverfahren behandelt haben. "Diese Gelder, Spenden zwischen 5- und 10 000 Euro, gab er gegenüber der Klinik nicht an. Dabei hätte diese beim normalen Abrechnungsverfahren Anspruch auf einen Teil der Zahlungen gehabt", so Oberstaatsanwalt Kassenböhmer.

Wo dieses Geld exakt geblieben ist, ob Prof. Broelsch es vor allem auf ein für Forschungszwecke gedachtes Drittmittelkonto überweisen ließ oder sich auch persönlich bereicherte, darüber erhoffen sich die Fahnder mit Hilfe der Durchsuchung Aufklärung.

Schwierige, aufwändige Ermittlungen sind das, aber auch von starken Emotionen geprägte. In zehn Fällen gehen die Staatsanwälte davon aus, dass Prof. Broelsch Patienten versprach, sie gegen Spenden höchstpersönlich zu operieren, die Arbeit jedoch von anderen ausführen ließ. In acht Fällen seien todgeweihte Patienten zu Broelsch gekommen. Patienten, die in anderen, durchaus angesehenen Kliniken als "austherapiert" galten, die sich nun an ihn, an seine Fähigkeiten als Chirurg klammerten. Auch hier habe Broelsch sein Eingreifen von Spenden abhängig gemacht. "Das waren Menschen, die unter enormem psychischen Druck standen. Broelsch versprach wohl 'Ich bin Ihre letzte Hilfe. Aber es kostet Geld'", erklärt Kassenböhmer.

Und ein Vorwurf, der bereits 2003 aufgetaucht war, scheint sich zu verfestigen. Prof. Broelsch soll gegen das Transplantationsgesetz verstoßen haben, soll an der gesetzlichen Warteliste vorbei Organe transplantiert haben. Auch dies gegen Zahlung fünf- und sechsstelliger Summen. Schon 2003 wurde gegen den Chirurgen ermittelt, weil er aus Israel stammenden Patienten Organe von aus Moldawien oder aus der Ukraine stammenden Spendern eingeplanzt hatte. In Deutschland sind Transplantationen jedoch nur unter Verwandten oder Freunden legal.

Oberstaatsanwalt Kassenböhmer gestern zu den neuen Fällen: "Ja, da sind auch ausländische Namen darunter..."

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