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Tierhaltung

Landwirt fühlt sich ausgetrickst von Tierwohl-Initiative

16.02.2016 | 11:58 Uhr
Landwirt fühlt sich ausgetrickst von Tierwohl-Initiative
"Initiative Tierwohl": eine schwierige Investition für Bauern.Foto: Jakob Studnar

Dorsten  Ludger Pass aus Dorsten hat in eine bessere Schweinehaltung investiert. Die „Initiative Tierwohl“ hatte gelockt. Plötzlich ist kein Geld für ihn da.

Hell ist es in den Ställen von Ludger Pass. Neue Fenster hat er eingebaut. Mehr Platz hat der Dorstener Landwirt seinen Schweinen auch verschafft – indem er auf jedes zehnte verzichtete. Vier Wochen, eine mehr als früher, lässt er die Ferkel nun bei den Sauen liegen. Und Raufutter, Stroh oder Heu, kriegen die Tiere neuerdings ebenfalls, zusätzlich zur Normalkost. Sogar „Spielzeug“ kaufte er fürs Vieh: Stricke, an denen es knabbern, Holzgedöns, mit dem es sich beschäftigen kann. Dieses, vieles andere und noch viel mehr Zeit, Arbeit und Geld investierte der Bauer in den vergangenen 18 Monaten in das Wohl seiner Tiere – darauf vertrauend, dass ihn die „Initiative Tierwohl“ entschädigen würde. Doch die hatte statt eines Zuschusses für den Schweinehalter nur einen Platz auf der Warteliste übrig: Platz 2300!

Hofft auf bessere Zeiten: Bauer Ludger Pass aus Dorsten. Foto: Jakob Studnar

Ludger Pass war „maßlos enttäuscht“, als er erfuhr, dass das Los gegen ihn entschieden hatte. „Ich dachte, ich bin auf der sicheren Seite. All meine Investitionen – futsch!“ 85 Millionen Euro flossen 2015 in den Fonds der Initiative Tierwohl, so viel wie erhofft – und doch viel zu wenig. Dass nicht einmal jeder zweite der 4700 Landwirte, die sich bundesweit bewarben, zugelassen werden konnte, damit hatte Ludger Pass „nie gerechnet“. „Ich hätte meine Tierhaltung niemals um zehn Prozent zurückgeschraubt. Die Kredite müssen ja weiter bedient und die Mitarbeiter ordentlich bezahlt werden.“

Den Kollegen in der Nachbarschaft ging es nicht anders: Im Kreis Recklinghausen, in Bottrop und Kirchhellen wurden insgesamt sieben Betriebe angenommen. Beworben hatten sich fast 40. „10 000 Euro gaben die Bauern im Schnitt für bessere Haltungsbedingungen aus“, erklärt Bernhard Schlindwein vom WLV, dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband. Im Einzelfall sei es sogar mehr gewesen: bis zu 60 000 Euro.

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„Wir fühlen uns unfair behandelt“, sagt Pass. Die Lebensmittelpreise („stabil seit fünfzig Jahren!“) deckten die Produktionskosten nicht mehr. Als er 1984 den Hof vom Vater übernahm, sei es ein Mischbetrieb gewesen. Mit Rindern, Schweinen, Hühnern. Den Großteil des Einkommens machten Äpfel und Kartoffeln aus. „Dann brach der Markt ein – unsere Ware entsprach nicht mehr der gewünschten Optik.“ Der Staat habe sogar „Fällprämien gezahlt, für die 600 herrlichen Hochstämme, die Obstbäume auf seinem Land. Wie andere Bauern habe er sich umorientieren, spezialisieren, effizienter werden müssen. Er setzte auf Sauenhaltung, Ferkelaufzucht und Schweinemast (sowie Gemüse). Dann habe der Verbraucher plötzlich befunden: Den Tieren in Deutschland geht es nicht gut, sie brauchen bessere Haltungsbedingungen. „Es wäre naiv von uns, darauf nicht zu reagieren“, sagt Pass. „Doch aus der Billig-Billig-Falle auszusteigen, ist nicht einfach.“

Deshalb war er zunächst skeptisch bei der „Initiative Tierwohl“. „Das Wohl der Tiere stand bei uns ja vorher schon im Fokus, sagt Pass’ Frau Adelheid, Ökotrophologin und „Gesundheitsministerin“ des Hofs, eine Frau vom Fach, die statt Antibiotika lieber Globuli gibt. Und wer sich auf dem Hof in Lembeck umschaut, sieht Schweine im Stall, die nicht in Boxen eingesperrt sind; er sieht muntere Ferkel, die um Sauen toben; er sieht, dass es sauber ist; dass Technik hilft, die Tiere ausgewogen zu ernähren – und dass der Bauer sie mag. Sicher, so gut wie auf der grünen Wiese haben sie es nicht. Doch es gibt Schweine, die ärmer dran sind.

War der Versuch es wert?

„Aber wir sind auch Kaufleute“, stellt Adelheid Pass klar. Und wir kämpfen bereits. Zwölf Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche – der Hof, die Tiere, das ist unser Leben.“ Vielleicht deshalb bewarb man sich für die Initiative: „Einen Versuch ist die Sache wert“, dachte sie. Doch er wurde ihnen verwehrt.

Und nun? Vier Cent pro verkauftes Kilo Fleisch zahlt der Lebensmittelhandel in den Tierwohl-Fonds ein. Zwei Cent mehr – „und wir wären raus aus der Misere“, sagt Pass. Doch der Handel will nicht aufstocken. Er wirft Bauern und Schlachtern „Wortbruch“ vor, weil diese den versprochenen „Befunddatenindex“ noch nicht vorlegten. Neutrale Veterinäre sollen für diesen Index im Schlachthof Leberwerte, Herz- oder Atemwegserkrankungen der Schweine festhalten.

So soll überprüft werden, ob die Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls fruchten. „Wir machen aber Druck“, versichert Bernhard Schlindwein, der Schweineexperte des WLV. Mitte des Jahres, hofft er, sei der Index da. Das Projekt nennt er dann auch nicht gescheitert, sondern: „eine super Geschichte, die noch nicht erfolgreich ist“. Er sei „zuversichtlich“, dass man sich einig werde.

Ute Schwarzwald

Kommentare
18.02.2016
21:52
Landwirt fühlt sich ausgetrickst von Tierwohl-Initiative
von myZeitung | #6

Der Zynismus im Artikel ist nicht steigerungsfähig! Hier wird allen Ernstes von “Tierwohl” gesprochen! Soweit man zurückdenken kann wird geschwätzt:...
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2016-02-16 11:58
Initiative Tierwohl,Landwirte,Fleisch,Lebensmittel,
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