Das aktuelle Wetter NRW 18°C
Papst-Rücktritt

Kevelaer freut sich auf den nächsten Papst nach Benedikt XVI.

12.02.2013 | 18:14 Uhr
Sie wollen eine offenere Kirche: Franz und Uschi Douteil.Foto: Kai Kitschenberg

Kevelaer.   In Deutschlands zweitgrößtem Wallfahrtsort sind viele von Papst Benedikt XVI. enttäuscht. Große Wut herrscht noch über seinen Umgang mit den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche und den vergewaltigten Frauen, die in katholischen Kliniken in Köln nicht versorgt wurden.

Langsam erwacht das Leben in der Fußgängerzone von Kevelaer: Karten mit aufgedruckten Kreuzen werden vor den Geschäften in den trüben Morgen gestellt. Kerzen, kleine wie große, stehen zum Kauf bereit. Dass der Rücktritt des deutschen Papstes Deutschlands bekanntestem Wallfahrtsort schaden könnte, glaubt hier keiner.

„Auch vor der Amtszeit von Benedikt war hier viel los“, sagt Trudi Jacobs (79) vom Glaskunst- und Devotionaliengeschäft direkt gegenüber der Gnadenkapelle und schiebt nach: „ Paul, der war ja hier. Aber der deutsche Papst hat es ja nicht bis nach Kevelaer geschafft.“ Sie verstehe, dass er nicht mehr Papst sein wollte. „Besser so, als wenn er bei der Predigt umkippt.“

Der Laden, im dem sie schon seit über vierzig Jahren steht, wird weiter teilhaben an der Million Touristen, die sich pro Jahr durch den beschaulichen Ort schieben, das denkt auch ihre Tochter Lucia Jacobs (41). Doch das Geschäft ist nicht alles, was die Glaskünstlerin bewegt. „Der jetzige Papst war mir zu konservativ. Unser Pfarrer zum Beispiel, er ist offen für unsere Probleme. Der Papst war es nicht.“

Pontifikalamt in Kevelaer

Wut über Missbrauchsskandale

Es sei gut, dass Benedikt abgetreten ist, so Lucia Jacobs. Zölibat, Missbrauchsskandal, die vergewaltigten Frauen, die von katholischen Kliniken abgewiesen wurden – die Wut darüber ist an diesem heiligen Örtchen größer als die Freude über den Umstand, dass ein Deutscher Papst war.

Wobei Barbara Holtmann vom Ordnungsamt, die gerade auf der Suche nach Falschparkern ist, es schön fand, „dass der Papst unsere Sprache spricht“. So war man sich nahe. Außerdem „war Benedikt, was das Zelebrieren der Messe angeht, ein gutes Vorbild“. Nur – „also Latein, nein, man muss ja nicht alles gut finden“.

Rücktritt

Es wird sein letzter öffentlicher Auftritt: Am 27. Februar will sich Benedikt XVI. bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz von den Gläubigen verabschieden. Bis zu seinem Rücktritt werde der Papst aber noch alle Termine wahrnehmen. Nur seine Enzyklika wird nicht mehr fertig.

Uschi und Franz Douteil aus Goch, beide in der katholischen Kirche aktiv, sind „nach dem Schock am Montag“ nachdenklich geworden. „Wir brauchen neue Impulse“, sagt Uschi Douteil (60). Sie sei kein nachtragender Typ, aber „dass es erst hieß, vergewaltigte Frauen sollten das Kind austragen, das ist doch unerträglich. Wo soll denn da Mutterliebe entstehen? Und außerdem ist diese Pille danach doch gar keine Abtreibungspille.“

Nach Luthers Revolution ist alles nur noch eine Bruchbude

Beide Douteils finden, dass sich die katholische Kirche öffnen müsse, auch in Verhütungsfragen. „Und wenn man sich so gegen den Einfluss von Frauen wehrt, wird die Kirche noch mehr Anhänger verlieren“, so Uschi Douteil.

Im Priesterhaus kann heute kein Geistlicher das Kirchenoberhaupt vor so viel Kritik in Schutz nehmen. „Es ist kein Priester da“, heißt es kurz und knapp an der Pforte.

Aber dafür hat Christoph Klapper (70) eine Verteidigungsrede auf Lager. Der ehemalige Bank-Angestellte steht vor der Kerzenkapelle, zündet sich einen Zigarillo an und sagt: „Gottvater hat eben nur die Männer ausgesucht. Frauen spielten keine Rolle.“ Überhaupt sei er fasziniert davon, wie klug der Papst war und ist. Dass er die Nähe zu Protestanten, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht verstärkt habe, ist für Klapper nur logisch: „Von Luther ging eine Revolution aus. Luther hat alles abgeschafft. Wenn man Denkmäler stürzt, bleibt eine Bruchbude zurück. Und das passt dann nicht zusammen.“ Ein paar Meter weg von Herrn Klapper, in der Fußgängerzone, findet der Papst wieder deutlich weniger Sympathisanten.

Susanne Stamm (37) kassiert gerade in einem Ein-Euro-Laden ab. „Ein Euro“, sagt sie, als sie dem Kunden das Feuerzeug aushändigt. „Den Papst hat es doch noch nie interessiert, dass es Leute gibt, die einen Zufluchtsort brauchen.“ Weil sie arm seien oder in Not. „Es geht denen da oben doch nur um die eigene Macht. Auch in Kevelaer bestimmt die Kirche alles. Und wenn ich so was sage, werde ich wahrscheinlich geteert und gefedert.“

Eine Kundin, die fragt, ob man ihr den gekauften Ballon auch aufblasen könnte, nickt. „Wir kleinen Leute sind dem Papst doch egal.“

Petra Koruhn


Kommentare
14.02.2013
08:26
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

13.02.2013
05:21
Kevelaer freut sich auf den nächsten Papst nach Benedikt XVI.
von laurenzo | #2

Der "Artikel" ist ja wohl das Allerletzte! Ist Papst Benedikt vielleicht auch noch für das schlechte Wetter verantwortlich? Für die angebliche "Abweisung" einer vergewaltigten Frau in Köln wird ihm ja hier genauso die Schuld zugeschoben wie für die vereinzelten historischen Mißbrauchsfälle, gegen die er beispielhaft vorgegangen ist! Und daß das im Fall "Köln" nicht ganz so war wie die Einheitspresse es den Menschen einsuggeriert hat und die von Koruhn zitierten Hinz und Kunz und Lieschen Müllers von der Straße es gerne wiederblöken, könnte eigentlich auch bekannt sein. Wirkliche Katholiken sind in diesen Tagen todtraurig und zugleich voller Wut auf Leute, die wie die Autorin ohne jegliche Qualifikation die Pressefreiheit für Häme und Hetze mißbrauchen. Schämen Sie sich!

12.02.2013
19:40
Kevelaer freut sich auf den nächsten Papst nach Benedikt XVI.
von 2013witten | #1

Komisch. Solch ein Artikelchen darf man nach Herzenslust kommentieren. Den bis zur Peinlichkeit schwülstigen "Kommentar" des Chefredakteurs zum gleiche Thema dagegen vorsichtshalber nicht.

Warum eigentlich?

1 Antwort
Kevelaer freut sich auf den nächsten Papst nach Benedikt XVI.
von Der.Marlboro.Mann | #1-1

Kurz gesagt: Das würde ihn reitzen.

Aus dem Ressort
Urlaub daheim - Bochumer erleben Bochums schönste Seiten
Binnen-Marketing
Die Einheimischen sind die besten Botschafter einer Stadt – wenn sie wissen, wo es besonders schön ist. Deshalb hat „Bochum Marketing“ jetzt ein touristisches Programm aufgelegt, das Bochumern Bochum zeigen soll – und sie zahlen sogar dafür. 170 Botschafter wurden an diesem Wochenende gewonnen.
Fußball in Zeiten des Krieges - Netanya-Talente in Sorge
Antisemitismus
Die jungen Kicker aus dem israelischen Netanya wollen nur spielen im Ruhrgebiet. Doch der Konflikt drängt von allen Seiten auf sie ein. Und die Realität ist ohnehin kompliziert: Fünf von ihnen, die in Dortmund von Neonazis beschimpft wurden, sind Palästinenser.
Duisburger Tierheim muss Aufnahmestopp für Katzen verhängen
Fundtiere
Das Tierheim in Duisburg-Neuenkamp zieht zum zweiten Mal die Notbremse. Zu viele Fundtiere und eine Sicherstellung von über 40 Katzen und Katern aus einer Wohnung haben die Kapazitäten erschöpft. Einige der Tiere könnten Besitzer haben, die ihre Katzen als vermisst meldeten.
Zweite Urlaubswelle in NRW! Hier drohen Staus auf Autobahnen
Stau
An diesem Wochenende könnte es auf NRWs Autobahnen voll werden. Zur Halbzeit der Sommerferien startet die zweite Urlaubswelle, viele andere Urlauber kommen zurück. In drei Bundesländern starten außerdem die Ferien. In unserer Übersicht lesen Sie, wo es besonders voll wird.
Antisemitismus - Viele Juden in NRW fühlen sich bedroht
Juden
Nach einer anti-israelischen Demonstration in Essen wurde in Herne das Shoa-Mahnmal beschädigt. Auch an der Duisburger Synagoge hat die Polizei ihre Präsenz verstärkt. Am Donnerstagabend hatten jüdische Organisationen in Düsseldorf zu einer Solidaritätskundgebung mit Israel aufgerufen.
Umfrage
S-Bahnen in NRW sollen bald wieder mit Außenwerbung auf den Zügen herumfahren. Was halten Sie davon?
 
Fotos und Videos
Attendorn von oben
Bildgalerie
Aus der Luft
Schmallenberg aus der Luft
Bildgalerie
von oben
Finnentrop von oben
Bildgalerie
Aus der Luft