Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Medizin

Japans Roboteranzug für Gelähmte wird in Bochum getestet

10.09.2012 | 17:01 Uhr
Philippe von Gliszynski im HAL-Anzug: Mit seiner Hilfe lernte der Querschnittsgelähmte wieder laufen. 150 Meter weit kommt er inzwischen allein mit dem Rollator.Foto: Matthias Graben

Bochum.   Am Bochumer Universitätsklinikum Bergmannsheil ist das europaweit erste Zentrum für Neurorobotales Bewegungstraining mit HAL-Systemen eröffnet worden. Diese japanischen Roboteranzüge sollen in der Therapie von Querschnittsgelähmten eingesetzt werden. Erste Erfolge machen Betroffenen Hoffnung.

Die Freundin, sagt Philippe von Gliszynski (35) strahlend, sei froh, dass er wieder den Abwasch machen könne. Ihm selbst ist vermutlich anderes wichtiger: Die Tatsache etwa, dass er wieder stehen und laufen kann. Ohne Hilfe, allein am Rollator, „150 Meter weit!". Denn Phillippe von Gliszynski ist querschnittsgelähmt; seit er im Dezember 2010 beim Schnee-Räumen vom Dach eines Reitstalls in die Tiefe stürzte, sitzt er mit gebrochenem 12. Brustwirbel im Rollstuhl.

Und galt als „austherapiert“, bis Prof. Thomas Schildhauer, ärztlicher Direktor der Bochumer Uniklinik Bergmannsheil, den 35-jährigen Architekten aus Essen als ersten Probanden für das neue ZNB gewann: das europaweit erste „Zentrum für Neurorobotales Bewegungstraining mit HAL-Systemen“. Gestern wurde es feierlich eröffnet.

Hier wird mit dem Cyborg-Type-Roboter gearbeitet. Er wird wie eine Rüstung angelegt und unterstützt die Bewegungen von Gliedmaßen. Gesteuert wird das Gerät über Nervenstimulation der Haut; der Patient selbst bestimmt den Bewegungsablauf. Die Technik soll helfen, den Bewegungsapparat gehbehinderter Menschen zu trainieren. (Foto : Matthias Graben)

HAL steht für „Hybrid Assistive Limb“, kommt aus Japan, steckt voller revolutionärer Technik und sieht aus wie ein futuristisches, menschliches Außengerippe; der Patient legt es an wie eine Rüstung. Einfach erklärt, greift das Robotersystem Nervenimpulse ab und setzt sie um in Bewegung. Was Gelähmte, Amputierte, Parkinson-Kranke oder Schlaganfall-Patienten fitter und mobiler machen soll.

Medizinstandort NRW

In verschiedenen Ländern werden ähnliche „Exo-Skelette“ inzwischen hergestellt, in Japan sind 300 HAL-Anzüge bereits im (Pflege-)Einsatz. Klinische Studien über Einsatzmöglichkeiten und Erfolge in der Therapie aber gibt es nicht. Im Bochumer ZNB sollen sie gemacht werden. Wobei man sich hier auf Paraplegiker (Querschnittsgelähmte) konzentrieren will. Fünf Anzüge sind vorhanden, zehn sollen es werden.

Ausschlaggebend für die Entscheidung der Japaner für Bochum sei der Ruf der Stadt als Zentrum für Gesundheit und Gesundheitswirtschaft gewesen, erklärt NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin bei der Eröffnung des ZNBs gestern früh. Und für die Zukunft des Medizinstandorts NRW wiederum sei die Ansiedlung „von großer Bedeutung“.

Meldung
Bochumer Klinik testet Roboteranzug für Gelähmte

Das Bochumer Universitätsklinikum Bergmannsheil setzt als erstes Krankenhaus in Europa auf die neue Technologie: Mit Hirnimpulsen steuert der Kranke seinen Anzug und erlangt neue Bewegungsfähigkeit.

Prof. Yoshiyuki Sankai, HAL-Erfinder und Geschäftsführer der Herstellerfirma Cyberdyne Inc., der für das Ereignis eigens aus Japan anreiste, verbeugt sich an dieser Stelle der Ministerrede (wie so oft) bescheiden. Und beginnt seine – mit einem Foto der Pressemeute. Schließlich sei dies „ein sehr wichtiger Moment“. Seit 20 Jahren arbeitet der mehrfach prämierte Wissenschaftler an HAL. Und die Filme, die er von seiner Arbeit zeigt, beeindrucken: In nur fünf Stunden (!) brachte das HAL-Training einen 50-Jährigen, der als Baby an Kinderlähmung erkrankt war, wieder ans Laufen; sogar einen hochbetagten Parkinson-Patienten, seit Jahren Pflegefall, wieder auf die Beine. Und denkbar, so Sankai, sei viel mehr: Sein Vortrag endet mit zwei Bildern, von Homo und HAL sapiens...

Video
Bochum, 10.09.2012: Am Bergmannsheil Universitätskrankenhaus wurde am Montag das Zentrum für Neurobotales Bewegungstraining kurz ZNB eröffnet.

Prof. Schildhauer gibt sich vorsichtiger; er will keine falschen Hoffnungen wecken. HAL sei nicht für jeden Patienten geeignet, sagt er, für solche mit starken Spastiken oder einem kompletten Querschnitt sicher nicht. HAL sei zudem ein Trainingsgerät, kein ständiger Begleiter. Doch auch er ist begeistert von ersten Therapieerfolgen in Bochum, spricht von „dramatischen Verbesserungen“ und „deutlich gesteigerter Mobilität der gelähmten Patienten“.

Geschirr im Oberschrank der Küche

Brigitte Vogel (54), eine weitere ZNB-Probandin der ersten Stunde, hat es am eigenen Leibe erlebt. Bei einem Radfahr-Unfall wurde ihre Wirbelsäule verletzt, im März begann die Rollstuhlfahrerin aus Münster mit der HAL-Therapie. Heute kann sie den netten Nachbarn mit den blöden Stufen vor dem Haus wieder allein besuchen. Oder Geschirr aus dem Oberschrank holen. Und zur Therapie kommt sie nicht mehr im Taxi, sondern mit dem eigenen Auto. Allerdings nicht mehr so oft: Zeitnot. Die Bankkauffrau geht wieder arbeiten.

Ute Schwarzwald



Kommentare
11.09.2012
01:35
Japans Roboteranzug für Gelähmte wird in Bochum getestet
von Xavinia | #1

Das wäre ja eine Sensation!

Da kann man allen Betroffenen nur ganz kräftig die Daumen drücken, dass sie für diese Therapie in Frage kommen!

Die Hoffnungen sind bestimmt unglaublich groß und wer möchte diese schon gerne minimieren?

Meine Daumen jedenfalls bleiben gedrückt!

Toi Toi Toi!

Aus dem Ressort
Betrunken vor Baum gefahren - 17.100 Euro Strafe für Asamoah
Asamoah-Prozess
Der frühere Nationalspieler Gerald Asamoah ist im März betrunken und zu schnell gegen einen Baum gefahren. 16 Monate solte er den Führerschein verlieren und über 40.000 Euro zahlen. Zu viel, befand der Fußballer. Er legte Widerspruch ein und konnte innerhalb einer halben Stunde viel Geld sparen.
Experten schlagen vor, Wassermassen in Grünanlagen zu lenken
Starkregen
Inzwischen passieren Jahrhundertregen dem Ruhrgebiet jedes Jahr. Auf einer Tagung in Bochum berieten Wasserwirtschaftler und Wassertforscher, wie man die Städte regenfest macht. Eine Idee: Parkplätze und Fußballplätze geordnet fluten, um die Wassermassen zwischenzuspeichern.
Auf der A59 in Duisburg ist weiter Schritttempo angesagt
Autobahn 59
Auf der A 59 in Richtung Norden ist die Freude über das Ende der Großbaustelle groß. Auf der Gegenspur ist im Berufsverkehr hingegen Schritttempo angesagt. Die A 59 nach Düsseldorf ist auf der Berliner Brücke momentan nur einspurig befahrbar. Die Aufräumarbeiten ziehen sich noch die ganze Woche hin.
Autobahn 43 wird in zehn Jahre sechsspurig ausgebaut
Straßenbau
Von den wenigen Nord-Süd-Autobahnen durchs Ruhrgebiet ist sie noch die wichtigste: Die A43 Münster-Wuppertal durchquert im Kern des Reviers Recklinghausen, Herne und Bochum. Genau dort soll sie nun auch sechsspurig werden. Das kostet eine halbe Milliarde Euro und wird vermutlich zehn Jahre dauern.
Staatsanwälte verteidigen kritisiertes Loveparade-Gutachten
Loveparade
Anwälte der Angeklagten im Prozess um die Loveparade-Katastrophe zweifeln die Verwertbarkeit der Expertise des Panikforschers Keith Still aus formalen Gründen an. Bekämen sie recht, würde der Prozess platzen. Die Einwände weisen die Ankläger in einem Bericht an den Justizminister zurück.
Umfrage
Samstag ist Feiertag, die Geschäfte haben geschlossen - dafür sind am Sonntag in vielen Städten die Geschäfte geöffnet . Was halten Sie von verkaufsoffenen Sonntagen?

Samstag ist Feiertag, die Geschäfte haben geschlossen - dafür sind am Sonntag in vielen Städten die Geschäfte geöffnet. Was halten Sie von verkaufsoffenen Sonntagen?

 
Fotos und Videos
So schön kann der Herbst sein
Bildgalerie
Herbst
SEK schießt Axt-Angreifer an
Bildgalerie
Polizeieinsatz