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Rhein und Ruhr

In jedem von uns steckt ein Hackl-Schorsch

20.06.2007 | 08:59 Uhr

Oberhundem. 25 Grad, Sonnenschein, klassisches Wetter für die Sommerfrische. Und trotzdem: Wir gehen heute rodeln.

Mein Sohn Simon (6) hat vor zwei Jahren einen Schlitten zu Weihnachten geschenkt bekommen. Erst ein einziges Mal haben wir ihn auf einem Matschschnee-Hügel ausprobieren können. Weder Simon noch sein Bruder Malte (4) haben deshalb den Wunsch geäußert, nach Bayern auszuwandern. Ich aber fühle mich als Klimawandel-Opfer. Denn in mir steckt - wie in jedem Mann - ein Rennrodler, ein Hackl-Schorsch (allerdings ohne Latexrennanzug und bayrischen Dialekt.) Georg Hackl, der mehrfache Olympiasieger im Rennrodeln, hat auch auf der Sommerrodelbahn im Panorama-Park Sauerland eine Fabelzeit hingelegt. Für 1200 Meter in der Edelstahlrinne benötigte er 1,20 Minuten - Bahnrekord! Als ich mit Simon und Malte zum Sommerrodeln aufbreche, ahnt meine Frau natürlich nicht, dass sie gerade die Crews von Schlitten Deutschland I und Deutschland II verabschiedet: "Fahrt vorsichtig!" klingt deshalb nicht ganz angemessen. Sie hätte doch auch sagen können: "Fahrt aber Ideallinie!"

Andreas Benkendorf von der Panorama-Park-Verwaltung weist uns ein, auch so ein Familienvater mit Rennleidenschaft. Er erzählt uns, dass nach Betriebsschluss im Park gern mal Belegschaftsrennen gefahren werden. Bei 1,25 Minuten liegt sein persönlicher Rekord. Man munkelt, dass solche Zeiten nur zu schaffen sind, wenn man alle Bremshinweise an der Bahn hartnäckig ignoriert.

Zuerst geht Deutschland I mit Papa und seinem Jüngsten an den Schlepplift des "Fichtenflitzers". Ganz schön cool der Kleine, schmiegt sich aerodynamisch in meine Arme und hat sogar noch Augen für die herrliche Rothaargebirgslandschaft. Mitten in der Schussfahrt fängt er an, Unterführungen zu zählen ("Guck mal, Papa, noch ein Tunnel"), während ich um die Ideallinie ringe und meinen Mitfahrer etwas verkrampft gegen böse Fliehkräfte beschütze. Im Ziel dann die Ernüchterung: 2,14 Minuten zeigt die Stoppuhr von Andreas Benkendorf. Da ist noch Luft nach oben drin.

Deutschland II mit Papa und dem Älteren hat den Bogen spätestens nach drei Kurven raus. Nach einer eleganten Links-Rechts-Kombination, in der ich den Bremsstab nur noch sanft antippe, ernte ich Jubelschreie meines Mitfahrers - und dann hackeln wir nur so ins Ziel. Endzeit: 1,52 Min. "Es soll ja vor allem Spaß machen", tröstet mich Andreas Benkendorf.

Und dann erzählt er, dass der Hackl-Schorsch bei seinem Bahnrekord die Rollen unterm Schlitten vorbehandelt habe. Mit einem Wunderwachs? Mit Wärme? Oder mit Gleitcreme? Ja, bittschön, wo bleibt denn da die Chancengleichheit. . .

Die Kinder haben längst andere Freizeitparkziele wie das Wasserbomben-Katapult oder die Kinderachterbahn im Blick. Aber der Pilot von Deutschland I und Deutschland II ist noch nicht fertig mit dem "Fichtenflitzer". Diesmal gehe ich allein auf die Strecke, versuche, fast ohne Bremse auszukommen, leiste mir prompt einen bösen Fahrfehler und verliere an Tempo. "Sappradi, da hätt's den Bursch fast von der Bahn gehau'n", hätte Wintersport-Reporterlegende Harry Valerien kommentiert. Mit 1,53 Minuten bleibe ich hinter meinen Möglichkeiten.

"Und", frage ich hinterher meine Söhne, "war's Euch zu schnell?"

"Zu langsam", antwortet der Große.

Tja, ich hatte ja auch keinen Latexrennanzug an.

Von Jürgen Potthoff

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