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Affäre um Stadtwerke Bochum wird zum absurden Theater

23.11.2012 | 18:51 Uhr
Affäre um Stadtwerke Bochum wird zum absurden Theater
Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz ist eine der tragischen Heldenfiguren in der Bochumer Atriumtalk-Affäre.

Bochum.   Die Honorar-Affäre rund um die Stadtwerke Bochum erinnert an absurdes Theater. In den Hauptrollen: Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, Stadtwerke-Chef Bernd Wilmert und der Promi-Vermittler Sascha Hellen. Bester Nebendarsteller: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Großes Theater hat in Bochum Tradition. Das Schauspiel indes, das seit Wochen bundesweit Schlagzeilen liefert, findet nicht auf der Bühne an der Königsallee statt: Es ist die Honorar-Affäre rund um die Stadtwerke Bochum.

Tragische Helden dieser Klamotte sind Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (64, SPD), Stadtwerke-Chef Bernd Wilmert (60, SPD) und Promi-Vermittler Sascha Hellen (34). Top besetzt ist die Nebenrolle: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (65) entfachte den Skandal durch Veröffentlichung seiner Nebeneinkünfte. Als Redner beim „Atriumtalk“ der Stadtwerke kassierte er von der reichen Tochter der klammen Kommune 25 000 Euro.

Stadttöchter geben Hunderttausende für Glanz-und-Gloria-Feste aus

Anselm Weber, Intendant im Schauspielhaus, müsste dieser Stoff faszinieren. Zumal er zwei Protagonisten viel zu verdanken hat. Als Weber 2011 mit seinem Etat nicht klar kam, fuhr er hinauf in den 15. Stock des noblen Stadtwerke-Turms am Ostring und tat, was Vereine, Verbände und Kulturinitiativen seit Jahren tun: Er bat Bernd Wilmert um Hilfe. Wenig später war sein Haus um 400 000 Euro reicher, der Etat der Spielstätte ausgeglichen. So geht das in Bochum. Man kennt sich, man hilft sich. Dank des erfolgreichen Energieversorgers muss trotz 1,6 Milliarden Euro Schulden niemand Leuchttürmen wie Schauspielhaus, VfL Bochum oder Starlight Express den Strom abdrehen.

Die Bochumer Saga um den Atriumtalk.

Dieses unkomplizierte, kumpelhafte Miteinander wird den Beteiligten jetzt zum Verhängnis. Die Honorar-Affäre bringt ans Licht, dass bislang Jahr für Jahr über die Stadttöchter Stadtwerke und Sparkasse Hunderttausende Euro via Hellen Medien GmbH in Glanz-und-Gloria-Gelage wie Atriumtalk, Steiger Award und „Herausforderung Zukunft“ flossen; Geld, das 190 000 Haushalte zuvor über die Preise für Strom, Gas und Wasser eingespeist hatten. Zudem offenbart der Skandal falsche Strukturen und Schwächen hoch bezahlter Akteure, von denen keiner Verantwortung übernehmen will. Nach drei Aufsichtsratssitzungen, einigen Pannen und dem Bericht eines Wirtschaftsprüfers steht fest: Das Geschäft mit der Reihe Atriumtalk, in der für üppige Honorare neben Steinbrück prominente Redner wie Richard von Weizsäcker, Joachim Gauck oder Senta Berger auftraten, war schlechter geregelt als jede Abi-Fete.

Hintergrund
Chronik der Bochumer Affäre
  • 29.2.2008: Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist erster Gast beim Atriumtalk. Laut Stadtwerke erhielt er 20.000 Euro Honorar, soll auch gespendet haben. Kosten des Abends: 108.851€.
  • 14.11.2008: Die geplante Runde mit Mario Adorf fällt aus. Der Mime ist krank, erhält aber 10.000 Euro Honorar. Kosten: 39.035€.
  • 6.3.2009: Joschka Fischer talkt. Honorar 20.000 Euro, soll gespendet haben. Kosten: 88.679€.
  • 13.11.2009: Peter Maffay ist zu Gast. Er spendet freiwillig sein Honorar von 20.000 Euro an die eigene Stiftung. Kosten: 89.629€.
  • 6.3.2010: Uli Hoeneß plaudert in Bochum. Er spendet sein 20.000-Euro-Honorar auf eigenen Wunsch an eine Kinderkrebsklinik. Kosten des Abends: 79.911€.
  • 16.3.2010: Die WAZ Bochum berichtet, dass Altkanzler Schröder zum Atriumtalk kommen will.
  • 24.3.2010: Die NPD im Rat stellt Fragen zu Kosten des Atriumtalks und zur Verwendung der Honorare.
  • 5.9.2010: Im Hauptausschuss liegt die Antwort der Stadtwerke vor: Alle Honorare würden gespendet für karitative Zwecke.
  • 18.11.2010: Die Stadtwerke schließen einen Vertrag mit Sascha Hellen für zehn Atriumtalks bis 2015 ab. Der Medienberater erhält 60.000€ vorab.
  • 11.12.2010: Joachim Gauck ist zu Gast. Honorar: 25.000€, keine Spende. Kosten: 96.397€.
  • 7.5.2011: Atriumtalk mit Senta Berger. Honorar: 25.000€, keine Spende. Kosten: 104.496€.
  • 26.11.2011: Atriumtalk mit Steinbrück. Honorar: 25.000€, will  nachträglich spenden; 106.892€.
  • 26.10.2012: Talk mit Hans-Dietrich Genscher. Honorar: 25.000€. Wird evtl. noch spenden. Kosten bislang: 43.496€ (Abrechnungen fehlen).
  • 30.10.2012: Peer Steinbrück veröffentlicht Nebenverdienste. Die Stadtwerke sagen, er habe gespendet, beziehungsweise habe  spenden sollen.
  • 1. bis 4.11.2012: Steinbrück widerspricht und erwirkt eine Unterlassungserklärung.
  • 5.11. bis heute: Stadt und Stadtwerke versuchen vergeblich, die Honorar-Affäre aufzuklären. (thom)

In den ersten Jahren (2008 bis Ende 2010) gab es überhaupt keinen Vertrag mit Hellen, danach wurde ein Papier aufgesetzt, das die Prüfer so bewerten: „Der am 18.10.2012 geschlossene Vertrag enthält nur rudimentäre Angaben zu den von der Hellen GmbH zu erbringenden Dienstleistungen.“ Und: „Die rechtliche Ausgestaltung der Verträge entspricht nicht in allen wesentlichen Punkten den üblicherweise zu stellenden Anforderungen. Insbesondere wäre eine konkretere inhaltliche Ausgestaltung unseres Erachtens nach gerecht gewesen.“

Dass es einen Vertrag gibt, hat ausgerechnet der NPD-Vertreter im Rat bewirkt. Er setzte nach einem WAZ-Bericht über einen möglichen Auftritt von Altbundeskanzler Gerhard Schröder beim Atriumtalk das Thema im März 2010 auf die Agenda. Im Juni antworteten die Stadtwerke, unterzeichnet von Sprecher Thomas Schönberg: „Die Gäste selbst bekommen kein Geld. In der Regel wird eine von den Gästen zu benennende Stiftung bzw. karitative Einrichtung mit 20 000 Euro bedacht.“ Bis zur Bekanntgabe der Steinbrück-Honorare hielt Schönberg an seiner Version fest.

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Kommentare
30.11.2012
15:40
Affäre um Stadtwerke Bochum wird zum absurden Theater
von Athene | #76

@mf 60

Für mich sind 25000 Euro ein Jahreseinkommen. Jeden Cent, den mir die Stadtwerke berechnen muss ich hart erarbeiten. Dabei "darf" ich noch...
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2012-11-23 18:51
Rhein und Ruhr