Immer mehr Grundschüler in NRW bekommen Nachhilfe
03.02.2011 | 20:07 Uhr 2011-02-03T20:07:00+0100
Ruhrgebiet. Die Zahl der Grundschüler, die in Nordrhein-Westfalen von ihren Eltern zur Nachhilfe geschickt werden, steigt. Der Grund: die Angst der Eltern, dass ihr Kind eine schlechte Empfehlung für die weiterführende Schule bekommt.
Raus aus dem Unterricht, rein in die Lernverlängerung: Immer mehr Kinder bekommen schon im Grundschulalter Nachhilfe.
Kummer mit Mathe, auf Kriegsfuß mit Deutsch. „Alarmierend“ nennen die Experten der Bertelsmann-Stiftung Zahlen, die sie selbst erfasst haben: Allein im Fach Deutsch bekamen bereits im Jahr 2006 12,5 Prozent der Grundschüler in Nordrhein-Westfalen Nachhilfe. Tendenz steigend. Neue Erhebungen des deutschlandweit tätigen Anbieters „Studienkreis“ aus Bochum zeigen: Innerhalb eines Jahres hat sich der Anteil der Grundschüler an den Nachhilfeschülern fast verdoppelt. Im Dezember 2008 kamen NRW-weit sechs Prozent der Studienkreis-Schüler aus den Grundschulen, im Januar 2010 waren es schon elf Prozent.
„Die Kinder bekommen hier den letzten Kick“
Nicolas aus Dortmund ist einer von ihnen: acht Jahre, dritte Klasse, Probleme mit der Grammatik. „Nichts Ernstes“, sagt seine Mutter, „aber Nicolas bildet oft falsche Sätze.“ Für die Fächer Englisch und Deutsch bekommt er deshalb eine kleine Starthilfe. Zweimal die Woche, je eineinhalb Stunden. Nicolas sei kein schlechter Schüler. So wie viele andere, die trotzdem zur Nachhilfe gehen. „Die Kinder bekommen hier den letzten Kick. Ich sehe, dass es meinem Jungen gut tut und dass auch sein Selbstbewusstsein stärker wird“, sagt die Mutter. Im Grundschulalter sei die Nachhilfe eine spielerisch-lockere Ergänzung zum Unterricht und kein gnadenloses Pauken. Sie will ja nur ihr Bestes für ihr Kind – und verzichtet deshalb lieber darauf, selbst als Frau Lehrerin aufzutreten: „Wenn Eltern sich mit ihren Kindern zum Lernen hinsetzen, kann das Stress und Wutausbrüche zur Folge haben.“
Experten gehen davon aus, dass die Nachhilfe vor allem dann interessant wird, wenn der Wechsel auf die weiterführende Schule näher rückt. Derzeit spricht in Nordrhein-Westfalen noch die Grundschule eine Empfehlung aus. „Ist doch klar, dass keine Mutter ihr Kind gerne auf der Hauptschule sehen möchte“, sagt Nicolas’ Mutter. Auch deshalb kratzten einige Eltern ihr Geld zusammen, um ihrem Kind frühzeitig Nachhilfe zu bezahlen – und damit womöglich die Empfehlung fürs Gymnasium einzukaufen.
„Ich bin gespannt, ob sich die Situation entspannt, wenn die Empfehlung für die weiterführende Schule auch in NRW nicht mehr von der Grundschule gegeben wird, sondern diese Entscheidung wieder den Eltern überlassen wird.“ Das sagt Rixa Borns von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Ihre Gewerkschaft kritisiert einen „Leistungsdruck an Grundschulen“. Auch, weil sich nicht jeder Nachhilfe leisten könne.
Büffeln bis der Arzt kommt – besser nicht. „Gerade Grundschüler sollten nicht überfordert werden“, warnt Dr. Andreas Richterich, Chefarzt der Helios-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bochum.
Eine Drei akzeptieren
Es könne nicht sinnvoll sein, dass ein sechs- oder siebenjähriger Schüler jeden Nachmittag zwei Stunden mit Lernen und Hausaufgaben verbringt. Richterich geht davon aus, dass nicht in jedem Fall die Nachhilfe bei Grundschülern wirklich notwendig ist. „Oft achten wir bloß auf die Noten. Wenn es dem Kind gut geht, sollten die Eltern aber auch mal mit einer Drei zufrieden sein.“ Verteufeln möchte er die Nachhilfe nicht: „Das muss der Einzelfall zeigen.“
14:41
@ DerNachdenker
... und ich habe schon erlebt, dass manche Lehrer absichtlich eine (unberechtigte) Empfehlung für das Gymnasium aussprechen, wenn sie Probleme mit den Eltern haben.
So gleich sich alles wieder aus.
13:36
Flomon, ich kann Ihnen nur zustimmen. Aber das Problem scheint doch schon länger zu bestehen, wie man an Ihrem Beitrag unzweifelhaft erkennen kann.
13:12
ALB1983, ich stimme Ihnen vollständig zu. Kinder, deren Eltern sich Zeit für sie nehmen, brauchen keine Nachhilfe.
11:51
Kein Wunder bei der Lehrmethode! Wenn in der dritten Klasse im Deutschunterricht immer noch geschrieben werden darf wie es das Kind will, egal ob richtig oder falsch geschrieben. Hauptsache die Kinder schreiben sinngemäß richtig. Da werden Nacherzählungen geschrieben, die Lehrerin schaut sich das an im Heft, markert an was sinngemäß falsch ist und gibt das Heft wieder zurück an das Kind. Kein einziger der haufenweise vorkommenden Rechtschreibfehler wurde angestrichen. Wie soll den das Kind da seine Fehler erkennen und beseitigen? Uns hat man mal beigebracht das es sehr schwierig ist einmal falsch erlerntes wieder aus dem Kopf zu streichen! Warum macht man dann in den Grundschulen so einen Unsinn? Seit drei Jahren schreiben die Kinder da in einem deutsch das es einem als Elternteil weh tut sowas zu lesen.
11:18
@#3 von ALB1983 , am 04.02.2011 um 11:06
Da spielt wohl eher Angst eine Rolle. Ich habe schon erlebt, dass manche Lehrer den Grundschülern absichtlich keine Empfehlung für das Gymnasium aussprechen, wenn sie Probleme mit den Eltern haben...
11:11
Die Nachhilfeinstitute schießen wie Pilze aus dem Boden. Wenn man in die gelben Seiten schaut sieht man wie viele das sind, in Mülheim über 20. Und alle leben sehr gut.
Woher kommt das?
Könnte es sein, dass die Schulstruktur (nicht die Lehrerinnen/Lehrer) und der Lehrplan etwas damit zu tun haben. Außerdem sollte überdacht werden, wie man die Lehrerinnen und Lehrer weiter schulen könnte.
Ist ja nur eine Idee
11:06
Da Eltern immer mehr dazu neigen, Ihren Kindern Playstations und Handys zu kaufen, oder sie vor den Fernseher zu setzen, um hirnzermarternde Manga-Sendungen zu konsumieren, anstatt sich mal ordentlich mit ihnen zu beschäftigen, braucht sich über diese Entwicklung wirklich nicht zu wundern...
09:47
Anstatt die Kinderzeit mit Fusßball oder Baketball oder ähnlich in Gesellschaft zu verbringen, verweilen unsere Kinder immer mehr vereinsamt in geschlossene Räumen und unsre Gesellschaft registriert das nicht.
Qualitatives Sozialverhalten fängt im Sandkasten mit der Schippe eins auf die Fratze an und hört mit einem Händedruck nach bestandener Berufsausbildung nicht auf.
08:27
Die Kinder können doch gar nicht früh genug an Stress gewöhnt werden, dann sind sie später doch auch belastbarer und können länger schuften, bevor sie mit ausbrennen oder mit nem Harzkasper umkippen. Was nicht tötet, härtet eben ab.