"Ich werde gelebt"
20.06.2007 | 06:40 Uhr 2007-06-20T06:40:00+0200
Brilon. Elmar Pinke kann nach einem Unfall vor zwei Jahren nur noch seinen Kopf bewegen. Seitdem wird er von Maschinen am Leben erhalten. Dabei wünscht sich Elmar Pinke, endlich sterben zu dürfen.
Durch Regen und kühle Luft führt der Weg zur Kantine. Elmar Pinke sitzt in Pullover und Trainingshose in seinem Rollstuhl. Die Krankenschwester, die ihn schiebt, fröstelt. Der große Mann spürt die Kälte nicht.
Seit zwei Jahren ist der 43-Jährige nur noch Kopf. Sein Körper, "der ist wie Blei". Wird gehalten durch eine Ablage vor dem Bauch. "Es wäre leichter, wenn ich durch die Luft schweben könnte wie ein Gehirn im Science-Fiction-Film", sagt er lächelnd. Lächeln fällt Pinke leicht, das Erzählen nicht. Immer wieder versiegen seine Sätze. Die Luft geht ihm aus.
Hinter seinem Rücken schnauft ein grauer Kasten
Pinke ist querschnittgelähmt, betreut wird er in einem Wachkoma-Haus. Die Wände in der Kantine sind sonnengelb, serviert wird Limonade. Die für Elmar Pinke steht neben ihm auf dem Tisch. Unerreichbar für den Gelähmten. Sein Brustkorb hebt und senkt sich, aufgeblasen wie mit einem Blasebalg. Ein Ventil steckt unter seinem Kehlkopf. Hinter seinem Rücken schnauft ein grauer Kasten. Durch einen transparenten Schlauch versorgt er Pinkes Lungen mit Sauerstoff und seine Stimmbänder mit Luft, die die Worte aus ihm herauspresst. "Das ist wie beim Tanzen." Nur wenige Silben hat Pinke Zeit. "Sobald die Schritte . . . komplizierter werden, muss ich . . . besser auf den Rhythmus aufpassen."
Ohne Beatmungsmaschine kann Pinke nicht leben. Nicht mehr seit jener Gartenparty am 29. Mai 2005. Auf der feuchten Wiese war er ausgerutscht. "Ich bin auf den Rand des Schwimmbeckens aufgeschlagen. Im Wasser war ich schon tot, Genickbruch. Die Ärzte haben gesagt, das war ein großes Glück, sonst hätte ich geatmet und wäre ertrunken." Das zweite Glück, sagt Pinke, war, "dass meine Freundin und ihr Bruder mich rausgezogen und reanimiert haben."
"Ich bin das Leben leid, so wie es ist."
Als Glück empfindet es Pinke tatsächlich, gerettet worden zu sein. Seine braunen Augen schauen aus dem Fenster. "Ich bin froh über jeden Sonnenstrahl, den ich auf meinem Gesicht spüre." Doch jetzt möchte er sterben. "Ich bin das Leben leid, so wie es ist."
Von acht bis 19 Uhr dauert sein Tag. Zwischen den teils stillen, teils jaulenden Wachkoma-Patienten ist er der einzige, der ein paar freundliche Worte mit dem Pflegepersonal wechseln kann. Zu erzählen hat der ehemalige Fremdenlegionär viel: "Ich bin von Staumauern runtergesprungen, wir sind mit 150 Sachen über Waldwege gerast, einer hat gelenkt, der andere Gas gegeben und der dritte hat die nächste Flasche Bier aufgemacht, und nie ist was passiert."
Vor dem Unfall war Pinke frisch verliebt
Jetzt liegen Pinkes Hände reglos vor ihm. Warm sind sie und seidenweich. "Die konnten früher kräftig zupacken." Ihre Aufgaben müssen nun fremde Hände erledigen. Eine Schwester rollt ihn im Bett zur Seite, schiebt dem großen Mann ein Tragetuch unter, die Gurte eines Hebekrans spannen sich. Wie ein Säugling hängt Pinke in der Luft. Er wird gefüttert und bekommt einen frischen Katheter. Dann wird es wieder still in dem kleinen Raum mit dem Schalke-Wimpel neben der Tür.
Vor dem Unfall war Pinke frisch verliebt, fünf Monate mit seiner "Maus" zusammen. "Zwei Tage nach dem Unfall habe ich den Pastor bestellt. Alle paar Minuten ein bis zwei Sätze, so habe ich mein Testament gemacht." Seine Begründung: "Das hier bin ich nicht mehr. Das will ich nicht."
"Ich brauche einen fairen Arzt"
Auch sein Körper reagierte, Pinke bekam Fieber. "Dann kam die Maus und hat mich gerüttelt und mir gesagt, dass ich ihr 40 Jahre versprochen hätte, und dass man seine Versprechen hält." Drei Tage später wurde er aus der Intensivstation verlegt. Pinke lächelt. Eine Szene wie im Hollywood-Streifen. Er zog mit Christiane und ihrer Tochter zusammen. Dann ging die Beziehung kaputt. "Um die Kurze, Ramona, tut's mir am meisten leid. Da darf ich gar nicht drüber nachdenken, dann platzt mir der Kopf. Mit 13 Jahren hatte sie in mir jemanden gefunden, mit dem sie reden kann und dann . . ." Jetzt lebt Pinke im Wachkoma-Haus und sagt: "Für einen Besuch alle sechs Wochen - dafür kann ich das nicht durchhalten."
Seit eineinhalb Jahren kämpft Pinke nun darum, dass jemand die Maschine abstellt, die seine Lungen unentwegt mit Luft aufpumpt. "Ich brauche einen fairen Arzt, der mich narkotisiert und die Maschine abstellt." Darauf hofft Pinke. Doch kein Arzt möchte für seinen Tod verantwortlich sein; er würde wahrscheinlich seine Zulassung verlieren.
"Ich lebe nicht mehr. Ich werde nur gelebt"
Und Pinke will nicht heimlich abtreten: "Ich habe ehrlich gelebt, da will ich auch ehrlich sterben. Alles andere wäre schäbig." Pinkes Gesichtsausdruck zeigt Entschlossenheit. "Ich habe nie über das Sterben nachgedacht. Jetzt ist es konsequent", erklärt er. "Ich lebe nicht mehr. Ich werde nur gelebt."
Auch die Schwestern wissen um seinen Wunsch, und doch müssen sie ihm beim Leben helfen. "Man ist so hilflos. Aber wenn er gut drauf ist, macht mir das die Sache leichter", erzählt Schwester Ingrid. Ihre drei Kolleginnen wollen sich lieber nicht äußern. Sie haben Angst vor rechtlichen Folgen und möchten nicht, dass ihr Patient erfährt, was sie über ihn denken. Für Schwester Ingrid ist der Fall klar: "Man darf nicht für oder gegen seinen Todeswunsch reden. Er ist klar im Kopf, da muss man ihn entscheiden lassen."
Lächeln fällt Pinke leicht
Den Zeitpunkt seines Todes kann Pinke noch nicht bestimmen, doch wenn es soweit ist, möchte er sich von Freunden und Bekannten verabschieden. "Eine Feier könnte ich mir gut vorstellen. Nur wer macht das mit? Ist das aushaltbar?" Darauf freuen kann er sich nicht. "Ein Ende ist nie freudig - ein Abschluss halt."
Und dann: Wie im Leben hält Pinke auch im Tod nichts in seiner Heimatstadt Oeventrop. Nach seinem Tod möchte der weit gereiste Mann, dass seine Asche bei Helgoland ins Meer gestreut wird. "Die Gegend finde ich einfach genial, dieses raue, ehrliche und offene." Lächeln fällt Pinke leicht.
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