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Suizid-Prävention

Mail statt Sorgentelefon - Jugendliche trösten Gleichaltrige

21.01.2015 | 17:39 Uhr
Mail statt Sorgentelefon - Jugendliche trösten Gleichaltrige
Die ganze Lebensmüdigkeit ihrer Generation auf dem Bildschirm: Die 24-jährige Katrin hilft bei "U25" ehrenamtlich jungen Menschen in Not.Foto: Lars Heidrich

Gelsenkirchen.   "Ich kann nicht mehr, ich bring mich um" - Solche Mails lesen die Jugendlichen des Caritas-Projekts "U25" oft. Sie helfen Gleichaltrigen in Notlagen.

Keine langen Vorreden, die Mails kommen gleich zur Sache. „Betreff: Suizid.“ Vielleicht darunter noch ein „Hallo“, aber dann: „Ich kann nicht mehr, ich bring mich um.“

Da sitzen sie dann, Maren, Leo oder Ann-Marie, keine 20 Jahre alt – und vor ihnen auf dem Bildschirm die ganze Lebensmüdigkeit ihrer Generation, von Leuten, die so alt sind wie sie und oft noch jünger. Die manchmal seitenlang schreiben von Kummer und Verzweiflung und dass sie nicht weiter wissen. „Das Mindeste, was ich da tun kann“, sagt Anna-Lena, „ist doch zuhören und Mut machen.“

Jugendliche rufen nicht beim Sorgentelefon an

Das ist die Idee der Online-Beratung „U25“ unter dem Dach der Caritas Gelsenkirchen, die sich offen „Suizid-Prävention“ nennt: Gleichaltrige helfen Altersgenossen in der Krise. Nicht, weil die gerade nur mal schlechte Laune haben, die tatsächliche Not wird gleich in der ersten Mail abgefragt: „Hast du konkrete Suizid-Gedanken, und wie sehen die aus?“ Man kennt sich ja nicht, da lässt sich so was fragen; man liest einander nur, anonym und ohne Blickkontakt.

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Erfunden wurde „U25“, das es auch in Freiburg oder Berlin gibt, weil da einfach Zahlen nicht zusammenpassten: In keiner Altersgruppe sind die Versuche, sich das Leben zu nehmen, so zahlreich wie bei den unter 25-Jährigen. Experten schätzen die Suizidversuche von Mädchen und jungen Frauen sogar auf 20 bis 40 am Tag. Nur am Sorgentelefon meldeten sie sich fast nie: „Ein Tabuthema“, sagt Projektleiterin Vivien Lowin. „Jugendliche haben Angst vor den Eltern, vor der Klinik, vor Leuten, die sie verurteilen.“ Sie sagen niemandem ins Gesicht, dass sie nicht mehr leben wollen, aber sie kommunizieren es so, wie sie sonst auch reden: via Mail, im Internet.

"Gib das nicht auf!"

Und mit Leuten in ihrem Alter. „Das verstehe ich, da kann ich helfen“, sagt Maren manchmal, wenn sie eine neue Mail öffnet. Zuweilen aber denkt sie auch: „Krass, dass du das alles überhaupt geschafft hast.“ Das schreibt sie dann und dazu vielleicht: „Gib das nicht auf!“ Manche treibt schlicht Liebeskummer an den Rand des Todes, manche Ärger zuhause, in der Schule, Mobbing oder Misshandlung. Sie führen keine Statistik in Gelsenkirchen, aber sie haben bemerkt: Immer mehr wollen sterben, weil wachsender Leistungsdruck sie zerbricht.

Das ehrenamtliche Team hat zwar zehn Wochen für dieses Ehrenamt trainiert, Psychotherapeuten aber sind die jungen Leute, die auch aus Marl, Dortmund, Hattingen stammen, natürlich nicht. Schüler, Studenten, ein Erzieher, ein Feuerwehrmann mailen, was sie meinen. Sie schreiben, was sie fühlen, fragen nach, bewerten nichts. „Wir haben alle gute Freunde“, sagt Lina, „die da draußen meistens nicht.“ Sie versuchten, so Maren, „was Gutes zu tun“.

658 verzweifelte Jugendliche riefen die Online-Berater bislang um Hilfe

Die Schülerin ist selbst erst 17 und weiß noch, wie sie anfangs zweifelte: Ob Jugendliche den elektronischen Kummerkasten wirklich nutzen, ob sie nicht lachen würden, Scherz-Briefe schreiben? Doch dann riefen in den eineinhalb Jahren des Bestehens von „U25“ im Ruhrgebiet 658 junge Menschen zwischen zehn und 25 Jahren um Hilfe. Deutschlandweit waren es bereits 2012 fast 2000. „Erschreckend“, findet Maren, „dass das so gefragt ist.“

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Projektleiterin Vivien Lowin muss auswählen und die „Klienten“ im Team verteilen, sie können schon lange nicht mehr jedem antworten. Sie hat gelernt abzuwägen, fragt mindestens zweimal im Monat bei den Beratern nach: „Wie geht es dem, hat die sich wieder gemeldet?“ Sie lachen viel in diesen Supervisions-Runden, „es ist alles so schrecklich traurig, aber das darf man nicht verlieren“.

Ob sie jeden retten können, der sich an „U25“ wendet, wissen die Berater nicht. Manchmal bricht der Kontakt einfach ab, es kommt vor, dass sich Jugendliche später wieder melden: „Danke, es geht mir heute gut.“ Oder: „War besser, aber jetzt geht’s bergab.“ Häufig entschuldigen sie sich: „Tut mir leid, dass du dir das alles anhören musst.“ Zu Weihnachten und Silvester nahm der Andrang, nahm also die Not zu. Was den Beratern Kraft gibt, was sie tröstet, ist der Gedanke von Vivien Lowin: „Wer uns schreibt, hat noch Hoffnung.“

Und die wächst, wenn eine noch so verzweifelte Mail wenigstens so endet: „Bis morgen.“

Annika Fischer

Kommentare
22.01.2015
11:00
Mail statt Sorgentelefon - Jugendliche trösten Gleichaltrige
von Hansoba | #1

"Experten schätzen die Suizidversuche von Mädchen und jungen Frauen sogar auf 20 bis 40 am Tag."

Wieso wird hier wieder der Blick auf die weiblichen...
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2015-01-21 17:39
Rhein und Ruhr