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"Geiz-ist-geil-Prinzip" statt Schillers Glocke

28.08.2007 | 12:25 Uhr

Hagen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Für den Konsumforscher Markus Giesler liegen die Ursachen für die in seiner internationalen Studie beschriebene zunehmende Verschuldung von 18- bis 24-Jährigen in Deutschland in Kindheit und Jugend,

Der 31-jährige Wirtschaftswissenschaftler an der York-Universität im kanadischen Toronto, der im Jahr 2004 jüngster Marketing-Professor Nordamerikas wurde, ist derzeit auf Heimaturlaub in Iserlohn und ein gefragter Gesprächspartner. Zwei Jahre lang hat er das Konsumverhalten von 1000 jungen Erwachsenen in Deutschland, Kanada und den USA verfolgt und anschließend 100 Teilnehmer zu ihrem Konsum-Alltag ausführlich befragt. "Über die Ergebnisse bin ich überrascht", sagt Giesler, "mehr noch: schockiert."

Dass die 18- bis 24-Jährigen in Deutschland laut seiner Studie leichtsinniger und maßloser mit Geld umgehen als ihre Altersgenossen in Nordamerika hat nach seiner Meinung mit einer "Dämonisierung und Tabuisierung" von Begriffen wie Markt, Konsum, Geld, Preise und Budgets in der Gesellschaft, in der Familie zu tun. "Hierzulande herrscht das ständige Bestreben, Jugendliche so lange wie möglich von der Konsumgesellschaft fernzuhalten." Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über Geld reden, sie nicht in ökonomischen Fragen entmündigen, sondern sie frühzeitig finanzielle Entscheidungen treffen lassen.

Der 31-Jährige vergleicht das Lernen, mit Geld umzugehen, mit dem Schwimmenlernen: "In Deutschland werden Schwimmschülern ganz viele Rettungsringe mit auf den Weg gegeben, in den USA werden sie ins kalte Wasser geworfen." Eine solche "Evolution durch Zumutung" sei das nachhaltigere Prinzip gegenüber dem "immer nur anleiten und unterstützen" in "Good Old Germany".

Markus Giesler spricht von einer unterschiedlichen "kulturellen Qualität" beim Konsum in Deutschland und Nordamerika. "In den USA gehen junge Menschen verantwortungsbewusster mit Konsum um, weil sie sehr früh in ein unternehmerisches Denken und Handeln hineinsozialisiert werden." In Deutschland verließen sich Schulden machende Jugendliche auf das Elternhaus, in den USA müssten sich die Heranwachsenden durch Jobs selbst aus der Schuldenfalle befreien. Mehr noch: "In deutschen Familien wird das Thema Schulden totgeschwiegen", so Giesler.

Der in Kanada lehrende Forscher sieht die Gründe für einen maßlosen Konsum in einem "effektiven und aggressiven Marketing von Unternehmen", im wachsenden gesellschaftlichen Druck, "jugendliche Identität über Konsum zu definieren", und in der durch Globalisierung und Internet begünstigten "Illusion ökonomischer Grenzenlosigkeit". Giesler nennt das Beispiel der Auktionshäuser im weltweiten Netz: "In diesem Wirrwarr an Geschäftsbedingungen und Preisstrukturen, in dem keiner weiß, was am Ende herauskommt, wird dem jugendlichen Käufer vorgemacht, dass sein eigener Konsummarkt grenzenlos ist."

Deutschland brauche Jugendliche, die sich in dem in der globalisierten Welt immer komplexer werdenden Markt zurecht finden könnten. Orientierung müsse ihnen im Schulfach Konsumpraxis gegeben werden, so Giesler: "Warum kann nicht in der Schule anstelle Schillers Glocke oder der Leiden des jungen Werther das Geiz-ist-geil-Prinzip analysiert werden."

Von Rolf Hansmann

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