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Gas geben bei Kilometer 17

18.05.2008 | 22:09 Uhr

SPORTLICH. NRZ-Mitarbeiterin Maike Jansen absolvierte die Halbmarathon-Strecke. Ein atemberaubender Erfahrungsbericht.

Morgens, kurz nach neun auf der Provinzialstraße: Marathonwetter hatte Jörg Kachelmann im Radio versprochen. Doch auch wenn ich mich in den kommenden Stunden noch sehr über die tief hängende Wolkendecke freuen werde - warten auf den Marathon macht bei 12 Grad nur wenig Spaß. Wobei ich mich da korrigieren muss: Ich werde keinen Marathon laufen, sondern abbiegen, wenn sich echte Läufer gerade den Becher Wasser am Streckenrand holen. Allen Überzeugungsversuchen der Kollegen zum Trotz, fahre ich ab Herne mit dem Zug nach Essen - und liege damit im Trend: 8500 Halbmarathonis gingen dieses Jahr in Oberhausen und Dortmund an den Start, die ganze Distanz trauten sich nur 3500 Läufer zu. Aber auch 21,0975 Kilometer müssen erst mal überwunden werden - und das unter zwei Stunden, so mein erklärtes Ziel. Wer sich eine feste Zielzeit gesetzt hat, der kann sich an einen Pacemaker halten, der ihn dann in der gewünschten Geschwindigkeit Richtung Ziel begleitet. Mein Pacemaker ist meine Freundin Angela, die bei jeder Kilometermarke auf ihre Uhr schaut und Bescheid gibt, ob wir einen Zahn zulegen sollten. Mit dem Tempo auf dem ersten Kilometer ist sie prompt nicht zufrieden. Zu häufig müssen wir im Slalom marschierende Walker überholen - Feind-bilder eines jeden Läufers.

Wie ein Wanderer in der Sahara

Meine Muskeln scheinen den Morgenfrost gut überstanden zu haben, die ersten Kilometer vergehen wie im Flug. Kühn ignoriere ich die erste Getränkestation, die zweite erreiche ich wie ein Wanderer in der Sahara. Immer noch im Laufschritt schnappe ich mir einen Becher und erschrecke, als die Helferin mir zuruft: "Du schaffst das Maike!" Erst nach Sekunden geht mir auf, dass die junge Frau nicht etwa eine Bekannte, sondern nur des Lesens mächtig ist - mein Name steht unter meiner Startnummer. Während ich einen Bruchteil des Wassers in meinen Mund fülle und sich der Rest des Becherinhalts gleichmäßig zwischen Ohren und Stirn verteilt, überholt mich ein älterer Mann. "Ich dachte immer, Frauen könnten zwei Dinge gleichzeitig", sagt er und lacht. Ich unterdrücke den Impuls, das Wasser auch noch auf ihm zu verteilen und werfe den Becher Richtung Straßenrand.

Bis Kilometer 15 laufen Angela und ich meist schweigend nebeneinander her. Stattdessen freue ich mich an Anfeuerungsschildern, die Kinder für ihre Väter aufgebaut haben. In einer Kurve steht ein Mädchen und skandiert in Endlosschleife: "Papa, du schaffst das. Papa, du schaffst das." Hoffentlich kommt der Angefeuerte vorbei, bevor dem Fan die Stimme ausgeht.

Mein Kräftevorrat scheint noch gut gefüllt, und so gebe ich Angela, die immer noch konstant ihr Tempo läuft, bei Kilometer 17 ein Zeichen, dass ich nun doch noch schneller ins Ziel kommen möchte und starte durch. Zügig ziehe ich an ein paar Läufern vorbei, auch wenn meine Knie protestieren, meine Waden bei jedem Schritt ein bisschen mehr ziehen.

Musik ertönt, endlich, ich bin in Herne. Auch wenn sich die letzten zwei Kilometer wie Kaugummi ziehen und meine Knie aus ähnlichem Material zu bestehen scheinen, gebe ich Gas. Die City ist voller Menschen, das Ziel in Sicht. Sobald ich die Uhr lesen kann, die unter dem Banner hängt, ist alle Qual vergessen: 1:59:58 zeigt sie an, als ich ins Ziel einlaufe. Weil meine Zeit erst fünf Minuten nach dem Startschuss zählt, liege ich damit sogar deutlich unter zwei Stunden. Schnell genug, um mit einem guten Gewissen den Zug nach Essen zu nehmen. (NRZ)



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