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Hauswächter

Für 200 Euro wohnen im Märchenschloss

28.12.2014 | 18:00 Uhr
Für 200 Euro wohnen im Märchenschloss
Das ehemalige Sozialamt in Essen-Katernberg: Hier leben „Hauswächter“ der Firma Camelot.Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Die niederländische Firma Camelot vermittelt Hauswächter. Sie mieten leerstehende Gebäude für wenig Geld und schützen die Immobilien vor Vandalismus.

Für nicht einmal 200 Euro im Monat in einem Märchenschloss wohnen, in einem früheren Finanzamt oder einer alten Polizeistation. Die niederländische Agentur Camelot vermittelt Hauswächter für leerstehende Häuser und – umgekehrt. Was die Gebäude vor Vandalismus schützen soll, gilt Studenten, Künstlern und anderen längst als eine gute Adresse, für eine gewisse Zeit ungewöhnlich und äußerst preiswert zu wohnen.

Dass dies einmal ein Sozialamt war, kann man sich gut vorstellen. Der lange Flur. Die Türen rechts und links. Die freien Wände dazwischen, die Platz ließen für die Stühle der Wartenden. Wäre dies nicht der alte Bergarbeiter-Stadtteil Essen-Katernberg, so stünde das schmucke Haus aus dem Jahr 1894 bestimmt nicht leer. Doch genau das tut es seit zweieinhalb Jahren und genau so lange wohnt Christof Meinl darin. „Ich habe hier zwei Monate lang ein paar Räume renoviert. Schon nach einem halben Jahr hätte sich diese Investition gerechnet“, sagt der 31-jährige Inhaber einer kleinen Musikagentur.

Zweieinhalb Jahre, damit liegt er deutlich über der durchschnittlichen Wohnzeit von Camelot-Hauswächtern von 14 Monaten. Meinl hat sich in der früheren Behörde ein kleines Tonstudio eingerichtet, daneben zwei Wohn- und Schlafräume. Das Gebäude teilt er sich mit fünf anderen Hauswächtern, Studenten vor allem. 184 Euro Gebühr und keine Nebenkosten. Das und die unkonventionelle Umgebung macht das Wohnen auf Zeit für sie interessant. Da werden Holzpaletten auf Baumstämmen zu Betten gestapelt und Behörden-Teeküchen mit viel Ikea alltagstauglich gemacht.

Viel verändern durfte Meinl nicht. Die Schallisolierung in seinem Tonstudio lässt sich schnell beseitigen. „Für mich ist das hier ein Glücksfall. Vor zwei Monaten hat das Haus den Besitzer gewechselt, aber auch der neue will schon wieder verkaufen“, sagt Meinl.

Und so bleibt er wohnen. Mäht den Rasen, kontrolliert regelmäßig Leitungen wie Rohre und sorgt allein durch seine schlichte Existenz dafür, dass niemand Türen aufbricht, plündert, verwüstet oder Kupfer klaut. Einziger Haken an diesem Geschäft auf Gegenseitigkeit ist die Kündigungsfrist von vier Wochen. „Niemand weiß, ob sein Bett am 26. Januar noch am selben Platz stehen wird“, erklärt Karsten Linde von Camelot Deutschland.

Europaweit stützt sich Camelot inzwischen auf 10 000 Hauswächter. „Unsere älteste Wächterin ist eine 81-jährige Holländerin, die in einem Haus wohnt, das in fünf, sechs Jahren einer Bundesstraße weichen soll“, sagt Linde. In Dortmund bewohnten Camelot-Wächter bis vor kurzem die alte Polizeistation von Hörde, in Düsseldorf gibt es noch Platz in einer ehemaligen Tanzschule, in Bremen im Herrenhaus Gut Hohenhorst.

Kochen in der Kantine

In Münster teilen sich zig Studenten das frühere Finanzamt an der schönen Promenade und kochen gemeinsam in der ehemaligen Kantine WG-Leben statt Zahlenhuberei. In Berlin-Lichtenberg lebt mit 120 Wächtern die größte Camelot-WG in einem denkmalgeschützten Kinderkrankenhaus.

Entstanden ist Camelot Anfang der 90er-Jahre in den Niederlanden als Reaktion auf die Hausbesetzer-Szene, die Kraker. Da es dort kaum rechtliche Handhabe gegen sie gab, bot Camelot an, Häuser durch seine Wächter zu schützen. Inzwischen bietet das Unternehmen seine Dienste auch in Belgien, Großbritannien, Irland und Frankreich an. „Es ist ein Konzept, von dem alle profitieren. Die Bewohner und die Immobilien-Besitzer. Denn ein Wachdienst, der rund um die Uhr aufpassen würde, kostet schnell zigtausend Euro“, so Camelot-Mann Karsten Linde.

Christof Meinl jedenfalls ist in Gedanken schon halb auf dem Absprung. Sollte sein Sozialamt demnächst verkauft und neu genutzt werden, er würde seine Siebensachen fix in einen Sprinter packen und wäre weg. Sein Job macht ihn unabhängig, seine Kunden leben in ganz Deutschland. Dresden wäre nett oder auch Düsseldorf. „Haben Sie nicht auch was Schönes in Düsseldorf, Herr Linde?“ Sagt’s und sieht sich schon in der früheren Tanzschule mit dem zwanzig Meter langen Tresen...

Hayke Lanwert

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Für 200 Euro wohnen im Märchenschloss
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2014-12-28 18:00
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