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Mindestlohn

"Ein Sklavenleben" - wie die Putz-Branche Mindestlohn umgeht

05.11.2013 | 00:22 Uhr
"Ein Sklavenleben" - wie die Putz-Branche Mindestlohn umgeht
Nicole Dietrich ist eine von über acht Millionen Niedriglöhnern in Deutschland. "Es ist ein Sklavenleben!", sagt die Frau aus dem Ruhrgebiet.Foto: Kai Kitschenberg / WAZ Fotopool

Ruhrgebiet.  Trotz Mindestlohn in ihrer Branche sind viele Gebäudereiniger gezwungen, mehrere Jobs anzunehmen oder mit Hartz IV aufzustocken. Insgesamt sind in Deutschland acht Millionen Menschen im Niedriglohn-Bereich tätig. Eine Betroffene schildert ihren Lebensalltag in einem Krankenhaus des Ruhrgebietes.

Welche Wahl hätte sie gehabt? Mit zwei Kindern, die mitten in der Ausbildung steckten! Im schlechtesten Fall hätte sie ihren Job verloren. Also akzeptierte Nicole Dietrich diese Arbeitsbedingungen. Putzte jahrelang täglich bis zu neun Stunden Krankenhaus-Zimmer, koordinierte die Einsatzpläne der Kolleginnen, sprang ein, wenn andere ausfielen. Eine Vorarbeiterin mit einem Dreieinhalb-Stunden-Vertrag. Eine Billigkraft ohne Rechte. Nicole Dietrich ist eine von über acht Millionen Niedriglöhnern in Deutschland. "Es ist ein Sklavenleben!", sagt die Frau aus dem Ruhrgebiet.

Sie arbeitet bis heute für diese Gebäudereinigung, und deshalb möchte sie ihren wirklichen Namen nicht genannt wissen. Nicole Dietrich also ist der Typ Frau, dem wir oft im Alltag begegnen. Mitte 40, eine gelernte Friseurin, die ihren Beruf aufgab, als die Kinder kamen. Die nach bald zwei Jahrzehnten Ehe und Hausfrauen-Dasein vom Mann verlassen wurde und plötzlich wieder einen Job brauchte. Ein patenter Typ. Und eine Frau, die durchaus gut zu formulieren weiß.

Dann werden Arbeitszeiten gekürzt

Über zehn Jahre arbeitet sie nun in dieser Branche, kennt deren Abgründe zur Genüge. "Jedesmal wenn es eine tarifliche Lohnerhöhung gibt, werden unsere Arbeitszeiten gekürzt", sagt Dietrich, "dann muss eine komplette Krankenhaus-Station eben in drei statt dreieinhalb Stunden geschafft werden". Eine ganze Station pro Putzfrau. 20 bis 25 Zimmer wischen, Bäder putzen, Duschen, Toiletten. Und das unter den Hygiene-Bedingungen eines Krankenhauses. "Aber man schafft das nicht. Es ist zeitlich nicht zu schaffen. Also bleibt uns nichts anderes als der Kölsche Wisch, ab durch die Mitte eben. Mit schlechtem Gewissen", sagt Dietrich.

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Um den Job behalten zu können, würden viele Frauen einfach jeden Tag unbezahlt länger putzen. Besser ein schlechter Job als gar keiner. Es ist die Angst, die diese Branche prägt. Und das, obwohl sie sich offiziell sogar an einen Mindestlohn von neun Euro die Stunde hält. Die Realität jedoch ist oft eine andere.

Entweder drei oder vier Jobs gleichzeitig - oder Hartz IV

"Denn die meisten Menschen, die sich hier verdingen, sind Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte. Menschen, die mit Verträgen über eineinhalb bis dreieinhalb Stunden am Tag gezwungen sind, sich drei oder vier Jobs zu besorgen, wenn sie nicht mit Hartz IV aufstocken wollen", erklärt die Oberhausener Gewerkschafts-Sekretärin Gerlinde Schenk. Menschen, die auf das wenige Geld bitter angewiesen sind. Alleinerziehende. Frauen mit Migrations-Hintergrund, die nicht genug Deutsch können, ihre Lohn-Abrechnung zu überprüfen. Immer flexibel. Immer abrufbereit. Auch für Gerlinde Schenk von der IG Bau ist das "modernes Sklaventum".

Selbst der Innungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks bestätigt, dass solche "Vorwüfe nicht neu und zum Teil wahrscheinlich berechtigt sind". Angesichts von 600.000 Beschäftigten stellten solche Praktiken aber die Ausnahme dar und keinen Grund, "unsere Mindestlöhne und Tarifverträge infrage zu stellen". Auch dort weiß man also um die Situation in der Branche.

Von ansteckenden Krankheiten erfahren die Putzen meist nichts

Und die Willkür bei Arbeitszeiten und Löhnen ist nur die eine Seite dieser Ausbeutung, die Arbeitsbedingungen selbst eine andere. Nicole Dietrich erzählt, dass es für die normalen Putzfrauen im Krankenhaus weder bezahlte Hepatitis B-Impfungen gebe, noch weise man sie auf Patienten mit gefährlichen Infektionskrankheiten hin. Feudelnd ziehen sie so von Raum zu Raum, auch wenn dazwischen ein mit dem gefährlich-resistenten MRSA-Keim infizierter Patient liegt. "Wenn ich davon weiß, ziehe ich mir Handschuhe, Mundschutz und Kittel an", sagt Frau Dietrich. Aber wann erführen sie so etwas schon. Einen Schutz für die Schuhe erhielten die Frauen ohnehin nicht.

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Überleben im eigentlich reichen Deutschland, für zunehmend mehr Menschen ist das alles andere als einfach. Nicole Dietrich arbeitete anfangs für etwa sieben Euro die Stunde, später für knapp acht. Zugestanden hätten ihr als Vorarbeiterin eigentlich elf Euro. Aber einen neuen Vertrag, der dies rechtlich absicherte, wollte man ihr nicht geben.

Fürs Aufbegehren wurde sie degradiert

Als sie nach Jahren aufbegehrte gegen all das, degradierte man sie, setzte man sie auf jene dreieinhalb Stunden zurück, die in ihrem Vertrag standen. Dagegen ging sie erfolgreich juristisch vor.

1000 bis 1100 Euro netto verdient sie. Plus Kindergeld, sagte sie, habe es gereicht zum Leben. Gereicht, um "die Kinder gut durch die Ausbildung zu bekommen". So machte sie weiter. Bis heute. Nicole Dietrich, eine jener Frauen, die vielleicht gerade Ihr Krankenhaus-Zimmer feudelt. Eine Frau im Deutschland des Jahres 2013.

Hayke Lanwert

Kommentare
08.11.2013
08:57
Die Würde des Menschen ist unantastbar!
von Illoinen | #29

In der Schweiz bekommt eine Putzfrau umgerechnet ca. 18,00 Euro die Stunde, unter Berücksichtigung der höheren Lebenshaltungskosten von ca. 30% in der...
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2013-11-05 00:22
Mindestlohn, Putzfrauen, Krankenhäuser, Keime, Tariflohn, Ausbeutung, Gewerkschaft, Gebäudereinigung, IG Bau
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