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PCB-Skandal

Envio-Chef sieht sich als Opfer

09.05.2012 | 22:00 Uhr
Envio-Chef sieht sich als Opfer
Rechtsanwalt Ralf Neuhaus (r.) blies für Envio-Chef Dr. Dirk Neupert (2.v.r.) zur Gegenoffensive. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Auftakt zum Dortmunder Prozess um den bundesweit größten PCB-Skandal: Die Anklage liest sich wie ein Schurkenstück von Wirtschaftskriminellen. Die Verteidigung setzt giftige Angriffe dagegen.

Als Staatsanwalt Dirk Stickeln die ersten Namen vorliest, wird es still im großen Schwurgerichtssaal des Dortmunder Landgerichts. Es sind die Namen von 50 Männern und einer Frau, auf deren Leid sich die Anklage der 51-fachen Körperverletzung im Envio-Prozess stützt. Die Betroffenen wurden vergiftet. Mit PCB, einer Chemikalie, die im Verdacht steht, Krebs zu erregen, das Erbgut schädigt, Organe und Nerven angreift und zerstören kann. Einige der Opfer sitzen hier zum ersten Mal den vier Männern gegenüber, die ihr Leid verschuldet haben sollen: Envio-Boss Dirk Neupert, sein ehemaliger Technischer Leiter, ein Werkstattleiter und ein Immissionsschutzbeauftragter.

Kaum Arbeitsschutz

Es geht um schmutzige Machenschaften, um Gewinnsucht und Habgier, die den Beschuldigten zur Last gelegt werden. Allen voran dem Mann, dessen Hemd beim Prozessauftakt so blütenweiß leuchtet wie eh und je: Dr. Dirk Neupert, Geschäftsführer der Firma, die den bundesweit größten PCB-Skandal der letzten Jahrzehnte verantwortet. Zum dunkelblauen Nadelstreifen-Anzug trägt der Hauptangeklagte die passende Streifenkrawatte und – eine Maske: Sein Gesicht ist starr, kein Minenspiel, und wenn nachlässigerweise ein Grinsen die wächserne Fassade sprengt, dann sind die Züge Sekunden später wieder glatt und eingefroren, als käme der Mann aus der Tiefkühltruhe.

Als eiskalten Manager, dem Geld alles bedeutet und die Gesundheit seiner Mitarbeiter nichts, so beschreibt ihn die Anklage. Der Wert der Belegschaft habe sich bei Envio im Ramschbereich bewegt. Beispiel Arbeitsschutz: Von 2007 bis 2010 gab es für sämtliche Mitarbeiter – immerhin 20 bis 30 täglich im Zwei- und Drei-Schicht-Betrieb – gerade einmal 134 halbwegs geeignete Schutzanzüge. Die anderen 31 250 „Schutzanzüge“ verdienten ihren Namen zwar nicht, kosteten aber nur 1,16 Euro das Stück. Von den Guten hätte jeder 29 Euro gekostet, rechnete der Staatsanwalt vor. Oder die Handschuhe: Fast 83 000 Paar bestellte Envio zwischen 2007 und 2010, doch nur 3700 schützten gegen PCB-haltige Öle. Dafür waren sie billig, kosteten mit 30 Cent knapp ein Sechstel der 1,68 Euro, die für dichte Handschuhe fällig gewesen wären.

Im Sumpf verheizt

Aus Sicht des Arbeitsschutzes eher nackt als bedeckt – bei dieser Drecksarbeit habe Envio die Leute verheizt. Die Anklage liest sich wie ein Schurkenstück von Wirtschaftskriminellen: Ein Angeklagter habe den anderen gedeckt, wenn es darum ging, Behörden zu täuschen, marode Technik und dilettantische Betriebsabläufe zu vertuschen. Das vermeintlich geschlossene System der PCB-Reinigung sei löcherig gewesen wie ein Schweizer Käse. Einige Warnvorrichtungen seien „nahezu dauerhaft außer Betrieb“, andere seien gezielt manipuliert worden, damit sie bloß keinen Alarm auslösten, wenn Gift austrat. Ungeschützt seien die Leute ins Unheil geschickt worden, „hauptsächlich Leiharbeiter“ auch „in den Sumpf“ – eine ölige Brühe aus PCB und dem Lösemittel Per, einem Nervengift.

Nach 45 Minuten, als die Anklageschrift verlesen ist und alle denken, das war’s für den ersten Tag, überrascht einer der drei Neupert-Verteidiger, Rechtsanwalt Ralf Neuhaus. Seine Lesart des Falles empfinden Opfer als „Schlag ins Gesicht“: Tatsächlich sei Neupert ein Opfer. Ein Saubermann, der alles richtig gemacht habe, werde mit Schmutz beworfen, schimpft Neuhaus – vor allem von der Presse, aber auch von Umweltminister Remmel, der sich „beschämend“ und „verfassungswidrig“ aufführe.

Nichts sei bewiesen, vieles frei erfunden. Schon der Begriff „Envio-Skandal“ sei tendenziös und falsch. Nicht die PCB-Belastungen bei Envio seien Schuld an den Vergiftungen der Mitarbeiter, sondern „ein ungesunder Lebensstil der Mitarbeiter“. Der Neupert-Verteidiger legt noch nach. Der angeklagte Vorwurf des unerlaubten Umgangs mit Abfällen sei ein Witz. Envio habe sich so wenig schuldig gemacht wie ein Bauer, der Gülle aufs Feld wirft. Oder ein Tierliebhaber, der seinen toten Hund oder seine tote Katze im Garten vergräbt.

Vergiftete Familie

Das heizt die Stimmung an. Reinhard Birkenstock kommt aus der Reserve. Der Promi-Anwalt aus Köln vertritt unter anderem den Nebenkläger Christian Althoff. Der Familienvater aus Lünen ist die Nummer 9 auf der Opfer-Liste der Staatsanwaltschaft. Auch seine Frau, sein vierjähriger Sohn und das einjährige Baby sind vergiftet. Dieses Schicksal, das Leid, das Envio mindestens 360 vergifteten Menschen zugefügt habe, es verbiete Vergleiche mit Gülle, Hunden und Katzen, mahnt Birkenstock: „Völlig unpassend.“ Beifall und Bravo-Rufe kommen aus dem Publikum. Der Richter geht dazwischen. „Bitte, wir sind hier nicht bei Barbara Salesch.“

Fortsetzung folgt, die erste am 30. Mai.

Klaus Brandt

Kommentare
11.05.2012
12:23
Envio-Chef sieht sich als Opfer
von eineStimme | #4

Hier sind PCB haltige Öle, laut Envio ja soooo giftig sind, in den Werkshallen zu Saltöl geworden.
Die Anwälte von Neupert agieren wie gedacht. Was...
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Envio-Chef sieht sich als Opfer
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2012-05-09 22:00
Rhein und Ruhr