Das aktuelle Wetter NRW 23°C
Nahverkehr

Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch

04.11.2009 | 16:57 Uhr
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch

Ruhrgebiet. Das Bahnfahren ist nicht immer ein Vergnügen. Verspätungen, schmutzige Züge und Sicherheitsprobleme schaden dem Image des Unternehmens Deutsche Bahn. Eine Testwoche als Bahn-Pendler im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr.

Info
Forum

Diskutieren Sie mit anderen Derwesten-Lesern

Laut Qualitätsbericht 2008 des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) hatten die Züge auf den Regional-Express-Linien in NRW im vergangenen Jahr durchschnittlich 2,68 Minuten Verspätung. Regionalbahnen kamen auf 1,53 Minuten. Auf einigen S-Bahnlinien kamen gar 100 Prozent der Bahnen mit mehr als fünf Minuten Verspätung an bestimmten Messtagen an. Und jetzt? Wie steht es um die Qualität im Nahverkehr? Wir machen den Selbsttest. Ein Erfahrungsbericht:

Montag, 8.45 Uhr:

Ein hehres Ziel: Fünf Tage am Stück mit der Bahn zur Arbeit zu fahren. Doch der Plan ist bereits vor Beginn in Gefahr. In der Innenstadt herrscht Hochbetrieb, der Weg zum Bahnhof zieht sich wie Kaugummi. Doch wieder Autobahn statt Auto parken? Glück gehabt. Auf die Unpünktlichkeit der Bahn ist auch heute morgen Verlass: „Der Regionalexpress nach Essen hat etwa 20 Minuten Verspätung”, dröhnt es aus dem Lautsprecher. „Die Polizei muss noch einen Fahrgast entfernen.” Der Zug läuft ein – mit angekündigter Verzögerung. „Bitte passen Sie auf. Das auf dem Boden ist kein Wasser”, sagt der Schaffner und zeigt auf die Pfütze im Mittelgang. Ob die Zug-Toilette wohl besetzt war? Die anderen Fahrgäste machen angeekelt ungelenke Ausfallschritte. Ich auch.

Mittwoch, 18.55 Uhr:

Die Zeit reicht nicht. Die Kollegin fährt mich bis zum nächsten Haltepunkt. Der Bahnsteig ist gut 300 Meter entfernt. Ein letzter Sprint. Der Zug fährt an, ich fahre vor Wut aus der Haut. Der nächste kommt in einer Stunde. Nach 20 Uhr ist auch die schönste Nahverkehrs-Taktung passe´, vor allem in Wattenscheid. Dunkelheit legt sich über den Haltepunkt, den Neon-Funzeln gelingt es nur mit Mühe, den Bahnsteig auszuleuchten. Ein ungutes Gefühl macht sich breit. Was, wenn jetzt zwei, drei junge Männer vorbeikommen und um Geld bitten? Vielleicht interessieren sie sich ja für mein iPhone. Eine Notrufsäule, Polizei, schwarze Sheriffs? Fehlanzeige. Ein eigenes Sicherheitskonzept muss her: Ich nehme den Zug in die Gegenrichtung.

Donnerstag, 9.40 Uhr:

Zwischenstopp Bochum Hauptbahnhof: Die vier sind nicht zu überhören. Kaffee, so viel ist sicher, haben die heute morgen nicht zum Frühstück gehabt. Ob sie wohl auf dem Weg in die Zahnklinik sind, Abteilung Rundum-Erneuerung? „Eyhh, der Michael wartet schon am Hauptbahnhof”, brüllt einer, als wolle er auch alle anderen Fahrgäste zum Umtrunk einladen. Der „Freigraf” klirrt im Jutebeutel, eine Flasche bahnt sich ihren Weg durch den Mittelgang. Der Zug hält, nichts wie raus hier. Kein Bier vor vier.

Freitag, 19.05 Uhr:

Mein Experiment neigt sich dem Ende zu. In Wetter ein letztes Mal umsteigen: vom Regionalexpress in die S-Bahn. Wenn die Deutsche Bahn eine dritte Klasse hätte, so müsste sie aussehen. Das Kunstleder des Sitzes ist mit Graffiti beschmiert, der gegenüberliegende Platz aufgeschlitzt, aus dem Mülleimer dringt übler Gestank. So ein Pech: wieder einen alten Wagen erwischt. Dabei ist die Bahn gerade dabei, ihre S-Bahn-Flotte an Rhein und Ruhr komplett zu verjüngen.

Haltepunkt Hagen-Vorhalle: Ein letztes Mal durch die dunkle Unterführung. Noch einmal Luft anhalten, um nicht den stechenden Geruch männlicher Notdurft einzuatmen. Schnell über den Park & Ride-Parkplatz, den noch nie eine Laterne erleuchtet hat. Um Schlaglöcher voller Regenwasser herumtänzeln. Endlich im Auto, da fällt mir der Titel eines Buches aus meiner Kindheit ein. Damals schlug mein Herz für Modellbahnen. Ein Bekannter schenkte mir einen Fotoband: „Das Tor zur neuen Bahn”. Im Ruhrgebiet, möchte man meinen, hat es bislang noch keiner aufgestoßen.

Sven Frohwein

Facebook
 
Kommentare
11.08.2010
15:21
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von Nachts in der Bahn | #46

Bahnfahren ist nachts sicher nicht die schönste Art der Fortbewegung.

09.11.2009
10:49
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von Eagle2 | #45

Hallo Herr Frohwein, Ihr Bericht ist ja sehr ernüchternd.
Ich vermeide seit Jahrzehnten konsequent die Nutzung der Bahn. Die vielfältigen Gründe dafür geben Sie in Ihrem Bericht wieder. Neuerdings ist ja auch noch die zunehmende Gewaltbereitschaft einiger Bürger dazugekommen.
Allerdings muß ich der Bahn auch zugute halten, dass sie wohl keine Chance hat, dem Vandalismus und der Gewaltbereitschaft einer offensichtlich immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe Herr zu werden. Es müßten Hunderttausende Hilfssherrifs eingesetzt werden was die Bahnpreise beträchtlich erhöhen würde. Die Frage ist allerdings, ob es das nicht wert wäre (?)

06.11.2009
12:16
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von carlotarrasqua | #44

06.11.09 Recklinghäuser Zeitung -Recklinghausen-
Willkommen zum Zahlen. Sonntags-Irrtum macht Bahnhofs-Parkplätze gezielt zur Knöllchen-Abzock-Falle. Wer den Firmennahmen Contipark Parkgaragen GmbH eingibt stößt auf tausende Beschwerdeführer.

No 338

Achtung, Achtung, es hat Einfahrt Firma Conti-Park
Die Parkhausfirma der Bahn macht sehr gern Abzock-Quark.
Nämlich sonntags oder feiertags
Vertragsstrafe und dreifach, sags,
wer kurz Brötchen holt sonntags, den haut Conti-Park stark*!

*3,60 Euro Tagesgebühr dreifach
23.oo Vertragsstrafe
-------
26,60 Euro wer sich sonntags irrt und denkt, parken ist kostenlos.

© carlo tarrasqua
nachlesen bei jappy.de/limericks

05.11.2009
20:06
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von Daniel Krüger | #43

Der Artikel ist von fraglichem Nutzen für den Leser. Welcher unstillbare Enthüllungsdrang steckt dahinter, etwas aufzudecken , das bereits allseits bekannt ist? Züge verspäten sich? Nicht zu fassen! In manchen Bahnhofshallen stinkt es nach Urin? Unfassbar! Demnächst erfahren wir von diesem Wallraff für Kleingärtner wohl noch exklusiv, dass Wasser nass ist. Schön, dass sich der Qualitätsjournalisnus der WAZ mittlerweile den ganz großen Fragen der Menschheit stellt und die verbliebenen Redakteure sich derart herablassen, sogar für fünf Tage den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Recherchearbeit an der Grenze zur Selbstaufgabe, ohne Rücksicht auf Leib und Leben. Respekt.

05.11.2009
14:25
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von mao | #42

Wie bekloppt muss man sich denn als Journalist anstellen?
Als erstes gehört zu einem gescheiten, nicht nur auf Populismus angelegtem Artikel wenigstens die Verbindung, die getestet wurde.
Wahrscheinlich war es Hagen Vorhalle Bf. nach Wattenscheid Bf.
Diese Verbindung gibt es durchgehend im Stundentakt oder mit Umstieg in Wetter Bf., auch im Stundentakt.
Also über 60 Minuten warten auf den nächsten Zug ist vollkommener Unsinn. Ab 20.16 Uhr geht es allerdings dann nur im Stundentakt bis 23.16 Uhr.

Aber warum in Hagen-Vorhalle einsteigen, da geht es 2 Minuten mit der S-Bahn nach Wetter, so schlimm kann es dann doch nicht sein, in einem alten Waggon zu fahren wenn es ganze 2 Minuten sind. Alternativ kann man natürlich auch direkt nach Wetter mit dem Auto fahren, wenn einem der alte Güterbahnhof nicht passt. Den P+R-Parkplatz, den sehe ich nicht. Wenn Sie ihren PKW aber jeden Tag in einem Acker parken, hat das nichts mit einem anständigen P&R Parkplatz zu tun, von denen ist natürlich zu wenige gibt. Aber das ist auch Sache der Stadt und nicht Aufgabe der Bahn, Flächen dafür zu schaffen.

Im Übrigen ist das eine recht gute Verbindung, 26 bzw. 30 Minuten.
Wann kommt ihr Bericht über die A40 für diese Strecke, Hr. Frohwein?
Bitte unterlassen Sie es aber dann auch nicht, sich jeden Tag zu verfahren, zwischendurch eine Tankstelle zu suchen, in einigen Verkehrsunfälle verwickelt zu werden, tägliche Beschimpfungen zu erfahren und Anzeigen wegen Nötigung zu stellen, weil mal einer zu dicht aufgefahren ist.

05.11.2009
13:47
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von voltago | #41

Wenn ich im Auto sitze, dann weiß ich, daß mich Staus erwarten und ich richte mich darauf ein, und habe vor allen meine Ruhe, mein Radio, meine Musik, meine Kanne Kaffee, meinen Sprudel, mein Leckerchen.
Und das alles soll ich eintauschen, - gegen mir aufgezwungene Unruhe, Lärm, eventuell nertötende Musik, undefinierbare Flüssigkeiten auf dem Boden, auf den Polstern, überall, Gerüche, und nicht zu vergessen, Hetzerei, mit dem ungewissen Gefühl, einer eh unpünktlichen Bahn entgegenzuhetzen?
Niemals. ich liebe meinen kleinen Kosmos auf vier Rädern, der sich mal mehr, mal weniger schnell voranbewegt. Und genau darauf stelle ich mich ein, und mache mich auch deshalb lieber eine halbe, oder eine Stunde früher auf den Weg.
Gruß

05.11.2009
11:25
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von taubenvergifter | #40

35 km quer durch das Ruhrgebiet in 40 Minuten?

Um 3 Uhr morgens?

05.11.2009
10:28
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von berufspendler | #39

Meine Erfahrung nach fünfjährigen Selbstversuch:
Entfernung 35 Kilometer, quer durch das Ruhrgebiet, mit dem Auto in 40 Minuten zu schaffen.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln braucht man die doppelte Zeit (dreimal Umsteigen), also knapp eineinhalb Stunden.
Mindestens zwei der zehn wöchentlichen Fahrten werden von der Bahn total versemmelt, Fahrtzeit dann zwei Stunden. Begründungen für die Verspätungen sind bevorzugt hohes Zugaufkommen, Signalstörungen und das Wetter.
Verspätungen von fünf MInuten halte ich für tolerabel.

05.11.2009
09:37
Blockierter Kommentar.
von Thomas.Lau | #38

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

05.11.2009
09:00
Eine Woche Bahn-Pendler im Selbstversuch
von vielfahrer | #37

Wer faährt den erst um 8.45 los? Solch ein Test müsste um spätestens 7.000 beginnen, da fahren mehr Züge , da erwischt man auch die Verspätungen und vor allem die vollen Züge.
Der Kommentar von Plautzi stimmt. ImOsten bleiben die Züge und Bahnsteige sauber (eigene Erfahrungen eines Ruhrgebietlers). Im Ruhrgebiet will die Bahn wohl nicht das Geld unnnütz ausgeben, denn neue Wagenn und renovierte Bahnsteige würden wieder schnell versaut werden. Aber das sollte die Bahn nicht daran hindern, pünktlich zu fahren!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/46658/create

Aktuelle Fotos und Videos
Abriss des RWE-Stadions
Bildgalerie
RWE
Heftige Unwetter in NRW
Bildgalerie
Unwetter
Aus dem Ressort
Suspendierter islamistischer Polizist kennt geheime Akten
Salafismus
Ein salafistischer Polizist soll auch Glaubensbrüder observiert haben. So konnte er wohl auch streng vertrauliche Dokumente durchforsten. Der Beamte aus Duisburg wurde inzwischen vom Dienst suspendiert. Innenminister Ralf Jäger prüft nun Konsequenzen.
Ruth Levy-Berlowitz dolmetschte im Eichmann-Prozess
Eichmann-Übersetzerin
Ruth Levy-Berlowitz dolmetschte den Prozess gegen NS-Verbrecher Eichmann. Im Bonner Haus der Geschichte erzählt sie, was damals in ihr vorging. „Ich lebte, aß, trank Eichmann“, sagt sie. Trotzdem bekam sie von dem Grauen im Prozess längst nicht alles mit.