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Eine Kita – auch für behinderte Kinder

30.06.2011 | 22:34 Uhr
Eine Kita – auch für behinderte Kinder
Bilge (li.) und Emmylou (re.) besuchen gemeinsam die Essener Kita „Am Brandenbusch“. Foto: Matthias Graben

Essen.   In der Essener Kita „Am Brandenbusch“ wachsen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam auf. Die Einrichtung war 2005 eine der ersten, die sich entschied, integrativ zu arbeiten. Mit guten Erfolgen bis heute.

Emmylou haut zu. Blitzartig schlägt ihre zarte Kinderhand mit voller Wucht der vierjährigen Bilge auf die Brust. Doch noch bevor das Mädchen auf den Angriff reagieren kann, ist Erzieherin Sandra Breuer bei den beiden angelangt. Mit ruhiger Stimme erklärt sie Bilge, dass Emmylou einen schlechten Tag hat.

Emmylou, das kennt Bilge schon, ist ein bisschen anders. Was das Wort „Downsyndrom“ bedeutet, weiß Bilge nicht. Aber sie weiß, dass Emmylou, das Mädchen mit den schräg stehenden Augen und dem mondförmigen Gesicht manchmal aggressiv wird, wenn sie sich aufregt. Ihre Spielkameraden aus der integrativen Kindergartengruppe akzeptieren das. Einfach so.

Die Kita „Am Brandenbusch“ in Essen-Bredeney war 2005 eine der ersten, die sich entschieden, integrativ zu arbeiten. Zehn nicht-behinderte Kinder wachsen hier mit fünf behinderten Kindern in einer Gruppe auf. Durch das tägliche Miteinander sollen Berührungsängste und Vorurteile abgebaut werden – oder gar nicht erst entstehen. In Zukunft, so will es die UN-Behindertenkonvention, sollen mehr behinderte Kinder nicht nur integriert, sondern von vornherein am Bildungssystem „inklusiv“ teilhaben – in an ihre Bedürfnisse angepassten Einrichtungen. Bislang gibt es jedoch kaum inklusive Schulen oder Kitas.

Die Kinder unterstützen sich hier

Wie wertvoll ein Miteinander von behinderten und nicht-behinderten Kindern für deren Entwicklung sein kann, zeigt die Kita in Bredeney. Hier haben sich der sechsjährige Sam und der fünfjährige Rik kennengelernt. Sam leidet unter spinaler Muskelatrophie. Er sitzt im Rollstuhl, kann seine Arme nur mühsam bewegen. Sein Kopf wirkt viel zu groß für den dünnen, verkümmerten Körper. Geistig ist Sam völlig fit, doch für vieles braucht er Hilfe. Dafür hat er Rik, denn Rik ist sein bester Freund. Beim Mittagessen sitzen die beiden nebeneinander und albern herum. So laut, dass Erzieherin Sandra Breuer beide mehrfach ermahnen muss, leise zu sein. Während Sam erst die Hälfte seines Tellers leer hat, essen die anderen Kinder schon Melone. Doch das macht nichts. Rik hat Zeit und wartet. Dann, als Sam fertig ist, und die letzten Kartoffeln auf seinem Teller zusammengekratzt hat, schiebt Rik Sams Kinderrolli einhändig zur Geschirrabgabe. Ohne sich groß abzusprechen, arbeiten die beiden im Team.

Dass die Kinder sich hier unterstützen, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie merken, wenn sie helfen können, meint Sandra Breuer. „Was die Kinder auf diese Weise an Sozialkompetenz lernen“, da ist sich die Erzieherin sicher, „das ist einzigartig.“

Kathrin Becker leitet die Kita und das dazugehörige Familienzentrum schon seit neun Jahren. „Ich denke, dass momentan viele Einrichtungen, die umrüsten wollen, sich vom Land noch sehr allein gelassen fühlen“, sagt sie. Zwar werde viel über das Thema geredet. Geschehen sei bisher jedoch wenig. Jene Einrichtungen, die sich bisher für eine Umstellung auf integrative Betreuung entschieden hätten, müssten zu vieles selbst regeln. Auch finanziell.

Die Kleinigkeiten des Alltags

So wie diese Grundschule in Essen-Werden, die sich bereit erklärt hat, Sam als erstes behindertes Kind aufzunehmen. „Die Schulleitung ist motiviert, aber verunsichert“, so Becker. „Die Schule hat im Prinzip nur uns, von denen sie erfahren kann, was Sam konkret wirklich braucht. Die Unterstützung vom Land, so wie sie jetzt ist, das reicht einfach nicht.“

Wie viel Unterstützung ein Kind wie Sam oder Emmylou braucht, zeigt sich in den Kleinigkeiten des Alltags. Nach dem Mittagessen geht es in den Waschraum. Die nicht-behinderten Kinder gehen alleine aufs Kinderklo und waschen sich danach die Hände. Emmylou muss auch aufs Klo. Sandra Breuer bringt sie auf das extra eingerichtete Kinder-Behindertenklo. Sina und Ben, zwei geistig behinderte Kinder, müssen gewickelt und gewaschen werden. Sandra lässt Emmylou deswegen kurz allein. Als sie zurückkommt, ärgert sie sich: Emmy hat Quatsch im Klo gemacht und sich beschmiert. Jetzt müssen nicht nur die Hände gewaschen werden, sondern die halbe Emmy.

Erst als alle Kinder endlich fertig und sauber auf den Kuschel-Matratzen liegen, kann Sandra Breuer durchatmen. „Es ist schon viel“, sagt sie. Auch mit drei Betreuern wisse man manchmal nicht, wohin zuerst. So eine Arbeit mache eben doch nur jemand mit entsprechender Motivation. Und nicht, weil die Politik es so wolle.

Katrin Bölstler



Kommentare
05.07.2011
16:29
Eine Kita – auch für behinderte Kinder
von spesch | #4

Ich kann mich dem vorherigen Kommentar nur anschließen: auch mich, als ehemalige Brandenbusch-Kita Mutter hat dieser Artikel sehr negativ berührt. Es stört mich sehr, daß die behinderten Kinder mit Namen und medizinischer Diagnose geschildert werden, was meiner Meinung nach deren Persönlichkeitsrechte verletzt, von der Verletzung der Imtimsphäre, speziell bei Emmylou ganz zu schweigen. Frau Breuers Arbeit und die des ganzen Teams durfte ich 3 Jahre lang als Mutter eines nicht-behinderten Kindes beobachten und kann nur sagen: die Schilderung der völlig überlasteten Frau, die kaum noch weiß, wie sie ihre Aufgaben bewältigen soll, wird ihr überhaupt nicht gerecht. Der Artikel suggeriert eine gewisse persönliche Opferbereitschaft von Frau Breuer und auch den gesunden Kindern zum Wohle der behinderten. Das stimmt so einfach nicht. Behinderte Kinder haben nicht nur körperliche oder geistige Besonderheiten, sondern oft auch psychische und soziale; und zwar durchaus positive. Sie wirken beruhigend und ausgleichend auf die gesunden Kinder ein und tragen so zum Wohlbefindern der Gruppe und jedes Einzelnen bei. Sie geben und vermitteln mehr als das gute Gefühl am Abend, tagsüber 1-2 gute Taten vollbracht zu haben, weil man ihnen den Rollstuhl geschoben hat. Es ist schade, daß die Verfasserin des Artikels diesen Aspekt überhaupt nicht bemerkt zu haben scheint. Wenn ich die Kita und deren hervorragende Arbeit nicht aus eigener Erfahrung kenne würde und nun entscheiden müßte, ob ich mein gesundes Kind dort anmelden würde, ich glaube, ich würde es nicht tun. Der integrativen Idee ist mit diesem Artikel ein echter Bärendienst erwiesen worden, den niemand in der Kita, Frau Breuer am wenigsten, verdient hat.

04.07.2011
22:06
Eine Kita – auch für behinderte Kinder
von Irmgardjosefine | #3

Schade, dass diesem Artikel jede Empathie fehlt.
Die behinderten Kinder werden als brutal und verkümmert dargestellt. Wer denkt da bitte an die Familien ? Ich finde den Artikel abschreckend.
Aus erster Hand weiss ich jedoch dass es dort im Kiga ganz anders zu geht als beschrieben. Hier giebt es eín geben und nehmen unter gesunden Kindern und Kindern mit Handykap.
Die Familien haben es schwer genug. Muss dann so ohne jegliche Sensibilität und mit Namen über die wirklich bezaubernden und besonderen Kinder geschrieben werden ? Ich kenne sie persönlich . Sie sind allerliebst und nicht brutal, verkümmert oder verschmieren sich. Übrigens können das gesunde Kinder genau so. Die Erzeiherinnen sind sicherlich eingespannt aber nicht so wie beschrieben. Wenn Artikel über dieses Thema, was zu begrüßen wäre, mit viel mehr Empathie !! Sam, Emy ihr seid ganz , ganz großartig !!

01.07.2011
12:03
Eine Kita – auch für behinderte Kinder
von difusor | #2

Ich freue mich, dass hier über die Integration behinderter Kinder berichtet wird. Von uns als Eltern vor über 25 Jahren politisch gefordert (mit Verweis auf international vorbildliche Lösungen, wie sie hier z.B. marianus schildert) und modellhaft für unsere eigenen Kinder mühevoll begleitet, geht es leider viel zu langsam voran. Es gibt es immer noch viel zu tun. Deshalb informiert und engagiert euch bei: http://www.gemeinsam-leben-nrw.de/initiativen

01.07.2011
11:03
Eine Kita – auch für behinderte Kinder
von marianus | #1

1. toll das es einen solchen kindergarten gibt.
2.ein lob für die mitarbeiterinnen.
3.ist es aber nicht traurig das soetwas noch so besonders erwähnt werden muss?was behinderte menschen betrifft muss ich als über 70 jähriger von geburt an behinderter sagen;bei allen fortschritten,ist deutschland immer noch ein entwickslungsland was behinderte betrifft.was die gesellschaft als solche betrifft,es gibt wunderbare menschen welche normal mit uns umgehen,aber der grösste teil der gesellschaft hat zwar auch nichts gegen behinderte aber auch nur wenn sie nicht unter ihnen leben.dafür gibt es ja heime.
ein selbstbewusster behinderter wird immer als querulant abgetan.ich bin in den niederlandne aufgewachsen.normaler kindergarten,normale schule,abi und studium und oft meinen immer noch leute körperbehindert heisst auch geistig behindert.
wobei man sich nicht vertun soll,auch geistig behinderte menschen haben ihre wahrnehmungen und empfindungen und merken genau was geheuchelte freundlichkeit ist.
oft frage ich mich allerdings;wer ist hier wirklich behindert?

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