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Eine deutsche Wendekarriere

02.07.2012 | 19:56 Uhr
Ein Blick in die Stasi-Akten entlarvt häufig Unglaubliches. Wie auch im Fall von Prof. Wilhelm Ahrens.Foto: dapd

Bochum.   Wie ein Mann aus dem Schattenreich der Stasi im Westen nach der Wende beim Klassenfeind in Bochum, Essen und Hamburg aufstieg. Professor Wilhelm Ahrens machte eine Bilderbuch-Karriere im Westen, doch zuvor versorgte er im Auftrag der Stasi das DDR-Regime mit West-Geld.

Es gibt erstaunliche Karrieren. Etwa die von Professor Doktor Wilhelm Ahrens. Der 64-Jährige leitet heute als Vorstandsvorsitzender die Charlotte-Uhse-Stiftung. Ein Institut, das dem Gedenken einer Frau gewidmet ist, die es gewagt hatte, gegen das DDR-Unrechtsregime aufzubegehren und die dafür in stalinistischen Gulags leiden musste. Das besondere daran: Wilhelm Ahrens arbeitete einst für eine Firma aus der Welt der Stasi im Westen. Ahrens selbst war eine Stütze des DDR-Machtapparates.

Auf den ersten Blick glänzt die Karriere von Professor Dr. Wilhelm Ahrens wie ein Abziehbildchen. Geboren in der Nachkriegszeit in Oldenburg, wurde er 1997 Finanzchef des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft in Essen. Einem Verband, der mehr als 1,5 Milliarden Euro verwaltet.

Scheinbar ein Aufstieg ohne Brüche. 2005 stieg Ahrens zum Prokuristen der Privatbankiers von Merck Finck & Co auf, wurde dort Direktor der Merck Finck Treuhand AG, die sich der Pflege großer Familienvermögen verschrieben hat. Nach seinem Ausstieg bei Merck Finck ist er heute noch Geschäftsführer der HST Hanse StiftungsTreuhand GmbH. Ruhm und Ehre der Geldwirtschaft.

Dunkle Flecken

Erst wenn man sich genauer mit dem Leben von Professor Ahrens beschäftigt, fallen die dunklen Flecken in seiner Vergangenheit auf. Wilhelm Ahrens war einer der wichtigsten Wirtschafts-Kader, derer sich die Stasi im Ruhrgebiet bediente. Er besorgte im Schattenreich des Stasi-Obristen Alexander Schalck-Golodkowski West-Geld, um die Herrschaft im Unrechtsstaat DDR sichern.

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Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen, über die Anwerbung der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi in Westdeutschland

Ahrens machte bereitwillig mit. Nach der Wende verschwanden etliche Unterlagen über diese Wirtschafts-Kader. Die Stasi schredderte unablässig Akten. Nur selten, wie im Fall von Ahrens, gelingt es, Bruchstücke zu einem Mosaik zusammenzufügen. Es zeigt das Bild eines gelungenen Abtauchens.

Im Klassenkampf

Über seine Vergangenheit redet Professor Ahrens nicht gerne. Mit seinen grauen Haaren und der samtweichen, nordischen Stimme weckt er Vertrauen. Er residiert unter einer Hamburger Adresse, unweit der Alster unter einem Dach mit einer Wirtschaftskanzlei. Nichts erinnert daran, dass Ahrens mal auf der anderen Seite des Grabens im Klassenkampf lag.

Nach Recherchen der WAZ war Ahrens vor der Wende ein führender Prokurist der Bochumer Firma NOHA. Diese gehörte zum Wirtschaftsimperium der von der Stasi kontrollierten geheimen Kommerziellen Koordinierung (KoKo) im Ministerium der DDR für Außenhandel. Eine Parteifirma unter dem Stasi-Dach. Ahrens’ Aufgabe im Operationsgebiet West: Valuta machen für den Klassenkampf.

Von Spitzengenossen gefördert

Nach seinem Eintritt in die Firma im August 1982 übernahm Ahrens die Abteilung „Beschaffung und Vertrieb diverser Produktgruppen.“ Bereits 1984 wurde ihm Prokura erteilt. Ein Jahr später stieg er auf zum Hauptabteilungsleiter, Personalchef und zum Vertrauten von NOHA-Chef Heinz Altenhoff. Eine Karriere alleine auf Basis geschäftlicher Erfolge, soweit die offizielle Biografie.

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Stasi-Forscher Dr. Helmut Müller-Enbergs: Was die Stasi an der Spionage verdient hat

Inoffiziell wurde Ahrens Karriere von den Spitzengenossen aus den Stasi-Seilschaften protegiert. Im Oktober 1984 etwa laden sie Ahrens als Wirtschaftskader zur ideologischen Schulung ins „Objekt Karl Liebknecht“. Er bekommt dort Unterricht zur „aktuellen Krisensituation der kapitalistischen Welt“ und zu „Fragen der kommunistischen Weltbewegung“. Im Oktober 1985 wird Ahrens zu einem Lehrgang für Spitzenkader über den „ideologischen Kampf der Gegenwart“ in die DDR gebeten. Auf dem Programm: „die Werte des Sozialismus.“

Schlankes Gesicht

Der westdeutsche Manager Ahrens glänzte in den Augen der kommunistischen Führung. Damals hatte er ein kantiges, aber dennoch schlankes Gesicht, das von einer Pilotenbrille dominiert wurde. Seine großen Hände strahlten Ruhe und Vertrauen aus.

In einem internen Vermerk notierten Spitzengenossen unter dem Punkt „Kader“: „Es wurde festgelegt, dass Wilhelm Ahrens mehr wie bisher in die Gesamtleitung des Unternehmens einzubeziehen ist. Ahrens ist so vorzubereiten, dass er an der Prognoseberatung für das Jahr 1988 und an der Rechenschaftslegung per 31. Dezember 1989 voll verantwortlich teilnehmen kann.“ Und weiter: „Das Gehalt von Ahrens ist ab 1. Juli 1987 anzuheben.“

Geheime Spionage-Wünsche

Dieses umfassende Vertrauen wusste Ahrens zu bestätigen. So stellte er für die NOHA den Kontakt zur Waffenschmiede Heckler & Koch her und fädelte kurz vor der Wende einen Deal zwischen einem DDR-Kombinat und Heckler & Koch zum Kauf von „Feinstbohrmaschinen“ im Wert von umgerechnet mindestens 60 Millionen D-Mark ein. Die Provision für Ahrens Stasi-Firma lag bei mindestens 1,24 Millionen D-Mark.

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Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen, über die Ziele der DDR-Staatssicherheit im Westen

Für die Stasi lohnte sich der Ahrens-Einsatz doppelt. Kurz nachdem der NOHA-Manager den Kontakt herstellte, erfüllten sich für die Stasi nach jahrelangem Warten endlich geheime Spionage-Wünsche im hermetisch verschlossenen Reich der Waffenbauer von Heckler & Koch. Verdeckt wurden Waffen und Munition in die DDR gebracht, um dort die eigenen Militärproduktion zu stärken.

Die Wende kam dazwischen

Doch dem endgültigen Durchbruch von Ahrens an die Spitze der Stasi-beherrschten NOHA kam die Revolte in der DDR in die Quere. Nach dem 9. November 1989 war das Geschäftsmodell der NOHA hinfällig: Westfirmen wollten keine Provisionen mehr zahlen, um Handel mit der DDR zu treiben. Die Umsätze der NOHA brachen genauso schnell ein, wie der Unrechtsstaat DDR unterging. Am Tag, als die Westmark in der DDR eingeführt wurde, am 30. Juni 1990, schied Ahrens „auf eigenen Wunsch“ aus der NOHA aus. Sein Abgangszeugnis lobt Ahrens’ „Engagement und Geschick“.

Für die nächsten Jahre verliert sich die Spur des Ex-Hoffnungsträgers der Stasi. Bis der Ex-Kader aus dem Reich von Schalck-Golodkowski schließlich in Essen seinen Durchbruch beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft als kapitalistischer Wohltäter schaffte.

Friedlicher Untergang

Heute in seinem Ambiente als gesetzter Kaufmann in feinster Hamburger Gegend kann sich Professor Ahrens nur noch bedingt an die Vergangenheit erinnern. Er flüstert fast, wenn er über die NOHA spricht. Kommunistische Lehrgänge in Ostdeutschland? Höchstens einmal sei er da gewesen. An Geschäfte mit Heckler & Koch könne er sich gar nicht erinnern. Weiter sagt Ahrens, als Prokurist der NOHA habe er nur die Aufgabe gehabt, Verträge im Namen der Firma zu unterschreiben. Was die Stasi sonst so in der Firma oder im Westen getrieben habe, davon habe er nichts gewusst.

Und überhaupt, sagt Ahrens: Die NOHA sei wichtig gewesen, um den Ost-West-Handel voranzutreiben und damit die Normalität zwischen beiden Staaten. Und schließlich habe diese Annäherung dazu beigetragen, „dass die DDR so friedlich untergegangen ist und ein Neuanfang begonnen werden konnte.“

Eine erstaunliche Karriere.

Unser interaktives Spezial zu den Tätigkeiten der Stasi im Ruhrgebiet finden sie hier.

David Schraven



Kommentare
04.07.2012
12:51
Eine deutsche Wendekarriere
von wohlzufrieden | #5

Die cDsU, ein Heim für rechte und linke Extreme? Ja sicher!

04.07.2012
01:46
Erpunktkapunkt | #3
von Frankfurter | #4

Unter den Stichwörtern Nazis Karriere nach Krieg

www.google.com/search?q=nazis+karriere+nach+krieg

findet man bei google über 10,5 Millionen Beiträge. Also bitte tun Sie nicht so als wenn das in Deutschland nie ein Thema gewesen wäre. Und ich finde immer schlimm wenn auf andere gezeigt wird.

Übrigens haben in der damaligen DDR genau so viele Altnazis Karriere gemacht wie in der BRD.

http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2366785

03.07.2012
23:06
Eine deutsche Wendekarriere
von Erpunktkapunkt | #3

Jaja, die boesen boesen Ossis mal wieder...

Wie sah das eigentlich mit den (ehemaligen) Nazis nach dem Krieg hier aus?
Da haben auch nicht wenige eine Karriere hingelegt. Das waren natuerlich auf einmal alle lupenreine Demokraten...

1 Antwort
Eine deutsche Wendekarriere
von Frankfurter | #3-1

Ich will hier nichts entschuldigen, aber nach dem Krieg gab es niemand als die Leute die in der NSDAP waren die Deutschland wieder führen konnten. In allen Positionen wie Bürgermeister, Richter, Verbänden, Gewerkschaften saßen Mitglieder der NSDAP. Man konnte nicht innerhalb von 3 Tagen Richter, Staatsanwälte usw. ausbilden und einsetz. Also musste man mit den alten weiter arbeiten. Selbst die Amerikaner haben ihren Erzfeind Allfried Krupp vorzeitig frei gelassen damit er beim wirtschaftlichen Wiederaufbau in Deutschland helfen konnte. Wer sollte denn Deutschland sonst wieder auf bauen? Die Alleirten?

Und das deutsche Nazis später Karriere in Deutschland gemacht haben, war doch niemals ein Tabu. Zb. wurde der Ministerpräsident Filbinger, mit Recht., jahrelang kritisiert. Der war ja Nazi Richter.
Und die RAF ist doch entstanden weil es noch so viele Altnazis gab.
Und wieso soll man jetzt das Thema Stasi zum Tabu machen?

http://www.google.com/search?q=nazi+filbinger 43000 Einträge

03.07.2012
22:55
Eine deutsche Wendekarriere
von Frankfurter | #2

Mindestens einer davon sitzt als Abgeordneter im Bundestag. Und viele in Landes und Kommunalparlamenten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_Gysi
seine herausgehobene berufliche Stellung als einer der wenigen Rechtsanwälte in der DDR genutzt, um als Anwalt auch international bekannter Oppositioneller die politische Ordnung der DDR vor seinen Mandanten zu schützen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er sich in die Strategien des MfS einbinden lassen, selbst an der operativen Bearbeitung von Oppositionellen teilgenommen und wichtige Informationen an das MfS weitergegeben. Auf diese Erkenntnisse war der Staatssicherheitsdienst zur Vorbereitung seiner Zersetzungsstrategien dringend angewiesen. Das Ziel dieser Tätigkeit unter Einbindung von Dr. Gysi war die möglichst wirksame Unterdrückung der demokratischen Opposition in der DD

03.07.2012
22:14
Eine deutsche Wendekarriere
von AuroraBorealis | #1

Deutsche Kanzlerin Merkel ein Stasi-Spitzel?

http://www.wallstreet-online.de/diskussion/1141657-1-10/deutsche-kanzlerin-merkel-ein-stasi-spitzel


Merkel gegen Freigabe von Foto aus Stasi-Akte

http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/a-377389.html

3 Antworten
Eine deutsche Wendekarriere
von holmark | #1-1

Merkels Akte befindet sich in den USA - und das hat Gründe.

AuroraBorealis | #1
von Frankfurter | #1-2

Herbert Wehner ein Kindermörder?

Helmut Schmidt ein Erpresser?

Rudolf Scharping ein Räuber?

Walter Scheel ein Bombenleger?

Guido Westerwelle ein Bankräuber?

holmark | #1-1
von Frankfurter | #1-3

Und aus welchem Grund liegt die Akte von Frau Merkel in den USA?

Ist das auch so eine Frage und Antwortspiel wie von #1.

Ich kann hier auch einen Link posten in dem steht das Michael Jackson ermordet wurde. Er war angeblich Impfgegner und wurde von der CIA mit einer russischen Strahlenkanone aus dem All ermordet. Auftrag das CIA. Das hat alles ein russischer FSB General veröffentlicht.

http://www.ureader.de/msg/117610384.aspx

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