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Ein Ort der Hoffnung

14.09.2008 | 09:03 Uhr
Ein Ort der Hoffnung

Kevelaer. Rund eine Million Pilger kommen jährlich zur Wallfahrt nach Kevelaer. Sie suchen die Ruhe mitten im Rummel. Aber auch diese ganz besondere Stimmung, die das Städtchen ausmacht – und zwar schon seit 1642.

65 Kilometer hat er in den Beinen. Gerd Baltissen (70) ist einer der vielen Holländer, die nach Kevelaer herangeradelt kommen, „wegen des Flairs”. Jetzt wartet er auf seine Frau. Sie ist zwischen Gnaden- und Kerzenkapelle unterwegs. Nur wo?

Pfarrer Stefan Zekorn will es nicht „Rummel” nennen, aber „Trubel”. Der dazu führe, dass man kaum ein Bein vors andere bekommt, aber auch zu der einmaligen Stimmung beiträgt, in die sich die fast eine Million Pilger pro Jahr verlieren. Zekorn: „In der Gemeinschaft erlebt man vieles, auch den Glauben, intensiver.”

Kontakt zum lieben Gott

Diese Stadt mit ihren 29 000 Einwohnern, die neben Alt-Ötting zu Deutschlands größten Wallfahrtsorten zählt, sucht man nicht einfach auf, um sich, sagen wir, Schuhe zu kaufen. Alles – Buchkauf (Bibel), Schmuckkauf (Kreuze), Kerzenkauf ist religiös fundiert. Doch es geht hier nicht ums Kaufen. Es geht um mehr. Rainer (55) und Waldtraut Kurzeja (63) aus Groß-Reken suchen „Kontakt zum lieben Gott und Ruhe”. Sie sind nicht alleine, sagt Pfarrer Zekorn.

Stefan Zekorn ist Pfarrer der Wallfahrts-Gemeinde in Kevelaer. (Foto: WAZ, Matthias Graben)

Er selbst ist einer, dessen Tagesablauf dem eines Managers gleicht. Der von morgens sechs bis abends zehn arbeitet, zwischendurch immer wieder E-Mails checkt. Kevelaer ist nicht die beschauliche Oase, als die es sich verkauft. Die Idylle ist vielmehr eine grandiose Kulisse aus Basilika und Kerzenmeer – dahinter steckt ein Meisterwerk der Logistik.

Vier Gottesdienste gleichzeitig, 20 Messen täglich, mit zwei bis drei Priestern besetzt. Das bedeutet: Hier sind sechs Küster von morgens früh bis abends spät am Werk. Stäbe von Freiwilligen sehen zu, dass die Messegewänder – nicht unter 50 Stück pro Woche – frisch gewaschen und gebügelt am Platze hängen.

Dass die Pilger von allem nichts mitbekommen, verdankt man wohl der Routine. Seit 1642 hat man hier Wallfahrtserfahrung. Kurz zuvor hörte ein Handelsmann beim Beten den geheimnisvollen Zuruf: „An dieser Stelle sollst mir ein Kapellchen bauen!” Gesagt, getan. „Davor war hier ja nix”, sagt Ruth Keuken von der lokalen Wirtschaftsförderung. Aber dann! Sie strömten. Zu Fuß, per Bus, per Rad, per Motorrad und auf Inlinern. So etwas füllt Kassen. Aber es sei auch viel Instand zu setzen. Keuken: „Wir sind verschuldet, aber im normalen Bereich.” Reich jedenfalls habe die Wallfahrt die Stadt nicht gemacht. Wohl aber prominent. Der Orgelbauer Seifert liefert Richtung Vatikan, die Glasmalerei Derix zur Sixtinischen Kapelle. Die Krippenhersteller liefern weltweit. Aber man spüre auch Abhängigkeiten: „Hier lässt sich nicht jedes Gewerbe ansiedeln. Schon mal keine Firmen mit Geruchsbelästigungen.”

Die durch die Gassen ziehen – meist weiblich und ab sechzig aufwärts – interessieren sich mehr für die Wunder: 1642 soll der gelähmte Peter van Volbroek geheilt worden sein. 1643 soll Eerutgen Dircks, eine Frau aus Huissen, von offenen Wunden an den Beinen befreit worden sein. Ein Ort, um zu hoffen, aber auch um zu danken – für die neue Hüfte. Oder dafür, dass die Enkelin das Abi schaffte.

In einer tiefen Stille

Schaut man in die Gesichter der Menschen in den Rollstühlen oder an Rollatoren, wird klar, dass Wallfahrt mehr ist als nur der Kerkeling-Effekt. Natürlich gibt es die, die mal eben einen Euro in den Schlitz vor dem Marienbild werfen und gar nicht hingucken. Aber die anderen sind mehr. Die, deren Augen feucht leuchten, nachdem sie ihre Kerze angezündet haben und – umgeben von der Masse – in einer tiefen Stille versinken. Wo andere trauern, ist der eigene Verlust weniger schlimm.

Tausend Kerzen passen auf den Kapellenplatz, sagt Kerzenverkäufer Andreas Cox (0,30 Cent für die kleine, 0,80 für die große Kerze), der die Schattenseiten kennt und morgens erst einmal 50 Kilo Wachs entsorgen muss. Doch das sei halb so schlimm. Das Schöne an seinem Beruf sei eben der Kontakt zu den Menschen. Kevelaer, sei ein Ort der Hoffnung. Auch für ihn.

Nachdem er zweimal vom Dach gefallen sei, musste er seinen Beruf als Dachdecker aufgeben. Schlimm. Jetzt sitzt er hier in seinem Häuschen, als „Mann aus der Kerzenkiste”. Seine größte Hoffnung ist, dass er noch lange Kerzen verkaufen kann – sein Vertrag aber läuft Ende des Jahres aus.

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Petra Koruhn

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