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Bildungsstreik 2009

Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus

18.06.2009 | 08:25 Uhr
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus

Essen. Mit Schülern und Studenten tun sich zwei Welten für den guten Zweck zusammen: Gelb ist wie bei Opel die Farbe des Protests. Am dritten Tag des Bildungsstreiks 2009 gingen in NRW wieder Tausende auf die Straße. In Dortmund liefen die Proteste jedoch aus dem Ruder.

Natürlich ist Che gekommen, der alte Kämpfer, eine rote Fahne ist da und die Anti-Atom-Sonne, bewährtes Stammpublikum eines jeden guten Studentenprotests seit Jahrzehnten. Aber diesmal sind auch Schüler da, die staunen, wie man sich eingerichtet hat an der Uni, auf der Wiese zwischen Mensa und Bibliothek in Essen: Für sie ist es die erste Demo, sie haben Plakate gemalt und schwänzen die Schule dafür: wie aufregend!

Dies ist der Bildungsstreik 2009, dritter Tag. Die Schüler haben zu Tausenden demonstriert, 50 000 sollen sie gewesen sein allein in NRW. Viele Studenten gingen mit, noch mehr aber lieber studieren, weshalb für die Streikenden die Schüler das neue Vorbild sind: „Die haben es uns vorgemacht.” Zwei Gruppen, zwei Welten, viele Ziele: kleinere Klassen, mehr Lehrer, Einheitschulen, keine Studiengebühren, kein Turboabi, keine Kopfnoten, keine Zusatzprüfungen, Magister statt Master. . . Wer will da eigentlich was? Vielleicht rennt die ganze Antwort in diesem Moment vorbei: ein hektischer Student mit schüttelndem Kopf und einem atemlosen Satz: „Keine Zeit zum Streiken.”

Schüler klagen über zunehmenden Druck

Von der Uni zum Arbeitsamt: der Protestzug in Essen. Foto: Arnold Rennemeyer

Das ist wohl das Problem. „Wehrt euch gegen den Prüfungsstress”, rufen die Studenten, „Turboabi – was ist das asi!”, antworten die Schüler, „wir sind so unter Druck”, klagt Eileen. Immer mehr „Lernstandserhebungen”, immer weniger Freizeit, kürzlich hat die Elftklässlerin den Gitarrenunterricht drangeben müssen, dabei hat sie „so gerne gespielt”. Deshalb gehen sie an diesem Mittwoch gar nicht in die Schule, obwohl sie nicht wissen, was ihnen dafür blüht: Sie müssen doch was tun!

Manche allerdings tun zu viel. In Dortmund reißen einige aus aus den Reihen der 5000, sie stürmen das Rathaus, schmeißen mit Broschüren und Blumenerde, mit Eimern und Teppichen von den Galerien: „Ein Wunder, dass hier niemand verletzt wurde”, sagt der Gesamtschüler Tim. Im Duisburger Norden endet die Demo recht rasch im Sitzen, um dann wieder auszufransen auf die Höfe von Schulen, hinter deren Mauern Abiturienten letzte Chancen nutzen. Da sieht mancher nach seiner ersten Demo auch gleich seine erste Anzeige, Tutkun vom Schülerbündnis versteht es trotzdem: „Die nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand.”

Anwesenheitskontrolle in der Vorlesung

Das sollten sie an den Unis auch, finden die Sprecher des „Bildungsstreiks”, aber viele, die tapfer ihr Seminar bestreiken, fühlen sich hilflos: „Man muss es doch wenigstens versuchen”, sagt Silvia, „besser als nichts zu tun”, hofft Inga. Sie sehen ja selbst, wie die Studenten sind: „Schaun-mer-mal, und dann gehen sie doch in die Vorlesung.” Silvia und Inga finden, wer das tut in dieser Woche, „der ist selbst schuld, darf sich nicht beschweren.” Allerdings ist ein streikender Student heutzutage nicht nur unauffällig faul: Er müsste sich eintragen in Vorlesungslisten. Anwesenheitskontrolle!

Kein Streikrecht
Schüler fehlen unentschuldigt

Eigentlich haben Schüler kein politisches Streikrecht. Wer am Mittwoch fehlte, fehlte also unentschuldigt, und wird diesen Vermerk wohl in zwei Wochen auch auf seinem Zeugnis finden.

Die Woche der Proteste endet am kommenden Samstag, 20. Juni, mit einer Kundgebung ab 13 Uhr am Düsseldorfer Hauptbahnhof.

Deshalb sind sie vielleicht noch 1000, die am Mittag in Essen wieder losziehen mit dem Ruf: „Aufstand 17. Juni”, obwohl das eine andere Veranstaltung war. Diese hier ist ein „Bildungsgipfel”, wie zu lesen ist: „Der wahre Bildungsgipfel findet auf der Straße statt.” Sprüche skandieren sie, eigens auf einem „Sei-laut-Flyer” notiert: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!” „Bildung statt Banken”, liest man auf Transparenten, es wird da auch einiges verquickt. In Bochum protestiert Verdi mit im Namen aller Erzieherinnen, weil „Bildung schon im Kindergarten” beginne. Und das gelbe T-Shirt „Bundesweiter Bildungsstreik” sieht aus wie das Protesthemd „Wir sind Opel”. „Opel bekommt riesige Zuschüsse, und wir müssen Studiengebühren bezahlen”, sagt Andrea aus Duisburg.

Eine „Weltrevolution” ist das alles nicht, wie ein wollbemützter Redner längst erkannt hat. Sie wollen ja bloß bessere Bildung. In Essen führt, und das war ein ganz zufälliges Symbol, der Zug der Schüler und Studenten von der Uni – gleich zum Arbeitsamt.

Mitarbeit: Jörn Esser, Jürgen Boebers-Süßmann, Jens Ostrowski

Annika Fischer

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Kommentare
20.06.2009
20:52
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von Felix R... | #51

@AnaR:
In einer ökonomischen Anarchie gibt es keinen Staat und keine wirklichen Autoritäten.
Es gibt kein Geld und Jeder der kann hat einen bestimmten Beruf, dem er/sie ca. 5 Stunden am Tag folgt.
Er/sie bekommt für seine/ihre Arbeit nichts, denn es gibt ja kein Geld, allerdings darf er/sie sich auch nehmen, was er möchte.
Der Nensch ist es gewohnt, etwas zu geben, wenn er sich etwas nimmt.
Das ist in einer ökonimschen Anarchie auch so, nur dass dies nicht im gleichen Moment passiert, sondern zeitversetzt.

20.06.2009
10:22
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von khecki | #50

Angeblich wäre ein Schaden von der enormen Summe von 5000 € entstanden plus XY (Sorry, wenn es 5001€ gewesen sein sollten) und die Stadt spricht von einen hohen Schaden, während eine Angestellte mal eben 1 Mio verschwinden lassen kann und das bei 5000 Jugendlich ein paar Chaoten dabei sind und diese auch gleich wieder in eine Ecke geschoben werden, ist auch wieder Typisch
Endlich gehen Sie mal raus und tun was und das ist auch nicht in Ordnung.
Jugendlicher im Jahre 2009 zu sein ist nicht so einfach in unserer besserwissenden Erwachsenenwelt.

19.06.2009
15:35
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von Ann | #49

@ # 48

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich Ihnen durchaus versichern, dass Kopfnoten für den einen oder anderen Lehrer ein Mittel sind um selbständig denkende und kritische Schüler, die sich für mehr Qualität im Unterricht einsetzten, abzustrafen. Wer eine eigene Meinung hat und diese aber nicht mit der des Lehrers übereinstimmt ist unbequem und wird abgestraft.
Eine schlechte Kopfnote kann auf dem Arbeitsmarkt eine größere Katastrophe sein als ne fünf in irgendeinem Hauptfach, das können Sie mir glauben!

18.06.2009
11:38
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von Thomas.Reutther | #48

Die Proteste kann ich z.T. verstehen. Die Studiengebühren haben nur dann ihre Berechtigungen, wenn sie auch wirklich erkennbare Verbesserungen an den Unis bringen. Wenn das nicht so ist, dann sollte es auch keine Gebühren geben.
Die Aufregung wegen der Kopfnoten auf den Schulzeugnissen kann ich nicht verstehen. Die braucht doch nur jemand zu fürchten, der blau macht, sich unsozial verhält und faul ist. Da hält sich mein MItleid in Grenzen - denn die Kopfnoten sind für künftige Arbeitgeber schon ein Zeichen dafür, welcher Schüler/welche Schülerin fit, fleißig und sozial ist.
Dann der Vergleich mit den Schulen anderer Länder: Wir haben hier in Deutschland den humanistischen Bildungshintergrund, sprich: das Ziel ist Allgemeinbildung und Selbstständigkeit. Das fehlt in anderen Ländern aber sehr, wird durch PISA aber nicht abgefragt. Engländer können also besser rechnen und Chemie-Formeln repetieren, aber haben keine Ahnung von Geschichte, anderen Ländern oder Politik. Ein Modell für Deutschland? Wohl kaum. Mir sind selbständige, eigenveräntwortliche junge Menschen lieber als Fachidioten.

18.06.2009
11:14
Blockierter Kommentar.
von gerd44031 | #47

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

18.06.2009
10:16
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von liberté toujours | #46

Die Proteste der Schüler und Studenten sind insoweit berechtigt, als durch die letzten Bildungsreformen offenbar ein heilloses Chaos in den Schulen und Universitäten hervorgerufen worden ist. Wenn man statt des Turboabiturs einfach die 13/II abgeschafft hätte (dazu hätte es eigentlich nur der Vorverlegung und der schnelleren Korrektur der Abiklausuren bedurft), dann hätte man schon ein halbes Jahr gewonnen gehabt, ohne den Lehrplan groß umstellen zu müssen. Und warum in Deutschland bewährte Diplomstudiengänge vollständig aufgelöst und durch Bachelor- und Masterstudiengänge (übrigens ein schönes deutsches Wort!) ersetzt werden müssen, versteht ohnehin niemand (hätte da nicht eine graduelle Anpassung an die ausländischen Studienformen gereicht?). Statt nur Korrekturen im kontrollierbaren Ausmaß vorzunehmen, demonstrieren die Politiker aber lieber Reformfähigkeit und schaffen gänzlich neue Strukturen, die dann aber leider nicht funktionieren (was man sich vorher an fünf Fingern hätte abzählen können). Und diejenigen, die dann die neu geschaffenen Mißstände kritisieren, werden als rückständig herabgewürdigt. Nicht die angebliche Rückständigkeit ist das Problem, sondern eine modische und nicht letztlich nicht tragfähige Reformbegeisterung im Bildungswesen frei nach dem Motto: die Reform ist das Ziel!

18.06.2009
10:12
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von schranzbaum | #45

@42: das ist so nicht ganz richtig. jeder hat in deutschland das recht auf bildung, gleich welcher sozialer herkunft. sonst könnten nämlich nur noch reiche studieren. man sieht, das sie keine ahnung haben. konnte man früher irgendwas lustiges studieren und hatte dabei noch 5 tage die woche zeit um einem nebenjob nachzugehen, so ist das aufgrund der verengten vorlesungen beim neuen bachelor/master system nicht mehr in allen fällen so möglich. jeden tag vorlesungen, workshops, praktika, dazu u.u. einen 30-stundne job/woche, um seinen lebensunterhalt zu finanzieren und auch noch die studiengebühren, das sind in einigen fällen 2 komplette wochenschichten in einer, und das lernen darf auch nicht vergessen werden.

18.06.2009
10:10
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von fatih | #44

Die Studenten und Schüler haben meine vollste Unterstützung

Weiter so und nicht nachlassen in den Forderungen nach besseren Chancen in der Bildung.

Wer nicht aufgibt, gewinnt.

18.06.2009
10:07
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von schranzbaum | #43

schonmal dran gedacht, das es einem großteil der domnstrierenden tatsächlich um die angestrebten ziele geht? wenn dann einige für stimmung sorgen, dann muss man das eben so hinnehmen. mir sind auf jeden fall demonstrierende schüler, die für ihr verfassungsrecht auf (vernünftige) bildung auf die strasse gehen lieber, als die schwachmaten, die man in diversen mittagstalkshows im tv findet, da hat nämlich der bildungsauftrag auf ganzer linie versagt. und nur wer an der basis sitzt, der kann im gegensatz zu von der leyen und co. auch von den negativen aspekten der derzeitigen bildungspolitik obejktiv berichten. es wird immer nur geredet, passieren tut nix. man hat einfach kein geld, um der jugend heute vernünftige alternativen (auch am nachmittag) zum abhängen zu bieten. dann wundert man sich über abzocke, wettsaufen etc. vielleicht einfach mal 50 milliarden ins marode bildungssystem stecken,da ists besser aufgehoben als bei der hre oder in afghanistan.

18.06.2009
10:00
Dortmunder Schüler verwüsten Rathaus
von A. Pizzi | #42

#2 von iupoe
Ja klasse ich soll also noch mehr steuern dafür bezahlen das andere Ihrem angeblichen Recht nachgehen können?
Das kann es nicht sein! Wir Zahlen schon genug und wer Studieren möchte soll das doch bitte auf eigene Kosten tun.
Man kann einen Kredit aufnehmen und dann wenn man im Beruf ist dieses auch abzahlen dann muss die Allgemeinheit nicht dafür aufkommen.

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