"Die Soester Fehde": Zeitreise mit Donnerschlägen
21.08.2009 | 14:48 Uhr 2009-08-21T14:48:00+0200
Soest. Fünf Jahre lang währte von 1444 bis 1449 die "Soester Fehde" - eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen der Stadt Soest und dem Kölner Erzbischof. Bis zum Sonntag, 23. August, lebt diese dramatische Auseinandersetzung in Form eines historischen Spektakels wieder auf.
Der Bürgermeister hat es gut. Er muss nicht wirklich um Leib und Leben zittern. „Wir haben ihm die Kampfhandlungen erspart”, erklärt Regisseur Kai Schubert und muss schmunzeln: „Schließlich sind in einer Woche Wahlen, da soll er sich ja nicht vorher noch verletzen.” Dass der Soester Bürgermeister Dr. Eckhard Ruthemeyer überhaupt in das Gewand seines historischen Vorgängers Bartholomäus von der Lake schlüpft, nötigt dem erfahrenen Theatermann allerdings Respekt ab: „Das ist schon toll, dass der Bürgermeister mitmacht.”
Drei Tage lange bestimmt der „Der große Sturm auf die Stadt von 1447” das Geschehen in der Kreisstadt Soest (50 000 Einwohner). Mit lautem Donnerhall kündigen sich die Angriffe der Truppen, die der Erzbischof Dietrrich von Moers Richtung Soest befehligt hat, jeweils an. Die Donnerschläge sind dabei so gewaltig sein, dass die Anwohner rund um das historische Osthofentor bereits schriftlich vorgewarnt wurden. „Das ist schon heftig. Es ist ratsam, in diesem Moment nicht unbedingt eine Tasse mit heißem Kaffee in der Hand zu halten”, weiß Kai Schubert. Der gebürtige Soester lebt und arbeitet als Theaterregisseur in Berlin und ist für das Drehbuch und die Choreographie für „Der große Sturm auf die Stadt von 1447” verantwortlich.
450 Mitwirkende geben einen Eindruck, wie damals Krieg geführt wurde
13 000 Soldaten und Söldner waren vor über 550 Jahren an der Attacke auf die aufsässigen Soester beteiligt. In der Neuauflage sind es knapp 450 Mitwirkende, die an historischen Originalschauplätzen einen Eindruck davon geben, wie damals Krieg geführt wurde. Der größte Teil der Mitwirkende sind „echte Schlachtenprofis”. 300 Mitglieder des Vereins „Das Reichsaufgebot zum Einsatz nach Neuss” spielen in ihrer Freizeit historische Schlachten (Living History) aus dem Mittelalter nach.
„Ohne diese erfahrenen Männer und Frauen wäre das Spektakel gar nicht möglich. Die Verletzungsgefahr wäre für Laien viel zu groß”, erklärt Ulrich Nickel. Der ehemalige Nato-Brigadegeneral hat die „Gesamtleitung Sturm”. Für den einstigen Berufssoldaten und an historischen Themen Interessierten ist die dreimalige Aufführung des Angriffs auf seine Heimatstadt Soest „eine ganze besondere Herausforderung”. „Es ist schon beeindruckend, mit welchen Waffen und militärischen Strategien vor weit über 500 Jahren operiert wurde.”
In monatelanger Arbeit wurden hunderte von Kostümen geschneidert
Apropos Waffen: Die wurden, wie auch hunderte von Kostümen, in monatelanger Arbeit von ungezählten Soestern hergestellt. Denn an der Aufführung der „Schlacht um Soest” sind neben den 300 Schlachten-Profis, die aus ganz Europa kommen, auch über 100 Soester beteiligt und mindestens genau so viele, die hinter den Kulissen gewerkelt, geschraubt und genäht haben. Entstanden sind so gewaltige Rammböcke, mit denen die schweren Stadttore von Soest malträtiert werden, Leitern zum Sturm auf den Wall, Kanonen, Schwerter und Schilder. Aber auch „Waffen” für die Verteidiger: So haben die Soester ihre Angreifer unter anderem mit heißem Pech und Öl vertrieben. Und auch über 100 „schwere Steine”, die unter das Heer der Angreifer katapultiert wurden, sind aus Kunststoff nachempfunden worden. Besonders skurril: Auch Körbe mit Bienenvölkern wurden in die gegnerischen Linien geworfen. „Man kann sich das heute kaum vorstellen”, sagt Nickel, „aber das hat so manchen Angreifer in die Flucht gejagt”.
Dreitägiger Veranstaltungsmarathon in Soest
Der „Große Sturm auf die Stadt” ist eingebettet in einen dreitägigen Veranstaltungsmarathon, der Soest komplett in das Mittelalter taucht: Ein großer Mittelaltermarkt in der Innenstadt, die Aufführung des Festspiels „Die Soester Fehde” (alle drei Vorstellungen sind ausverkauft), „Leben und Handwerk im 15. Jahrhundert” sowie der „Festliche Einzug des Johann von Kleve” und zahlreiche Veranstaltungen auf Bühnen in der Innenstadt runden das ehrgeizige Programm ab.
Höhepunkt ist dabei der große Festumzug am Samstag, wenn der Herzog von Kleve als neuer Landesherr von Soest in einem großen Festumzug in die Stadt einzieht. Beginn dieses optisch opulenten Spektakels ist um 13.30. Zwei Jahre Vorbereitungszeit, 200 000 Euro Gesamtkosten (finanziert durch Eintritt und Sponsoring”) sowie weit über 1000 Teilnehmer machen deutlich, welch Kraftakt in der ambitionierten Realisierung steht. Nickel: „Ich hoffe, dass es nicht bei einem einmaligen Spektakel bleibt. Unser Ziel ist eine Wiederholung in einem festgeschriebenen Rhythmus - vielleicht alle vier oder sogar zwei Jahre.” Für den „Sturm” werden insgesamt 5400 Eintrittskarten verkauft. Während die Veranstaltung am Samstag bereits ausverkauft ist, wird es für Sonntag (13.30 Uhr) noch Karten an den Tageskarten geben. Alle übrigen Veranstaltungen ) kosten keinen Eintritt.
Bis zur Soester Fehde war Soest die größte Stadt in Westfalen
Rückblickend betrachtet hat der couragierte Einsatz der Soester gegen den Erzbischof von Köln der Hansestadt im übrigen wenig gebracht. Historiker sind heute davon überzeugt, dass der damalige Sieger Soest langfristig der große Verlierer wurde. Denn bis zur Soester Fehde war Soest die größte und einflussreichste Stadt in Westfalen - größer zum Beispiel als Dortmund. Nach der kriegerischen Auseinandersetzung schwand der Einfluss von Soest; unter anderem wurde ihr die Gerichtsbarkeit entzogen.
Weitere Informationen unter http://www.soesterfehde.de/ und http://www.reichsaufgebot.de/
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