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Straßenverkehr

Deutlich mehr Autounfälle durch Drängelei auf den Straßen

14.02.2016 | 19:12 Uhr
Lichthupe, Blinker, viel PS: Ein aggressiver Drängler auf der Autobahn A2 in Recklinghausen.Foto: Oliver Mengedoht

Ruhrgebiet.   Die Drängelei auf deutschen Straßen nimmt zu: Jeden Tag gibt es 190 Verletzte durch Aggression im Verkehr - deutlich mehr als noch vor vier Jahren.

Die grellen Lichter im Rückspiegel rasen heran. Da kommt schon die Lichthupe, Sekunden nur, dann hängt der Drängler auf der Stoßstange – vielleicht drei Meter Abstand hält er noch. Dabei ist man doch selbst gerade im Überholvorgang: rechts der Laster, vor einem drei weitere Autos. Es geht einfach nicht schneller. Und dann macht noch einer Stress. Wegen eines winzigen Zeitvorteils, spielt er mit unseren Leben.

Autofahrer können solche Situationen täglich erleben. Die Drängelei auf deutschen Straßen nimmt stark zu – mit schwerwiegenden Folgen. Während die Zahl der Unfälle mit Personenschaden insgesamt sinkt, steigt der Anteil der schweren Crashs, die durch mangelnden Abstand verursacht sind, seit mindestens fünf Jahren deutlich an: in NRW um 11 Prozent, im Bund gar um 15,7 Prozent. Das ergibt eine Auswertung der polizeilichen Unfallstatistik für die Jahre 2011 bis September 2015.

69 .423 Menschen bundesweit wurden 2014 durch Drängler verletzt

WAZ-Aktion
Die WAZ sucht den „Kavalier der Straße“

Die Sitten im Straßenverkehr sind rau - tatsächlich? Die WAZ sucht Menschen, die sich davon nicht anstecken lassen, kurz: "Kavaliere der Straße".

Im Jahr 2014 kamen durch diese Aggression auf deutschen Straßen jeden Tag rund 190 Autofahrer zu Schaden (zum Vergleich 2011: 164 pro Tag). Jeder siebte von ihnen wurde schwer verletzt. Alle 66 Stunden starb ein Mensch durch Drängeln. 13,6 Prozent beträgt die Zunahme bei den Unfällen in vier Jahren, 15,7 Prozent bei den Verletzten.

Doch die Fachwelt scheint diesen rapiden Anstieg der drängelbedingten Unfälle schlicht übersehen zu haben. Siegfried Brockmann, oberster Unfallforscher beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, gibt seine Überraschung unumwunden zu: „Das ist mir nicht aufgefallen. Es gibt auch keine Studie zur Unfallursache Abstand oder zum Thema Aggression im Straßenverkehr.“ Auch beim ADAC und beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat: Fehlanzeige.

Video
Mit Crash-Videos will die Polizei Rasern und Dränglern deutlich machen, was bei einem Unfall passieren kann.

Für eine Zunahme der Aggressivität im Straßenverkehr spricht allerdings die Einschätzung von Verkehrspolizisten. Nötigungsdelikte auf den Straßen seien vor fünf Jahren noch eine Randerscheinung gewesen, erklärt Jürgen Fix, Leiter der Verkehrsdirektion Oberhausen. „Mittlerweile laufen jeden Tag ein oder zwei Fälle ein. Die Anlässe werden immer banaler.“ Verkehrsteilnehmer würden ausgebremst, beschimpft, bespuckt oder bedroht, etwa weil sie angeblich zu langsam gefahren seien, so Fix. „Ja, die Aggressivität nimmt eindeutig zu.“

Jedes Auto ist dem anderen ein Hindernis

Experten tun sich jedoch schwer mit Erklärungen. „Es kann sein, dass die hinten Fahrenden abgelenkt sind durch Handys“, sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV). „Oder die Polizei trägt nur die naheliegende Unfallursache ,Abstand’ in ihre Statistik ein.“ Eine gesicherte Erkenntnis gebe es nicht. Tatsächlich werden die Straßen auch immer voller. Laut Kraftfahrtbundesamt ist die Zahl der Fahrzeuge seit 2009 um rund vier Millionen gestiegen. Und jedes Auto ist dem anderen ein Hindernis.

„Dass die Aggressivität und das Durchsetzen der eigenen Rechte auf der Straße zugenommen hat, ist zumindest das allgemeine Bauchgefühl“, sagt Brockmann. Auf die Delikte Geschwindigkeitsüberschreitung, riskantes Überholen, Schneiden und Drängeln entfallen nach einer Datenbankauswertung der UDV rund ein Drittel aller im Straßenverkehr Getöteten. Brockmann: „Da nicht zu erwarten ist, dass die Polizei die Kontrolldichte in den nächsten Jahren nach oben schrauben kann, muss man darüber nachdenken, die Bußgelder für solche Aggressionsdelikte anzuheben. Im Vergleich zu anderen Ländern sind sie sehr niedrig.“

Tatsächlich gibt es – anders als in Deutschland – zumindest in der Schweiz Schätzungen, nach denen aggressive Autofahrer bis zu zehn Prozent aller Unfälle verursachen.

Der Straßenverkehr, ein Abbild der Gesellschaft

Gefährliche Drängelei: Auch der Bedrängte könnte einen Fahrfehler machen. Foto: Marcus Führer

Auch Dr. Peter Meintz vom ADAC Westfalen glaubt, dass die unklar definierte Aggression zugenommen hat. „Möglicherweise weil die Wahrscheinlichkeit geringer geworden ist, erwischt zu werden. Die Polizei hat im Verkehrsbereich deutlich Stellen eingespart. Wir sehen auch, dass sich die Blinkquote um etwa 20 Prozent reduziert hat. Letztlich ist der Straßenverkehr ein Abbild der Gesellschaft.“

Und die steckt voller Widersprüche: Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat wollte für seine Kampagne „Runter vom Gas“ wissen, was Autofahrer als das größte Risiko ansehen. Antwort Nummer eins: zu dichtes Auffahren bei hohen Geschwindigkeiten (70 %). Doch auf die Frage, wie man auf langsame Fahrer auf der linken Spur reagiert, sagten auch 82 Prozent: mit Lichthupe und Blinken.

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Kommentare
16.02.2016
23:50
Deutlich mehr Autounfälle durch Drängelei auf den Straßen
von Wiwawutzemann | #65

Ich habe jetzt 20 Jahre meinen Führerschein.
Was mir schon bei Fahrschulen auffällt, selbst da wird das Gegurke mittlerweile vermittelt.

Bin ich...
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1 Antwort
Deutlich mehr Autounfälle durch Drängelei auf den Straßen
von Guntram | #65-1

Es gibt zwar das Gebot, den Verkehr fließend zu halten, d.h. unnötiges Langsamfahren ist zu unterlassen. Aber was ist unnötig? Auf vielen Landstraßen z.B. ist Tempo 100 erlaubt. Ist es dunkel, und sind links und rechts keine Zäune, egal ob zu Wäldern oder zu Feldern ist, fahre ich deutlich unter 100, denn niemand kann bei Tempo rechtzeitig reagieren, wenn ein Reh oder ein Wildschwein auf die Straße rennt. Jeder der meint, seine übersinnlichen Fähigkeiten würden ihm erlauben, die Tempolimit auszunutzen, darf gerne überholen. Leider darf ich nicht grinsend und winkend vorbei fahren, wenn er nach der nächsten Kurve blutend am Baum klebt.
Auch in Innenstädten halte ich Tempo 50 oft für zu schnell. Zum einen sind die Straßen in einem Zustand, der selbst mit einem Unimog nur Tempo 30 zulässt. Zum anderen muss man auch auf die Verkehrssituation achten. Sowas nennt man verkehrsangepasstes Fahren. So sollte man z.B. auf Kinder am Fahrbahnrand achten.

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Deutlich mehr Autounfälle durch Drängelei auf den Straßen
Deutlich mehr Autounfälle durch Drängelei auf den Straßen
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2016-02-14 19:12
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Rhein und Ruhr