Das Ruhrwasser ist sauberer, aber. . .
05.09.2007 | 07:09 Uhr 2007-09-05T07:09:36+0200Essen. Dem Ruhrgütebericht 2006, den der Ruhrverband gestern in Essen vorlegte, haftete durchaus ein tragikomisches Element à la Radio Eriwan an: Die Wasserqualität der Ruhr hat sich gegenüber dem Vorjahr erneut deutlich gesteigert, aber. . .
Von Michael Schmitz . . . die Industriechemikalie PFT (perfluorierte Tenside) hat der Wasserwirtschaft gehörig die Bilanz und auch das Image getrübt. Weniger organische Belastung, nur einige wenige unerwünschte, aber gesundheitlich nicht relevante Spurenstoffe wie Arznei- oder Flammschutzmittel - von der guten Nachricht ausnehmen musste Prof. Harro Bode, Chef des Ruhrverbandes, gestern nur das PFT, "welches durch kriminelle Handlungen", sprich illegale Ablagerungen im Sauerland, ins Ruhrwasser gelangt ist. Er forderte den Gesetzgeber auf, "über höhere Anforderungen an das Trinkwasser oder die Ablaufqualität von Kläranlagen" zu entscheiden.
Zuletzt hatten die Wasserwerke an der Ruhr auf Anordnung von Umweltminister Uhlenberg einen Ende 2006 abgeschalteten Aktivkohlefilter im Werk Wickede-Echthausen wieder in Betrieb nehmen müssen. Sechs weitere Wasserwerke sollen diesem Beispiel in der nächsten Woche folgen. Ninette Zullei-Seibert, Leiterin des Wassergüteausschusses der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR), räumte "politischen Druck" ein, betonte aber, die Aktivkohleanlagen wären auch unabhängig von der Weisung Uhlenbergs in Betrieb gegangen.
Bei dem politischen Streit, welcher Schadstoff in welcher Konzentration ins Trinkwasser darf, zeichnet sich vorerst kein Ende ab. Ruhrverbands-Chef Bode betonte, dass die PFT-Werte im Trinkwasser der Ruhr - aktuell 80-84 Nanogramm, in Essen 40 Nanogramm, "deutlich unter den relevanten Werten der Trinkwasserverordnung" lägen. Entsprechende Technologien, Schadstoffe besser auszufiltern, seien vorhanden, sagte Hansjörg Sander, Vorsitzender der AWWR. "Aber müssen sie an der Ruhr auch eingesetzt werden?" fragte er mit Blick auf die Kosten für den Verbraucher. Durch den Einsatz von Filtertechnologie in den Wasserwerken zur Reduzierung von PFT im Trinkwasser kommen nach seinen Angaben auf die Kunden vermutlich Mehrkosten von 10-20 Cent pro Kubikmeter zu, bei einem Preis von derzeit 1,70 E. Zudem sei "niemand da, der sagt, was hinten, am Zapfhahn, herauskommen soll", sagte er.
Prof. Dr. Michael Wilhelm, Leiter der Abteilung für Hygiene, Sozial- und Umweltmedizin der Ruhr-Universität Bochum, sieht in dem Streit um die Qualität des Trinkwassers eine Diskussion, die im gesellschaftlichen Konsens geleistet werden muss: "Jede unnötige Belastung muss vermieden werden. Aber sind wir bereit, mehr für unser Trinkwasser zu bezahlen?" Wilhelm, der das Blut hunderter Arnsberger Bürger auf Belastung durch PFT-belastetes Trinkwasser untersuchte, verwies auf eine Unverhältnismäßigkeit hin, an der sich offenbar kein Konsument stößt: "Mineralwasser ist 600 Mal teurer als Trinkwasser."
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