Das Leid der Raser-Opfer - Blitzeraktion gegen "Killer Nr.1" im Verkehr
06.02.2012 | 19:00 Uhr 2012-02-06T19:00:00+0100
Ruhrgebiet. NRW-Innenminister Jäger will gegen die Raserei im Verkehr vorgehen. Zu schnelles Fahren sei der Killer Nr.1 im Straßenverkehr. Tatsächlich leiden auch Opfer, die einen solchen Unfall überleben, oft schwer an den Folgen. Wie ein Beispiel aus Bottrop zeigt. Dort wurden 2011 vier Unbeteiligte bei einem illegalen Straßenrennen schwer verletzt.
Der eine fuhr einen Mercedes CL 500 mit 360 PS, der andere einen Audi A 5 mit 238 PS. Und man kann sich die Szene nur allzu gut vorstellen: Wie sie die Motoren aufjaulen lassen, wie sie losrasen, sich gegenseitig jagen, bei ihrem illegalen Straßenrennen . 134 Stundenkilometer schnell sind sie, als sie auf der Bundesstraße 224 bei Bottrop eine rote Ampel überfahren. Mit immer noch 94 km/h rammen sie schließlich vier völlig unbeteiligte Menschen in deren Autos. Ihnen brechen Rückgrat, Becken, einzelne Wirbel; einer jungen Frau reißt die Blase. Verletzungen, unter denen sie bis heute, ein halbes Jahr später, leiden.
Diese beiden Raser haben nicht getötet, noch nicht: um Haaresbreite. Dabei sagt Innenminister Ralf Jäger, „hohe Geschwindigkeit ist der Killer Nr. 1“. Deshalb will er blitzen lassen auf den Straßen des Landes, 24 Stunden lang ab kommenden Freitag, 6 Uhr früh. Weil am Wochenende die meisten schweren Unfälle passieren, weil er „die vielen Toten und Verletzten nicht hinnehmen“ will. „Wir müssen die Menschen zum Nachdenken bringen, wir reden von Leben und Tod.“
18-Jähriger gibt Vollgas bis es krachte
Er meint damit auch Fälle wie diesen: ein „Paradebeispiel“ der Polizei Krefeld, gerade wenige Wochen alt. Dort fährt am Abend des 8. Dezember ein 18-Jähriger mit Papas aufgemotztem Auto sehr deutlich zu flott, wie Zeugen später bestätigen: „Sowas Schnelles habe ich in der Stadt noch nie gesehen.“ In voller Fahrt kracht der Mercedes von hinten in den Pkw eines 32-Jährigen, wie die Polizei sagt: „Er hat ihn förmlich aufgespießt.“
In dem gerammten Fahrzeug werden zwei Personen eingeklemmt und schwer verletzt, der 18-Jährige nimmt noch zwei weitere parkende Wagen mit, landet schließlich im Gleisbett der Straßenbahn. Noch wird gegen ihn ermittelt, wegen „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“ und Körperverletzung. Den Führerschein, sagt ein Polizeisprecher, bekomme der Unfallfahrer vorerst nicht wieder, „dann kann er mal nachdenken“.
Das sollten Autofahrer vorher tun, findet Innenminister Jäger, weshalb er den „Blitzmarathon“ auch angekündigt hat. Studien, auf die er bereits im November verwies, als bei einem Raserunfall in Aachen fünf Menschen umgekommen waren, zeigten, „dass mit einer solchen Veröffentlichung das Geschwindigkeitsniveau gesenkt werden kann“. Und das muss das Ziel sein, findet auch der ADAC. „Ohne Überwachung gibt es keine Verkehrssicherheit“, sagt der Sprecher des ADAC Westfalen, Peter Meintz. „Wer Regeln durchsetzen will, muss überwachen.“
Versicherung bremst bei Zahlungen an Raser-Opfer
Auch wenn der Automobil-Club am liebsten für die Autofahrer spricht: „Es gibt einen Prozentsatz, der sich partout nicht an die Regeln hält.“ Der glaube, dass physikalische Gesetze für ihn nicht gälten. Dabei sei überhöhte Geschwindigkeit die Ursache bei jedem vierten Unfall auf deutschen Straßen. Konzertierte Aktionen wie die geplante könnten indes helfen, Verhaltensänderungen zu erreichen: „Wer sich nicht an die Tempo-Begrenzungen hält, muss aus dem Verkehr gezogen werden.“ Peter Meintz fährt ja selbst Auto und sieht: Manch anderer verhält sich „kriminell“, sogar „gemeingefährlich“.
Wie auf der B 224 bei Bottrop. „Sein Baby wäre beinahe ohne Vater aufgewachsen. Es war wirklich kurz vor knapp, wenn man die Fotos der Autos sieht“, sagt Ulrich Schäfers, Anwalt des Taxifahrers S.. Der 31-jährige S. ist eines der Opfer des schweren Unfalls an jenem Samstag im August. Erst jetzt versucht er sich vorsichtig wieder in seinem Beruf. Krankenhaus, Reha hat er hinter sich. Bis heute kann er sich kaum bücken, bereitet ihm längeres Sitzen Schmerzen.
„Auch finanziell ist es für den jungen Vater schwierig. Seine Frau ist noch in der Elternzeit. Die gegnerische Versicherung zahlt bisher lediglich nur einen kleinen Vorschuss auf das zu erwartende Schmerzensgeld und den Verdienstausfall“, sagt Anwalt Schäfers. Über die anderen Opfer des Unfalls, darunter die Fahrgäste im Taxi, zwei junge Frauen, weiß er nicht viel. Nur, dass auch sie sehr schwer verletzt wurden. Im Januar erhob ein Essener Jugendgericht Anklage gegen die beiden Raser. Der eine war bei dem Unfall gerade 20 Jahre jung, ist aber der Polizei bekannt als jemand, der „andere Autofahrer gern zum Schnellfahren animiert“. In Bottrop waren sie 64 km/h zu schnell.
07:45
Dann basteln Sie sich doch eins, wenn Sie so scharf drauf sind. ;-)
@ ambros41, Antwort auf #13 ;-) Keine Ahnung, warum die Antwort hier oben gelandet ist...
11:28
Ich denke auch, dass diese Aktionen eher publistisch sind. Wenn, dann hoffe ich, dass wirklich an kritischen Stellen geprüft wird und nicht an den Stellen, wo die Geschwindigkeit wegen "schlechter Fahrbahn" reduziert wurde. In der Regel wird das Fahren mit dem Auto dort nicht beeinflusst (abgesehen von etwas rumpeln und lauteren Fahrgeräuschen), ergibt aber für die modernen Wegelagerer viel Kohle in die Kasse.
In einer Diskussion (Anne Will oder so ähnlich) wurde mal im Fernsehen gesagt, dass 80 % unserer Autobahnen bereits in der Geschwindigkeit beschränkt sind. Und da wo viel Verkehr ist, ist die Durschnittsgeschwindigkeit ehe 100 km/h.
Ich fahre im Jahr einige zigTausend km auf deutschen Autobahnen und erlebe immer wieder die Verrückten, die mal eben kurz vor mir ausscheren. Letzte Woche noch, als ich schon auf Höhe der hinteren Stoßstange des rechts fahrenden war, meinte er, nach links fahren zu müssen. Dadurch entstehen sehr viele Unfälle- und die haben sehr wenig etwas mit Geschwindigkeit zu tun.
Ich kann von mir behaupten, dass ich sehr umsichtig fahre und kein Raser, es sei denn, die Bahn ist sehr frei, bin. Dennoch habe ich auch schon einige Punkte bekommen, aber immer an unwichtigen Stellen, wo eher die Abzocke im Vordergrund stand.
Die wenigen Bekloppten kommen meist davon und die Mehrheit wird für Bagatellen erwischt.
Aufgrund der vielen Ungerechtigkeiten bei der Blitzerei ist sie bei den Autofahren auch so unbeliebt.
10:42
Also, die Sinnhaftigkeit einer solchen Überreaktion in Zweifel zu ziehen, ist also Resignation? Ich ereinnere mich an die völlig überzogenen Aktionen des Kurfürsten von Köln, Herrn Antwerpes, pressegerecht, riesiger Aufwand, Erfolg gleich null, nur eben nicht für die Kasse.
Ein Tempolimit auf der BAB. Ein völlig neuer, innovativer Vorschlag? Das hilft bestimmt, die Unfallzahlen und die Opfer in der Stadt und auf dem Land zu senken.
Auf welchem Planeten lebst Du?
10:09
Die besonders schlimmen Raser verursachen zwar die spektakulärsten Unfälle, viele Fußgänger werden aber durch die zwischen 30 und 60 fahrenden normalen Fahrer verletzt oder gar getötet.
09:31
Gegen wen richten sich derartige Aktionen tatsächlich, gegen Raser, Drängler, Nötiger?
Nein, 99% der Besteller dieser teuren schwarz-weiß Fotos sind kreuzbrave Autofahrer, die ein bisschen gepennt haben und vielleicht 10 kmh zu schnell gefahren sind.
Mit denen wird Kasse gemacht.
09:28
Eine Blitzeraktion, die samt Messpunkten vorher in Internet und Zeitung groß und breit angekündigt wird... Ha ha ha, selten so gelacht. Was will man denn damit bitte erreichen? Das sich Freitag jeder an die Regeln hält und Samstag wieder losrast?
Nebenbei bemerkt: wer der Ansicht ist, Geschwindigkeitskontrollen seien Abzocke um die Kassen zu füllen, dem ist nicht mehr zu helfen.
09:01
Das ist doch alles vergebene Liebesmüh. Das Auto ist und bleibt der Deutschen liebstes Kind. Die meisten Menschen in diesem Land haben nun mal ein irrationales Verhältnis zum Auto und zum Autofahren. Das Auto verkörpert Wohlstand, Unabhängigkeit und Freiheit. Und so lange die Automobilindustrie mit immer leistungsstärkeren Motoren wirbt und Autos weiter irrwitzig aufgemotzt werden (siehe SUV-Hype), wird sich auch nichts an dieser Einstellung ändern.
Hinzu kommt, dass Geschwindigkeitsüberschreitungen immer noch als Kavaliersdelikt angesehen werden, oftmals sogar damit geprahlt wird, wie viel man zu schnell gefahren ist. Wer jedoch schon mal Freunde durch einen Verkehrsunfall verloren hat, bei dem halten sich Auto- und Geschwindigkeits-Enthusiasmus in Grenzen. In fast allen anderen europäischen Ländern gibt es ein Tempolimit auf der Autobahn. Abgesehen davon, dass das Autofahren in diesen Ländern wesentlich entspannter ist, ist dadurch auch die Zahl der Schwerverletzten erheblich zurückgegangen. Diese Zahl ist auch in Deutschland rückläufig, was aber in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass die Zahl der Fußgänger und Radfahrer seit vielen Jahren stark rückläufig ist. Die Bequemlichkeit siegt und selbst klassische Fuß- und Radfahrdistanzen werden mit dem Auto zurückgelegt. Durch die damit einhergehende Verfettung der Bevölkerung steigen zwar die Kosten im Gesundheitssektor immer mehr, dafür aber braucht man dann bald auch keine Fuß- und Radwege mehr (der „American Way Of Life“ setzt sich halt durch) und somit sinken die Anliegerkosten in den Baugebieten. Hurra!
Wurden die innerörtlichen Straßen noch vor gar nicht langer Zeit von spielenden Kindern, Fußgängern und Radfahrern bevölkert, dienen sie heute nur noch als Abstellbahnen für die Erst-, Zweit, Dritt- und Viertwagen. Der Auto fahrenden Bevölkerung drängt sich so der Eindruck auf, die Straßen seien nur für motorisierte Fahrzeuge da. Die Straßenverkehrsordnung und das Rücksichtsgebot kennt inzwischen niemand mehr. Somit kommt es also zu einer völligen Unsensibilität gegenüber schwächeren Vekehrsteilnehmern, Geschwindigkeiten werden unterschätzt und die Vormachtsposition des Autos wird weiter zementiert.
Noch vor wenigen Jahren habe ich gehofft, man könnte in den Köpfen der Menschen durch Diskussionen zu diesem Thema etwas ändern. Aber diese Hoffnung habe ich inzwischen völlig aufgegeben. Für die überwiegende Mehrzahl der Deutschen zählt nur das (schnelle) Autofahren. Die damit verbundenen Risiken werden ausgeblendet.
08:57
Raser in den Knast - rettet Leben...
08:34
Da hat sich der Jäger das so gedacht: ich fülle Hannis Kassen, diet ja eh notorisch klamm ist ein bißchen und suche mir ne Spielwiese dafür aus, wo der oberlehrerhafte Spießbürger applaudiert, weil ich ihm eine Lügengeschichte über Sicherheit auftische, dass sich die Balken biegen. Vielleicht bekomme ich so auch noch den Münchhausen Preis 2012...
Wie soll denn eine so offen angekündigte Aktion die Kassen füllen können? Gibt es tatsächlich soviele Autofahrer, die trotz Wissens um die Aktion ihren Gasfuß nicht unter Kontrolle haben?
#15 khowalski: Leider nur Polemik.
08:33
die seit Generationen in Fahrschulen gelehrt wird, ist natürlich nur ein grober Schätzwert.
Der Anhalteweg setzt sich aus dem Bremsweg und dem Reaktionsweg zusammen.
Die von AntonC nach der Faustformel ermittelten Werte erhöhen sich bei verlängerter Reaktionszeit bei eingeschränkter Sichtweite oder bei verlängertem Bremsweg bei schlechtem Untergrund und im Gefälle.
Auch wenn moderne Bremsanlagen der KFZ die Bremswege verkürzen können:
Fazit ist, dass eine Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit von 30 auf 50km/h den Anhalteweg mehr als verdoppelt.
Und Fazit ist, dass das viele Leben retten würde.
#14: Als Appell an die Raser wirkungslos aber vielleicht zum Nachdenken.