Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Rhein und Ruhr

Das große Krabbeln

06.11.2007 | 19:52 Uhr

Die Brückenspinne sorgt seit einiger Zeit nicht nur unter Biologen für Aufsehen.In Duisburg haben sich am Hafen unzählige Tiere angesammelt - sie lieben das Wasser und urbane Architektur

Duisburg. Die Dämmerung hüllt das Hafenbecken in harmloses Grau, noch ein paar Sekunden, dann beginnt das große Krabbeln. Sie kriechen hervor, setzen sich in ihre Netze, schwingen im Wind und warten geduldig auf ihre Beute. Die gemeine Brückenspinne hat den Duisburger Innenhafen erobert, zu hunderten saß sie daumendick im Sommer auf einer Leuchtbrücke, im Herbst sind es immer noch dutzende. Passanten machen einen Bogen, Biologen dagegen kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

"Ein Phänomen", sagt Biologe Marcus Schmitt, "normalerweise duldet eine Spinne keine Konkurrenz". Aber hier haben sie glatt aufgehört, einander zu fressen! Stattdessen bilden sich riesige Krabbel-Kolonien. Im Duisburger Hafen, in der neuen Hamburger Hafen City, an der Ruhrbücke in Essen-Werden - überall, wo sich Wasser, Architektur und Mensch näher kommen, scheint diese Spinne bereits da zu sein. Ihre feinen Netze überziehen die Steine wie eine zweite Haut, ihr Kot kann Stahl angreifen.

In Hamburg verzweifelten Anwohner des schicken neuen Hafenviertels an den klebrigen Netzen der ungebetenen Mitbewohner. In Duisburg, so heißt es von Seiten der Stadt, "ist das Phänomen bisher nicht negativ aufgefallen". Biologen sehen allerdings gerade wassernahe Wohnorte wie am geplanten Phoenixsee in Dortmund oder beim Projekt Ruhrbania in Mülheim als mögliche Lieblingsorte für die Achtbeiner. "Wasser, Licht und Steine, das mögen die Tiere besonders gerne", sagt Marcus Schmitt.

Warum die Brückenspinne seit einiger Zeit so massenhaft in Erscheinung tritt, das wollten zwei Biologie-Studentinnen für ihre Examensarbeit an der Uni Duisburg-Essen genauer wissen. Eine der Studentinnen, Anja Nioduschewski, forscht nun in Hamburg an der Uni weiter. Mehrere Monate beobachtete sie die Tiere, die zur Familie der Radnetzspinnen gehören. Einige Exemplare erreichen mit ihren langen Beinen einen Umfang bis zu vier Zentimetern. Marcus Schmitt hat die Examensarbeit als wissenschaftlicher Assistent mit betreut: "Im Duisburger Hafen", sagt er, "war die Dichte der Brückenspinnen im Sommer besonders groß". Eine Toplage. 70 Tiere pro Quadratmeter wurden mitunter gezählt, das muss man sich mal vorstellen!

Das Duisburger Gekrabbel scheinen auch die Leuchtstoff-Röhren an der Hafen-Brücke anzulocken. "Das Licht zieht magisch an", berichtet der Biologe. Versuche mit den Spinnen hätten ergeben, dass sie sich immer dem Licht zuwenden, auch wenn dort keine Nahrung sei. "Das scheint genetisch festgelegt." Nun war aber hier im Sommer am Portsmouthdamm, an der modernen Hafenbrücke, auch ein ausgezeichnetes kulinarisches Programm für die Spinnentiere vorhanden. Auf dem stehenden Gewässer unterhalb der Brücke sammeln sich Fliegen- und Mückenlarven an, hunderte Jungtiere landen beim ersten Hochzeitsflug in einem Spinnennetz statt auf der Paarungsparty. Da wäre die Spinne ja doof, wenn sie nicht bis Oktober bleiben würde!

Nicht weit von der schaurig- klebrigen Netzwelt bieten Cafébetreiber im Sommer einen Blick auf den Sonnenuntergang im Hafen. Menschen sitzen dann am Wasser, schauen ins Becken, trinken einen Schluck, hängen den Gedanken nach. Wasser ist Lebensqualität - wenn nicht die ungebetenen Gäste mit den acht Beinen wären. In Hamburg unterstützten deshalb Investoren der Hafen-City das Forschungsprojekt der Studentin. Vielleicht bekommt man so heraus, wie man die Tiere wieder los wird.

Jetzt im Herbst stehen die Stühle in Duisburg nicht mehr draußen, und die Spinnen suchen einen Ort, um zu überwintern. "Wir wissen wenig über die Tiere, wahrscheinlich verstecken sie sich in Steinspalten oder Furchen, in denen sie sich bis zum Frühling zusammenrollen", sagt Schmitt. Die meisten Biologen erforschen lieber Spinnen in Mittelamerika als die einheimischen. "Ach ja", sagt der Experte, "wir wissen aber, wie die Tiere zu neuen Orten ziehen". Sie lassen, sagt er, einen Faden aus ihrem Körper hängen, wie ein Lasso, und werden fortgetragen vom Wind. Wer weiß, wo sie noch landen.

Von Alexandra Trudslev

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2037336/create

Aktuelle Fotos und Videos
Abriss des RWE-Stadions
Bildgalerie
RWE
Heftige Unwetter in NRW
Bildgalerie
Unwetter
Aus dem Ressort
Suspendierter islamistischer Polizist kennt geheime Akten
Salafismus
Ein salafistischer Polizist soll auch Glaubensbrüder observiert haben. So konnte er wohl auch streng vertrauliche Dokumente durchforsten. Der Beamte aus Duisburg wurde inzwischen vom Dienst suspendiert. Innenminister Ralf Jäger prüft nun Konsequenzen.
Ruth Levy-Berlowitz dolmetschte im Eichmann-Prozess
Eichmann-Übersetzerin
Ruth Levy-Berlowitz dolmetschte den Prozess gegen NS-Verbrecher Eichmann. Im Bonner Haus der Geschichte erzählt sie, was damals in ihr vorging. „Ich lebte, aß, trank Eichmann“, sagt sie. Trotzdem bekam sie von dem Grauen im Prozess längst nicht alles mit.