Das Förderturmdenken blockiert das Ruhrgebiet
31.01.2009 | 23:10 Uhr 2009-01-31T23:10:00+0100
Ruhrgebiet. Groß ist das Ruhrgebiet, deutlich größer als die Summe seiner Teile. Die einzelnen Städte nämlich zeigen nicht immer Größe, wenn ein Konkurrent, pardon, Nachbar, etwas Herausragendes plant. Eine Geschichte über den Neid im Ruhrgebiet.
Vor wenigen Tagen erst war der Historiker Klaus Tenfelde bei der Dortmunder IHK eingeladen, um über „Bürgerkrieg im Ruhrgebiet 1918 bis 1920” zu reden, doch es wurde auch für ihn ausgesprochen lehrreich. Bis heute, führte der Gelehrte aus Bochum dort nämlich aus, sei nicht angemessen geklärt, „weshalb sich so viele Leute im Ruhrgebiet zu Kampf und Gemetzel hinreißen ließen”.
Freilich bekam er eine Art Antwort anschließend beim Stehempfang: Denn dort war das einzige Thema, wie Dortmund Gelsenkirchen beim Zuschlag für das Deutsche Fußballmuseum aus dem Feld schlagen könne. Zurückziehen? Für Gelsenkirchen? Niemals! Dann soll es doch lieber nach Köln kommen.
Noch Fragen offen zu Kampf und Gemetzel?
Fehlende Größe
Neid und Missgunst unter den Ruhrgebietsstädten sind legendär, 53 sind sie, der Platz ist etwas gering, und es kann auch keiner weg. Was haben die Nachbarkommunen nicht alles versucht, um das Centro zu verhindern! Auch, wie sie einander den Nahverkehr über Stadtgrenzen hinweg sabotieren, ist handwerklich bewundernswert (es könnte ja jemand fremdkaufen). „Die Region zeichnet sich durch harmonische Zusammenarbeit aus”, sagt der Sprecher einer der Großstädte, „um Hand in Hand gemeinsame Ziele . . .” (kommt an dieser Stelle vor Lachen nicht weiter).
„Die Größe ist nicht da, um auszumachen: Du kriegst das Fußballmuseum, dafür habe ich beim nächsten Mal einen gut”, sagt ein Fachmann. Die Erklärung ist relativ einfach: In jeder andern Gegend stünden Duisburg, Gelsenkirchen und andere wirklich als Metropolen da und hätten ein Umfeld, dass sie beherrschten.
Eine Metropole neben der anderen
In der Ruhr-Realität stößt Dortmund an Bochum, Bochum an Essen, Essen an Oberhausen undsoweiter – und reibt sich. Das ist ja auch das ganze Geheimnis, warum Duisburg oder Dortmund sich seit einigen Jahren über ihr bäurisches Hinterland definieren wollen: Weil sie sich leichter durchsetzen können gegenüber drei Letmathes oder Rheudts als einer anderen Revierstadt.
Historisch „gibt es keine Zentralität”, sagt Tenfelde. Und die, die am ehesten Zentralität hätten, sind die größten Gegenspieler. Dortmund und Essen. Das war doch typisch: Die Kulturhauptstadt, Essen für die Ruhr, die hat manch einer im Dortmunder Rathaus entschlossen zu verhindern versucht, und das ohne jede Chance, selbst den Titel zu bekommen.
So sieht Landesverkehrsminister Wittke die „Eifersüchteleien zwischen den Städten als Gefahr”; im Interview mit den Ruhr-Nachrichten wähnt er das Volk weiter: „Da haben die Leute in den Stadien ,Ruhrpott' skandiert und nicht ,RP Münster.”
Jedem seine 2. Wahl
Jedem ein Konzerthaus, einen Zoo, ein großes Einkaufszentrum: Da gibt man dann das Geld aus und erhält doch meist nur 2. Wahl; das geht in die Breite statt in die Höhe. Um den „Gesundheitscampus”, geballte Medizinkompetenz, bewirbt sich gerade praktisch das gesamte Ruhrgebiet mit Ausnahme der Burgruine Hardenstein; indes bewirbt es sich nicht als Ruhrgebiet, sondern zerlegt in neun Bewerbungen gegeneinander.
Bemühungen, das zu ändern, gibt es seit 80 (!) Jahren: 1929 stand der Zusammenschluss zur Stadt im Preußischen Landtag an, fand aber keine Mehrheit. „Die Stadt aus den Städten wird übrigbleiben, in der es keine Verwaltungskabalen aufgeblähter, überholter Amtsapparate mehr gibt”. Das kann man schreiben 2009. Das stammt jedoch schon von 1931. Übrigens sind die Nazis daran gescheitert, das Ruhrgebiet als Gau zu einen. Aber das ist jetzt ein bisschen unfair.
Zurück in die Gegenwart. Als die Loveparade ins Revier gegeben wurde, legte man sehr früh die Städte fest: 2010 Gelsenkirchen, 2011 Duisburg . . . Das sollte „Perspektive und Planungssicherheit” geben, so Björn Köllen von Lovapent.
Intern war aber auch klar: Man nimmt die großen fünf gleich namentlich in die Pflicht, damit sie nicht darauf verfallen, bei den andern zu hintertreiben. Kein Wunder, dass nun eine Verschwörungstheorie unterwegs ist: Bochum habe so spät abgesagt, damit keine andere Revierstadt mehr einspringen kann. Aber das ist natürlich Blödsinn. Bestimmt.
- Diskussion: Worauf sind Sie neidisch? Und warum?
- Essay: Lehren des Begehrens
- Bericht: Aachen macht es vor
08:45
Nur zur Richtigstellung:
Zurück in die Gegenwart. Als die Loveparade ins
Revier gegeben wurde, legte man sehr früh die Städte fest: 2010 Gelsenkirchen, 2011 Duisburg . . .
das ist leider falsch - richtig ist: 2010 Duisburg, 2011 Gelsenkirchen.
14:24
Es wird wohl an der kleinbürgerlichen Moral (Malocher) scheitern. Schade.
12:20
Eingereister, Und wegen solch einer Egoshow sollen wir auf die vielen Vorteile verzichten die die Kleinteiligkeit mit sich bringt.
Das kann es doch nicht sein. Selbst in der PC Industrie hat dieser pubertäre Größenwahn ein Ende gefunden. Heute heißt es good enough für das was man will und wer das wie Micrososft verpennt hat, kriegt halt Probleme.
Frage doch mal einen Durchschnittseinwohner in Paris wann er das letzte Mal im Louvre war oder eines der anderen Einrichtungen von Weltgeltung besucht hat mit denen Politiker sich so gerne brüsten.
Wenn unsere Landesfürsten nicht ohne Weltgeltung auskommen, sollten sie doch in den folgenden preiswerten Wettbewerb einsteigen.
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-35119-2.html#backToArticle=577252
Das Objekt würde auch den Föderalismus der Region nicht stören, könnte man es doch Monat für Monat in einer anderen Stadt aufstellen.
11:01
Dieser Artikel, aufgewärmt oder nicht, trifft den Nagel auf den Kopf. Im restlichen Deutschland nimmt man das Ruhrgebiet so gut wie gar nicht wahr. Die meisten Leute wundern sich, wenn man erzählt, wie groß die Städte im Ruhrgebiet sind. Der Ruhrgebietler diskrediert nicht selten sogar die eigene Stadt und wenn überhaupt erhebt er sie nur über eine angrenzende Ruhrgebietsstadt, weil es zu mehr nicht reicht, so meint er jedenfalls.
Schade, dass das Ruhrgebiet kein Selbstbewusstsein hat, es könnte nämlich eigentlich mit anderen bedeutenderen Metropolen konkurrieren, aber das Bewusstsein fehlt. So bleibt selbst das kleine Düsseldorf ein größeres und bedeutenderes Licht als diese gewaltige Stadt.
07:56
Die Kleinen träumen halt immer, groß zu werden. Allerdings wäre es besser, die Ruhr-Dörfer klein zu lassen - sie waren es ja im 19. Jhdt. auch. Jeder könnte seine Kleinheit besser in Schuss halten und liebenswerter machen. Das Große geht meist an seiner eigenen Größe zugrunde, weil die lebendige Bindung verloren geht und die Lenker des Großen das Kleine überhaupt nicht mehr in seinen Bedürfnissen wahrnehmen.
01:44
#7
Da bin ich. Schläfst du inzwischen wieder?
Was möchtest du von mir hören? Das Eingemeindung ******* ist? Oder das ich etwas auf Ruhrpott-Stadt *******. Sag mri bitte, was du hören willst. Ich sage es dir. Hier und ganz öffentlich. Moin.
20:51
was will man auch anderes erwarten, wenn man von noch nicht einmal mittelmäßig intelligenten Parteiangehörigen geführt (nicht regiert) wird
19:26
Auf so ein Monstrum Ruhrstadt ist überflüssig. Das Ruhrgebiet wird durch seine Vielfalt nicht blockiert sondern der gesunde Wettbewerb beflügelt die Region.
19:10
Ich möchte keine Ruhrstadt. Schauen sie sich Metropolen, die so groß sind, wie das Ruhrgebiet, doch nur mal etwas genauer an. Riesige Ghetto-Viertel in London, in Paris brennen die Autos in den Vororten und und und. Außerdem belebt Konkurrenz das Geschäft; jede Stadt buhlt um jeden Geldgeber und Investor. Als Beispiel sei das Fußball-Museum genannt; hier waren gleich drei Städte in die engere Wahl gekommen. Bei anderen Investitionen sieht es ähnlich aus. Und was soll den eingespart werden? Die Ämter und Verwaltungsstellen werden bleiben müssen, denn schließlich wird die Arbeit nicht weniger (oder gibt es dann weniger Personalausweise oder weniger Straßen etc.?). Stadträte würde sich eventuell auflösen - dafür gäbe es dann einen riesigen Stadtrat mit wesentlich mehr Ratsmitgliedern und wahrscheinlich noch mehr Beratern (die ja heute schon oft in großen Städten vorhanden sind). Weit über 80 % der Firmenfusionen in der Wirtschaft sparen kein Geld ein, sondern haben stattdessen mehr Kosten verursacht. Wieso sollte es bei Städten anders sein? Eine vernünftige und partnerschaftliche Zusammenarbeit, zum Beispiel im ÖPNV, ist wünschenswert. Aber ein Verkehrunternehmen Ruhrgebiet mit einem Vorstand, der einen Vorstand mit dem Gehalt eines Bankenchefs hat (so ist es bei den großen nahverkehrsbetrieben etwa in Berlin - er ist aufgrund der hohen Personalverantwortung mehrfacher Einkommensmillionär) möchte ich nicht. Ganz zu schweigen von der Unflexibilität großer Unternehmen - je größer doch das Unternehmen ist, umso unfreundlicher ist auch der Service. Bei einer Ruhrstadt wird es dann nicht anders sein.
18:42
Wenn dann der Rhein die Grenze bildet bin ich ein verstanden. Denn dann werden wir von der Pleitestadt Duisburg erlöst.