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Wohnen für Jung und Alt

Das Essener „Generationenkult“-Haus will städtisches Wohnen verändern

24.01.2012 | 19:55 Uhr
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Reinhard Wiesemann, Ideengeber und Gründer des GeKu-Hauses, auf einer der Dachterrassen. Foto: Matthias Graben

Essen.   Reinhard Wiesemann hat in Essen ein neues Wohnexperiment gestartet. Mit seinem Haus „Generationenkult“ verbindet er Alt und Jung sowie Arbeiten und Wohnen auf eine ganz neue Art - zu einer Art Kommune 2012.

Zwischen Centy-Shop und Dönerbude tut sich was. In der B-Lage der nördlichen Essener Innenstadt entfaltet sich gerade das spannendste Wohnexperiment des Ruhrgebiets. Das „GenerationenKult“-Haus des Erfinders Reinhard Wiesemann vereint vor allem zwei Ideen: Jung und Alt unter einem Dach. Und ebenso Wohnen und Arbeiten. Aber es will noch mehr: „Das ganze Haus ist der Versuch, etwas Neues zu schaffen“, sagt Wiesemann, der mit dem benachbarten Unperfekthaus gezeigt hat, wie das geht. Auch das neue Ding soll eine weitere Möglichkeit städtischen Lebens aufzeigen – Projekt gewordene Philosophie.

Einen schönen Brocken hat sich der Unternehmer da vorgenommen: Ein Eckhaus an der Viehofer Straße, sechs Etagen, rund 3000 Quadratmeter, keine Schönheit. Der frühere Hauptmieter war ein Pfandleiher, entsprechend war das Umfeld. Die Kernsanierung hat über ein Jahr gedauert, vier Millionen Euro sind investiert. Wie ein Mietshaus soll sich das rechnen, nur dass hier Ideen untervermietet werden.

„Co-Working“ heißt das Konzept, das vor allem für mobile Freiberufler interessant ist: für Fotografen, Programmierer, Grafiker. Man mietet sich einen Arbeitsplatz auf Zeit (230 bis 300 Euro/Monat) im Gemeinschaftsbüro. Der Vorteil: das Netzwerk. Eine ganze Etage ist diesem Thema gewidmet, mit Kunst-Efeu berankte Gartenhäuschen dienen als Besprechungsräume. Aber noch arbeitet hier niemand, der Bereich ist erst am Dienstag fertig geworden.

Dafür verkauft die „Ladengemeinschaft“ im Erdgeschoss bereits seit Mai ihre Spezialitäten. Filzvasenhersteller, Modemacher und Taschennäher teilen sich Fläche, minimieren Kosten und Risiko. „Co-Working mit Kunden“ ist das für Wiesemann. Eine Startrampe für Kleinunternehmer.

Die Verkäufer und die Arbeiter, sie sollen profitieren von den Ideen, von den Kontakten und der Erfahrung der Bewohner. Elf sind schon eingezogen, noch verlaufen sie sich in dem riesigen Haus: Auf drei Etagen gibt es 21 seniorengerechte Wohnungen zwischen 35 und 65 Quadratmetern. Eine Etage ist als „Wohngemeinschaft“ mit möblierten Zimmern ausgestattet.

Nicht einsam altern

Der 58-jährige Franz Kock etwa hat früher in einem 120-Quadratmeter-Haus in Mülheim-Saarn gewohnt. Aus „privaten Gründen“ musste der Informatikpädagoge ausziehen, aber bei der Gelegenheit hat er sich gleich entschieden: Einsam wollte er nicht altern. 40 Quadratmeter, die er sich mit der zehnjährigen Tochter Lilly teilt – das scheint erstmal wie ein Rückschritt. Und dann liegt der Quadratmeterpreis auch noch bei rund 15 Euro. „Aber es rechnet sich für mich“, sagt Kock.

Denn jeder Quadratmeter Wohnen finanziert einen halben Gemeinschaftsfläche mit: Jeder Bewohner hat so über 1000 qm zum Lustwandeln: Von der Lounge unterm Dach führt auch eine Rutsche zur zweiten Ebene der Dachterrasse. Im gut isolierten Heimkino-Saal dröhnt neueste Technik. Und im Wellnesskeller finden wir neben Saunen, Massageraum und Billard auch eine seniorengerechte Badewanne, demnächst mit Kran. Können aber auch die Studenten benutzen. Küche und Weinschrank werden übrigens vom Feinkostladen bestückt. Wer sich etwas nimmt, schreibt selber an. So sieht Kommune 2012 aus.

Vorbereitung aufs eigene Alter

Über diese Konzepte ist Wiesemann auch gestolpert, weil der 52-Jährige sich auf das eigene Alter vorbereiten wollte. Die Idee aber, sie zu verbinden, kam ihm auf einem Spaziergang. „Man tendiert dazu, über ein „Oder“ nachzudenken, wo ein „Und“ besser wäre.“ Ein klassischer Wiesemann-Satz. Er probiert eben gern mehrere Dinge gleichzeitig. Sein Ideal: „Wenn jeder seinen Weg geht, wenn man sich gegenseitig beobachtet, voneinander lernt und sich hilft.“

So behandelt Wiesemann auch seine eigenen Ideen: wie Open Source. Er veröffentlicht sie im unperfekten Stadium, regt andere an, sie zu übernehmen oder mitzuarbeiten. Macht doch aus der Essener Nordstadt eine E-Mobility-Zone! Er macht der Welt solche Vorschläge, ständig. Als er 18 Jahre alt war gründete Wiesemann eine Firma für Computerschnittstellen. Dann modelte er die Industriellenvilla Vogelsang über der Ruhr in das noble Linux-Hotel um. Und er kaufte ein klotziges Kloster in der Essener Nordstadt, um die Mönchszellen als Ateliers abzugeben. Das Unperfekthaus.

Man wird sehen, was sich im im GeKu-Haus entwickelt. Es beginnt gerade erst. Da ist etwa Christian Wilmer (28), der als Bürokraft arbeitete und gerade seinen Realschulabschluss nachholt. Für seine 16 Quadratmeter zahlt er 366 Euro. Dafür kocht er seine Nudeln mit Panoramablick bis zur Schalke-Arena. „Und ich fand die Gemeinschaftsidee einfach gut.“ Vielleicht lenken die neuen Kontakte, die Gespräche sein Leben in eine andere Richtung.

Vergessene Witwe blüht wieder auf

Generationenkulturhaus

Und da ist Marga Weindorf, die Franz Kock und Wolfgang Nötzold an ihrem 74. Geburtstag überreden mit ins Haus einzuziehen. Die Witwe war ja allein, bis auf ihre Kontakte im Unperfekthaus, wo sie die Blumen pflegt. „Vergessen von den Kindern“, wie sie sagt. Es ist auch für sie ein Experiment. Aber was hat man schon zu verlieren? Und so wie’s aussieht, blüht sie nun selber auf.

Thomas Mader

Kommentare
25.01.2012
06:30
Visionen
von Erbeck1 | #1

Ein guter "Typ" mit klasse Ideen - das werde ich mit Interesse weiter verfolgen und wünsche gutes Gelingen für viele Projekte !

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2012-01-24 19:55
Rhein und Ruhr