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Serie: Mein Revier im Wandel

Das angesagteste Viertel im Revier

25.03.2012 | 19:25 Uhr
Das angesagteste Viertel im Revier
Fast schon verwunschen, ein etwas eingewachsener Eingang einer U-Bahn-Station im Viertel. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool

Bochum.  Das Innenstadt nahe Quartier hat sich in den letzten Jahren zu einem bei jungen Menschen beliebten Viertel gemausert. City-Nähe und guter Wohnraum locken Bewohner in den von kleinen Läden und einigen Cafes charakterisierten Stadtteil, in dem auch das Schauspielhaus zu finden ist.

Direkt neben der Bochumer Innenstadt ist ein Stückchen Prenzlauer Berg derart unbemerkt entstanden, dass es selbst in der Bochumer Innenstadt kaum jemand weiß. Zweieinhalb Sträßchen nur, vielleicht drei hier im äußersten Vorposten von Bochum-Ehrenfeld: Läden haben sich spezialisiert auf wunderschöne Staubfänger, völlig nutzlose Dinge das, aber natürlich eine Zierde jedes ambitionierten Wohnens; die Kneipen haben angefangen als homosexuelle Treffs, tolerieren inzwischen aber auch alle anderen; und dass es die geben muss, beweisen die vielen jungen Menschen auf der Straße – denn die haben sogar Kinder an der Hand!

„Man hat manchmal das Gefühl, in Berlin oder Hamburg zu sein vom Aussehen der Leute her“, sagt Anke Zilles (35). Sie muss an dieser Stelle als Kronzeugin ran, sie betreibt zusammen mit Barbara Hausmann (34) einen Laden namens „Wohnbar“: Accessoires, Geschirr, Textiles, „alles, was wir selbst schön finden“ – und im zweiten Raum können Designer, die noch niemand kennt, Tische oder Regale als Ausstellungsfläche mieten. „Hier hat sich eine sehr junge Szene angesiedelt, und das ist in den letzten Jahren intensiver geworden“, sagt Zilles.

Gut bürgerliches Wohnviertel

Da hat sich in gewissem Sinne der Ursprungsgeist von Ehrenfeld gehalten: Erschlossen und bebaut wurde das Wald- und Wiesengebiet von 1900 an, die ersten Bauten entstanden am Westfalenplatz, der war da, wo heute das Schauspielhaus steht. Doch was da entstand, das fiel aus dem Rahmen des Ruhrgebiets: Hier wurden nicht einfache Mietskasernen für die Arbeiterschaft aus dem ausgebeuteten Boden gestampft, nein, Ehrenfeld wurde von Anfang an entworfen als gut bürgerliches Wohnviertel. Geplant und so gebaut: mit Straßen im Schachbrettmuster, mit Kirchen, Parks, Gymnasien und Theater – und der Reichsknappschaft mittendrin, denn die brachte ihre Beamten mit.

Vieles davon sieht man noch, nur ein großer Teil der schönen Stadthäuser aus der Kaiserzeit blieb in den Bomben. Ein Stadtteil ist es dabei nie geworden, nur ein beliebtes Wohnquartier: Was man schon daran erkennt, dass man nie einen Parkplatz findet. Und genau begrenzt ist es auch nicht: „Es ist eine Frage des Zugehörigkeitsgefühls“, steht auf der Seite „historisches-ehrenfeld.de“: „Man wohnt nicht in Ehrenfeld, sondern im Ehrenfeld.“ 2010 machte das Magazin ,Prinz’ das Ehrenfeld zum angesagtesten Viertel des Ruhrgebiets; bewertet wurden unter anderem Kulturangebot, Nachtleben und Dynamik.

Modenschauen und Flohmärkte

Dafür steht vielleicht die Initiative „Viertel vor“ in jenem äußersten Vorposten ganz gut. Sie organisiert Modenschauen mit dem Schauspielhaus oder nächtliche Flohmärkte im U-Bahnhof, sie stellt Tische und Stühle raus und Bücherregale mit Büchern. Einfach so, zum Lesen. Und vor allem: Sie vernetzt. „Wir sind ein soziokulturelles Ding, und wenn das den Gewerbetreibenden hilft, auch gut“, sagt Barbara ,Babsi’ Jessel, die Vorsitzende von „Viertel vor“.

Als Pächterin des Lokals ,Orlando’ erinnert sie sich gut an die Anfänge vor 15 Jahren: „Die meisten Ladenlokale standen leer, die Anwohner hatten sowohl Angst vor nächtlichem Lärm als auch vor den Homosexuellen. Aber es stört heute längst niemanden mehr, wenn zwei Jungs dazwischen sitzen und sich küssen.“ Diese Liberalität „pflanzte sich ins Geschäftsleben fort“, so ,Prinz’; und so entstanden jene Läden, Kneipen und Agenturen Seite an Seite, die im Ruhrgebiet leider so selten sind: „Alles kleine Krauter, ein, zwei Mitarbeiter“, sagt Babsi Jessels Mitstreiter Thomas Zehnter, Lehrer und Künstler: „Das macht den Kiez-Charakter.“

Und die Namen sprechen für sich: Stueckgut, Techtel&Mechtel, Reuberbar, Schrankzauber, Dreisatz, Butterbrotbar, Engel und Agenten, Goldkante, Le Salon Vintage, Meilenweit, Airfreulich, Hemd und Bluse . . . „Man wird oft angesprochen, ob Läden frei sind“, sagt Anke Zilles aus der Wohnbar: „Einer folgt dem anderen, es zieht immer wieder ähnliche Leute an.“

Und der Westfalenplatz, wo alles begann: heißt heute Tana-Schanzara-Platz. Nach der Schauspielerin.

Hubert Wolf

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Das angesagteste Viertel im Revier
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2012-03-25 19:25
Rhein und Ruhr