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Kostüm-Party

CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt

15.06.2012 | 19:20 Uhr
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
Beim SS-Kragen und Hakenkreuzbinde: Stilecht geben sich die Briten von Bradford – aber auch mehr als geschmacklos. Fotos: HO

London.   Die CDU-Delegation aus Hamm ist empört. Die Lokalpolitiker waren in die englische Partnerstadt Bradford eingeladen – doch hier feierte man in NS-Uniformen. Den Gastgebern ist das freilich im Nachhinein peinlich – aber nur ein bisschen.

Andere Länder, wilde Sitten: Diese Lektion hat eine CDU-Delegation aus Hamm auf ziemlich schräge Art lernen müssen. Eigentlich waren die 32 Lokalpolitiker Ende Mai nur in ihre englische Partnerstadt Bradford gereist, um die Zusammenarbeit der Kommunen in der Behindertenhilfe voranzutreiben. Doch der Besuch schlitterte knapp an einem Debakel vorbei: Bei einer Kostüm-Party im Ort wurden die Gäste von Briten in Hakenkreuz-Uniformen und SS-Totenkopf-Mützen begrüßt. Die Westfalen reagierten entsetzt, die Gastgeber überfordert: Das Straßenfest gilt in Yorkshire doch als besonders charmantes Vergnügen.

Michael Pricking ist alles andere als eine Spaßbremse. Im Gegenteil: Als die Kollegen aus dem englischen Stadtrat anbieten, ihr traditionelles Straßenfest mit Vierziger-Jahre-Motto kennenzulernen, da freut sich der Fraktionschef aus Hamm. „Die Musik aus der Ära finde ich klasse“, sagt er.

Die englische Boulevardpresse hat den Eklat mittlerweile aufgegriffen – als Vorlage für weitere Weltkriegswitze.

Doch schon auf der nostalgischen Dampflok-Fahrt zum Fest ahnt die Delegation aus Hamm, dass die Briten es peinlich genau nehmen mit der Stilgenauigkeit: „Die Damen kamen in Fuchspelzmänteln an, die Herren in Militäruniformen.“ Pricking wischt sein wachsendes Unbehagen zuerst als „typisch deutsch“ beiseite: „Wir sind ja geprägt vom Zweiten Weltkrieg, dass wir uns so nicht zeigen würden. In England geht das halt.“

„Das ist Teil der Geschichte"

Damit gerät die Völkerverständigung aber schon an ihre Grenzen. Kaum bei dem Straßenfest eingetroffen, bekommt die CDU aus Hamm einen besonderen Einblick in eine britische Marotte: „Männer mit NS-Uniformen, Hakenkreuzen und Totenkopf-Symbolen marschierten an uns vorbei“, sagt der Fraktionschef, noch immer entsetzt. Am meisten aber verwundert ihn die Reaktion der Gastgeber: „Das sei Teil der Geschichte, hieß es einfach.“

Die wird in Bradford jedes Jahr wiederbelebt: Historische Fahrzeuge zeigen sich dann in dem Ort, die Straßen sind mit Wimpeln geschmückt, der Dress Code ist klar auf Vierziger Jahre getrimmt. Nazi-Uniformen gehören für manche Besucher wohl dazu. „Auf die SS-Symbole angesprochen, haben sie gesagt, es sei ein Scherz“, erinnert sich Pricking. Ein Scherz, der in Großbritannien beliebt ist: Schon 2005 hatte Prinz Harry mit einer Hakenkreuz-Binde weltweit für Empörung gesorgt.

Nur ein bisschen peinlich

Die Wochenend-Nazis von Bradford sind auch Peter Hill vom Organisationskomitee im Ort peinlich – allerdings nur ein bisschen. „Man muss vielmehr fragen, ob es generell klug ist, deutsche Gäste zu einer Vierziger-Jahre-Party mitzunehmen“, sagt er. Ihm tut es leid, dass drei „geschmacklos verkleidete Gäste“ ein Fest in Verruf bringen, bei dem sich 10 000 Besucher amüsiert hätten. „Wir haben die Männer in SS-Uniform gebeten, das Fest zu verlassen, aber das wollten sie nicht“, sagt er. Man sei machtlos gewesen, denn verboten sind Nazi-Symbole im Königreich nicht. Der Gestapo-Look kam bei anderen wohl auch gut an: „Viele haben sich neben den Männern fotografieren lassen“, erinnert sich Pricking. Zwei Fotos zieren inzwischen auch den Webauftritt der englischen Stadtteilseite. Ähnliche Bilder gibt es schon aus dem Vorjahr.

Die englische Boulevardpresse hat den Eklat mittlerweile aufgegriffen – als Vorlage für weitere Weltkriegswitze. Auch Organisator Hill kann Kritik nur bedingt nachvollziehen. Immerhin sei es in den letzten Jahren bei der Mottoparty noch wilder zugegangen: „Da hat sich ein Anwohner immer als deutscher Kriegsgefangener verkleidet und ist von kostümierten englischen Soldaten durch den Ort gejagt worden. Bescheuert, stillos, ja, aber so war es.“ Dass britischer Humor mit Vorliebe das Grauen lächerlich macht, um Wunden zu heilen, muss man dazu erst einmal verstehen.

 Leicht ist das nicht, vor allem, wenn man in Hamm wohnt: Der kleine Ort war von 1940 bis 1941 wegen seines Bahnhofs über 100 Nächte lang Ziel für britische Bomberpiloten. Auch Hills Heimatort wurde von den Deutschen zerbombt. „Aber das ist 67 Jahre her“, findet der Brite, „höchste Zeit, das Ganze auch mal von einer anderen Stufe zu betrachten.“ Pricking lässt sich nicht so schnell von den kuriosen Bräuchen in der Partnerstadt überzeugen: „Natürlich sind Nazis Teil der Geschichte, aber kein Teil, den ich zum Amüsement zur Schau gestellt sehen will.“ Nur aus Respekt vor den Gastgebern habe die CDU-Delegation den Besuch der Feier nicht abgebrochen. Der Termin für die nächste Vierziger-Jahre-Motto-Party im idyllischen Bradford steht schon fest. Kostüme sind wieder herzlich willkommen, „Wehrmacht und Luftwaffe auf jeden Fall“.

Jasmin Fischer



Kommentare
18.06.2012
09:32
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von barbarylane | #29

das sind die Ergebnisse jahrhundertelangen Inzests auf einer kleinen Insel...

18.06.2012
08:07
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von jessiesrevenge | #28

en bisschen lustig finde ich das ganze. Ich meine was haben denn die Lokalpollitiker gedacht wie ein 40er Jahre Motto in England aussehen kann?? Haben die keine Geschichtsbücher oder Google??
Naja jetzt sind se ja wieder zuhause und können fahnenschwenkend zum nächsten EM-Spiel gehen :)

18.06.2012
03:41
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von Volksbeobachter | #27

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
Volksbeobachter | #22
Oh heilige Einfalt!

17.06.2012
17:05
Es ist zum Heulen ...
von Partik | #26

Deutschland ist das einzige Täterland, das sich dermaßen selbst wegen seiner eigen Fehlern aus der Vergangenheit geisselt.

Die Deutschen sind mittlerweile derart von Schuldgefühlen konditioniert, dass sofort eine Art pawlow´scher Reflex einsetzt, sobald wir etwas aus dem Dritten Reich zu Gesicht bekommen.

Was müssen sich die ehemaligen Sklavenhändler und diversen Völkermörder-Gesellschaften dieser Welt über die deutsche Art der Vergangenheitsbewältigung wundern.

Man kommt sich als Deutscher vor, als würde man als einziger vom Rektor aus einen Rudel Vorschüler herausgepickt, und stellvertretend für alle anderen in die Ecke gestellt, und auf alle Ewigkeit mit dem moralischen Rohrstock verprügelt, während die anderen grinsend um einen herum stehen.

Mittlerweile ist schuldbewusste Demut zu einem kuriosen gesellschaftlichen Phänomen in Deutschland geworden.

1 Antwort
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von GrossmeisterB | #26-1

Ach so, man soll also lieber laut jubeln, wenn jemand Symbole von Verbrechern zeigt?
So ein Gejubel gab es zwischen 33 und 45 auch, sie sind scheinbar auch einer, der damals gejubelt hätte...

17.06.2012
11:01
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von Plattini | #25

Ich vermute mal, es braucht noch 2 oder 3 Generationen, bis wir wieder genug Selbstbewusst sein entwickelt haben, um auch unsere eigene Geschichte anzunehmen und uns nicht mehr fremdschämen für das, was eine Handvoll (in Anbetracht der Erdbevölkerung) Menschen vor nunmehr rund 80 Jahren begonnen hat.

Erst wenn der letzte noch lebende Bewohner aus der Zeit vor oder während des 2. Weltkrieges verstorben ist, wird sich auch der deutsche Michel aus dem Muff des braunen Gesindels befreien und zur Vergangenheit seines Landes stehen.

2 Antworten
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von SimonvonUtrecht | #25-1

Da werden auch in 10 Generationen die Menschen dran gedenken, weil das einmalig in der Menschheitsgeschichte war !
Gegen das Vergessen und Relativieren !

CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von GrossmeisterB | #25-2

Wozu soll man da "stehen"? Es steht doch heute schon (bis auf die Handvoll) jeder zu der Vergangenheit, und dass ist nun mal eine Vergangenheit der Verbrecher und Massenmörder!

17.06.2012
10:09
Rudel-Gucken sollte auch verboten werden!
von Finnjet | #24

Ich finde, dass wir so politisch korrekt sein sollten, das "Rudel-Gucken" bei WM und EM zu verbieten. Schleißlich könnte das ja an den "Oberst Rudel" erinnern....

17.06.2012
06:58
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von snafuprinzip | #23

Ich verstehe ehrlich gesagt die ganze Aufregung überhaupt nicht.

Wo ist denn bitte schön der Unterschied, ob Deutsche ein Mittelalterliches Spectaculum oder Römerfestspiele inkl. Schlachten nachspielen ohne uns diese charakterlich zum Vorbild zu nehmen oder ob Briten das exakt gleiche mit dem 3. Reich machen?

Ich gebe zu, dass ich ehrliche Probleme hätte, wenn die gleiche Feier von Deutschen organisiert hier stattfinden würde, aber für die Briten ist das einfach ein ein spielerischer Umgang mit der eigenen Geschichte, so wie er bei uns zu allen anderen Epochen ausser den beiden Weltkriegen auch stattfindet. Dass wir Deutsche damit noch ein Problem haben ist eine Sache, aber deswegen können wir doch bitte nicht anderen Völkern verordnen es uns gleich zu tun.

Die Briten haben uns besiegt und sie haben das Recht diese Ära so zu feiern wie es Ihnen beliebt ohne dass ausgerechnet wir uns anmassen müssten darüber zu urteilen ob dies nicht moralisch verwerflich sei.

Schönen Gruß,
snafu.

2 Antworten
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von Plattini | #23-1

Danke für diesen Kommentar snafu!

Genau so ist der Deutsche gestrickt.
Immer schön ducken und wenn er mal aufmuckt, wird er von der scheinheiligen Obrigkeit auf Zwergenmaß zurechtgestutzt, damit er auch ja schön wieder den Wackeldackel geben kann...

Selbstbewusstsein sind halt keine deutschen Tugenden, haben uns die Siegermächte ja schließlich 60 Jahre lang beigebracht...

CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von GrossmeisterB | #23-2

Der Unterschied: im 3. Reich wurden ganze Völker auf bestialische Art und Weise vernichtet...diese Möglichkeiten gab es bei den Römern nicht, auch wenn dort viel gekämpft und sich bekriegt wurde...

17.06.2012
05:10
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Name von Moderation entfernt | #22

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16.06.2012
18:57
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von schnapper2 | #21

Menschen die im 21. Jahrhundert einer Königin und ihrer verdorbenen Sippe huldigen sind mir eh sehr suspekt!!

1 Antwort
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #21-1

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

16.06.2012
18:15
CDU-Lokalpolitiker in England mit Hakenkreuz begrüßt
von lospolloshermanos | #20

Jetzt wollen die deutschen Bessermenschen also den Briten erklären, wie die ihre Traditionen zu pflegen haben. Das waren halt die 40er Jahre. Und wie kann man besser an das erinnern, was geschehen ist, indem man die, die es getan haben auch zeigt. Das nennt sich Geschichte. Schließlich waren es Menschen, die sich hinter Uniform, Totenkopf und Hakenkreuz versteckt haben, um unmenschliche Taten zu begehen. Humor hat viel mit Wahrheit zu tun.

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