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Karneval

„Bunt und sinnlich muss es sein“ - ein Interview über Glaube und Klamauk

06.03.2011 | 19:01 Uhr
„Bunt und sinnlich muss es sein“ - ein Interview über Glaube und Klamauk
Willibert Pauels - „ne bergische jung“ - in seinem Element. Foto: Kai Kitschenberg

An Rhein und Ruhr.   Der Spaßmacher und Diakon Willibert Pauels über Stil und Mystik in Karneval und Kirche – und die tiefe Bedeutung des Lachens

Die Ratinger Stadthalle platzt aus allen Nähten. Bei der ausverkauften „Weiberparty“ der Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß johlen rund 1000 närrische Frauen. Sie klatschen für „ne bergische jung“ Willibert Pauels, der nicht nur katholischer Diakon, sondern auch einer der Top-Spaßmacher im rheinischen Karneval ist. Die NRZ traf den 56-jährigen zwischen zwei Auftritten bei Bier und Zigaretten zum Gespräch über Kirche, Karneval und die religiöse Bedeutung des Lachens.

Herr Pauels, Sie sind seit einigen Jahren nur noch nebenamtlicher Diakon – macht Ihnen der Kirchenjob keinen Spaß mehr?

Willibert Pauels mal nachdenklich...

Willibert Pauels: Das lag nur am immer größer werdenden Zeitaufwand für meine Auftritte. Wenn ich am Altar stehen und die Liturgie mitfeiern darf, dann ist da heute immer noch mein Herz, dann ist das absolut erfüllend. Aber es ist genau so erfüllend, wenn ich vor einem Saal stehe, in dem mein Programm funktioniert und die Leute aus tiefstem Herzen lachen. Da geben dann die Leute ihr Herz – und machen beim Jubeln interessanterweise dieselbe Bewegung wie der Priester in der Messe: Sie heben die Hände zum Himmel.

Anders als im Karneval gab es in der Kirche angesichts von Missbrauchsdebatte, Gemeindezusammenlegungen oder der neu aufgeflammten Zölibatsdiskussion zuletzt aber eher wenig zu lachen.

Pauels: Das stimmt, wenn man Kirche nur als Struktur sieht. Aber wenn ich Kirche vor allem unter dem Aspekt der Religion sehe, ist jeder Tag ein Grund zu jubeln und zu feiern. Das Wesen der christlichen Religion ist das, was sie verkündet – die Botschaft von Ostern: Christus ist auferstanden und der Tod hat nicht das letzte Wort. Diese Botschaft ist so erlösend, so befreiend, dass diese Freude letztlich alles Schwere und Erdrückende - auch die Missbrauchsfälle - überstrahlt.

Der tiefe Jubel über die Erlösung und das Lachen bei der Karnevalssitzung sind das Gleiche?

Pauels: Ja! Jedes Lachen, das nicht zynisch ist, ist ein Spiegel dieser Oster-, dieser Gottesahnung. Das ist natürlich eine religiöse Interpretation. Atheisten lachen ja auch, vielleicht sogar noch viel herzlicher. Aber letztlich ist das Lachen für mich ein Hinweis auf den Geist Gottes. Nehmen Sie diesen neuen Supercomputer Watson: Der ist uns mit seinem Wissen haushoch überlegen, aber er versteht keinen einzigen Witz. Lachen wird der nie lernen.

Gerade die katholische Kirche scheint aber ziemlich wenig zu lachen - und schon gar nicht über sich

Pauels: Unser Kölner Dreigestirn war jetzt einen ganzen Abend mit Kardinal Meisner in der Kneipe – hinterher waren die völlig verblüfft, wie lustig der ist. Aber sobald der Kardinal in seiner Rolle in die Öffentlichkeit tritt, ist das eben etwas anderes. Ich persönlich habe in meinem Leben zum Glück viele Priester getroffen, die nicht kaputt, nicht neurotisch waren, sondern fromme, leidenschaftlich frohe Menschen. Deshalb assoziiere ich mit Kirche keine Steifheit oder Trockenheit. Das gilt höchstens für Fundamentalisten – die erkennt man immer daran, dass sie nicht über sich selbst lachen können.

Eine Karnevalssitzung folgt ähnlich strikten Ritualien wie eine Messfeier - was können Kirche und Karneval da voneinander lernen?

Pauels: Beide müssen bunt und sinnlich sein und ans Herz gehen. Die evangelische Kirche hat den Nachteil, dass sie kaum Sinnlichkeit in der Liturgie hat. Die katholische Kirche muss das aber wieder viel stärker betonen. Bei manch schlechtem Pfarrer sieht der Gottesdienst eher aus wie ein Stuhlkreis im Kindergarten.

...mal ausgelassen. Mal mit Melone...

Ich bin in den 1950er Jahren aufgewachsen als die Liturgie noch schön war. (Mit den Liturgiereformen des II. Vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren wurde der katholische Messablauf deutlich verändert, Anm. der Red.) Damals gab es prächtige Gewänder wie in der Oper, Weihrauch, schöne Musik... So eine Inszenierung muss den ganzen Menschen erfassen mit all seinen Sinnen.

Man kann natürlich auch die moderne Liturgie würdevoll und ehrfürchtig feiern, aber sie verführt oft leider zur Selbstdarstellung – allein weil der Priester sich heute zur Gemeinde wendet. Das verführt dazu, eine gute Figur zu machen. In der alten Liturgie war der Priester als Typ völlig unwichtig, der konnte hässlich sein und schiefe Zähne haben.

Und die Karnevalssitzungen - selbst die Stunksitzungen - folgen natürlich auch einer Liturgie. Und nur wenn diese Choreographie stimmig ist, ist es wirklich schön.

Anders als bei der von Latein geprägten Alten Messe verstehen die Menschen im Karneval wenigstens den Inhalt der Texte.

Pauels: Wenn die Leute „Heeejo“ singen, ist der Inhalt genau so unwichtig wie bei den lateinischen Gebeten aus meiner Kindheit. Da geht es doch vor allem um das gemeinsame Feiern. Aber das Latein hat eben damals den mystischen Charakter der Liturgie unterstützt. Das hat Harry-Potter-Autorin Rowling übrigens begriffen. In ihren Büchern sind sämtliche Zauber-Begriffe auf Latein – und jedes Kind versteht die mystische Bedeutung, ohne dass es übersetzt werden muss.

Kommt der karnevalistische Diakon jetzt mitten in der Session überhaupt noch zur Besinnung?

Pauels: Abends schlafe ich schon noch mit einem Gebet ein und morgens beginne ich so auch meinen Tag. Aber zwischendurch ist da nicht dran zu decken. Gerade diese viel zu lange Session geht bis an die Grenzen der körperlichen und psychischen Belastung.

Einen besonders hohen inhaltlichen, womöglich gar politischen Anspruch hat ihr Programm ja nicht gerade.

Zur Person
Ne bergische jung

Willibert Pauels (56) ist verheiratet, hat eine Tochter und arbeitet, wenn er nicht gerade durchs Land tourt, in Wipperfürth als Diakon. „Ich wollte Priester werden, aber meine Hormone nicht“, sagt er. Ein Diakon unterliegt nicht dem Zölibat, hat aber - abgesehen von der Feier der Messe und dem Beicht hören - ähnliche Aufgaben wie ein Priester.

Pauels: Das Rezept im Karneval ist einfach: Ich muss die Leute zum Lachen bringen. Politische Büttenreden mache ich nicht, das mache ich den Rest des Jahres als Kabarettist. Mein Freund Jürgen Becker sagt immer: Kabarett ist schön und gut, aber man muss auch mal nen Witz erzählen.

Kardinal Meisner hat jüngst einen ehemaligen evangelischen Pastor zum katholischen Priester geweiht. Angenommen, er würde jetzt auch noch einmal auf Sie zukommen – schließlich sind Sie vor allem wegen Ihrer Frau heute Diakon und nicht Priester – würden Sie zuschlagen?

Pauels: Nein, denn wenn ich Priester wäre, könnte ich das Karnevalistische so nicht mehr machen. Jesus hat gesagt, man soll seine Talente nicht vergraben, sondern damit arbeiten – und da bin ich hier genau an der richtigen Stelle.

Aber gegen eine grundsätzliche Lockerung des Zölibats hätten Sie nichts?

Pauels: Da bin ich total gespalten. Einerseits gehen uns heute die besten Priester von der Fahne, weil sie den anstrengenden Dienst und ihr Privatleben nicht auf die Reihe bekommen. Andererseits sehe ich dieses Faszinosum des zölibatär lebenden Menschen. Schauen Sie sich nur die Begeisterung für den Dalai Lama an. Niemand fragt nach Frau Lama - stattdessen nehmen alle als selbstverständlich hin, dass er zölibatär lebt. Auch die Yedi-Ritter bei Star Wars leben übrigens zölibatär. Das zeigt wie falsch es ist, zölibatär lebende Menschen pauschal unter halbneurotische Sexualkrüppel einzuordnen.

Für die Priesterweihe sollte nur ein einziges Kriterium wesentlich sein: leidenschaftliche Frömmigkeit. Diese jungen Männer müssen Brennen auf der Suche nach dem ganz Anderen.

Unterm Strich wäre Ihnen aber eine Kirche, wie Sie sie in Ihrer Kinderzeit kennengelernt haben, heute lieber?

...mal ohne. Fotos: Kai Kitschenberg

Pauels: Wir müssen auf jeden Fall wieder frommer, wieder mystischer werden. All das, was jetzt an Reformen gefordert wird, ist mir viel zu zeitgeistig. Das gibt es doch alles schon – in der evangelischen Kirche. Und auch der fehlt der Erfolg. Dass man mit Mystik auch beim Publikum punkten kann, zeigen übrigens wieder die Star-Wars-Filme: Da wird den Zuschauern sogar eine Jungfrauengeburt zugemutet.

Und in der Kirche hat nach wie vor Taizé einen riesigen Erfolg (eine ökumenische Gemeinschaft in Frankreich mit großem Jugendbegegnungszentrum, Anm. der Red.). Die machen kaum etwas anderes als immer gleiche Lieder zu singen. Stundenlang „Laudate omnes gentes“, da stehen die Jugendlichen drauf. Jedenfalls mehr als wenn es von der Kanzel heißt: „Pastor gegen Castor“.

Und was muss sich beim Karneval ändern?

Pauels: Eine falsche Richtung ist die Ballermannisierung, das zügellose Effekt-Abfeiern. Wirklich schön ist es nur, wenn ein Fest eine Seele hat. Und so wie eine gute Liturgie in der Kirche eine Antwort auf Sehnsüchte der Menschen ist, ist es Karneval auch. Karneval ist das Fest der Sehnsüchte: Eine andere Rolle spielen, mal raus aus der sozialen Kontrolle, flirten können – es muss aber klare Regeln haben, sonst funktioniert es nicht.

Thomas Rünker

Kommentare
07.03.2011
03:12
„Bunt und sinnlich muss es sein“ - ein Interview über Glaube und Klamauk
von Gruenkohl7 | #4

Passt super zusammen: Beides lächerlich und überflüssig...

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