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Hochschulpolitik

Baustelle Bachelor-Studium

18.05.2009 | 10:45 Uhr

Essen. Die Bologna-Reform bescherte den Studenten Bachelor, Master – und viele Probleme. Darunter: Prüfungsstress, Stoffverdichtung, Verschulung des Studiums, kaum Vertiefungen der Inhalte, keine Zeit für Praktika oder Auslandsaufenthalte, viele Studienabbrecher – vor allem in den Ingenieurfächern.

Unzufrieden: Manuela Herder, Pascal Wörth und Olga Renner. Foto: Yannik Willing

Wenn es nach Pascal Wörth gegangen wäre, hätte man sich die Reform sparen können. „Bei Ingenieuren macht der Bachelor keinen Sinn”, sagt der Student der Uni Duisburg-Essen. Mit diesem Abschluss könne man maximal als Bauleiter anheuern. Dennoch sei der Stress enorm, fünf bis sechs Prüfungen pro Semester, dazu Durchfallquoten bis zu 100 Prozent in bestimmten Pflichtklausuren. Zeit zum Geldverdienen bleibe kaum. „Ich musste ein Semester dranhängen”, sagt Wörth, der auf der Baustelle jobbte. „Die wollen jemanden, der anpackt. Da fragt keiner nach Vorlesungsterminen.”

Viele Studienabbrecher

Der angehende Ingenieur skizziert exakt die Probleme, die derzeit tausende Studierende mit der neuen Studienstruktur haben: Prüfungsstress, Stoffverdichtung, Verschulung des Studiums, kaum Vertiefungen der Inhalte, keine Zeit für Praktika oder Auslandsaufenthalte, viele Studienabbrecher – vor allem in den gefragten Ingenieurfächern.

Abschlüsse europaweit vergleichbar machen

Dabei sollte eigentlich alles viel besser werden. Vor zehn Jahren trafen sich in Bologna die Bildungsminister aus 29 Staaten und verabredeten, bis 2010 einen „gemeinsamen europäischen Hochschulraum” zu errichten. Das sollte die Abschlüsse international vergleichbar machen, die Mobilität der Studierenden erhöhen, die Studiendauer verkürzen und die Berufsnähe steigern.

In NRW beinahe flächendeckende Umstellung

Nach und nach haben die Hochschulen ihre Studiengänge auf das gestufte System Bachelor und Master umgestellt. In NRW ist dies sogar bereits beinahe flächendeckend geschehen. Nach zumeist sechs Semestern können Studenten nun den Bachelor-Abschluss (BA) absolvieren, der für den Berufseinstieg qualifizieren soll. Nach weiteren vier Semestern winkt der Master (MA). Diplom- oder Magisterstudiengänge wurden weitgehend umgestellt.

Kürzlich trafen sich die Minister wieder – inzwischen sind 46 Länder im Boot. Im belgischen Löwen zogen sie Bilanz und gaben sich zufrieden. Es gebe zwar Raum für Verbesserungen, doch sei der Prozess auf gutem Wege.

"Geistige Anspruchslosigkeit"

Pascal Wörth (Bauingenieurwesen, 2. Master Semester), Olga Renner (Studium Kulturwirt, 6. Semester) und Manuela Herder (Studium Medizinsche Biologie, 6. Semester). Foto: Yannik Willing

Die Praxis sieht weniger rosig aus. Prof. Ulrich Herrmann aus Tübingen fordert die Studenten sogar zu aktivem Widerstand „gegen die verordnete kollektive geistige Anspruchslosigkeit” auf. Die ganze Bologna-Sache sei in Wahrheit ein reines Sparprogramm, sagt der Pädagogik-Professor. Dazu gedacht, möglichst schnell möglichst viele Absolventen für den Arbeitsmarkt herzustellen. „Die Studienbelastung ist so hoch, dass die Studierenden nicht mehr zum Lesen und Lernen kommen. Sie pauken sich nur noch von Prüfung zu Prüfung.” Mit Bildung habe das nichts mehr zu tun. „Die Reform ist Unsinn”, meint Herrmann. Jetzt müssten zügig die schlimmsten Fehler korrigiert werden.

Überhastete Reform

Kritiker, soweit das Auge reicht: Der Deutsche Hochschulverband ruft zu einer Reform der Reform auf: „Der Bologna-Prozess in Deutschland ist nur noch zu retten, wenn massiv gegengesteuert wird. Es herrscht akuter Handlungsbedarf”, mahnt die Interessenvetretung der Hochschulprofessoren. Ebenso sieht es die einflussreiche Humboldt-Gesellschaft. Die Reform sei überhastet gestartet worden, es fehle an Lehrpersonal, und die gewünschte Mobilität der Studenten – Kernstück der Reform – sei nicht gestiegen, sondern sogar gesunken: Da jede Hochschule eigene Studienpläne konzipiere, sei ein Wechsel des Studienorts sogar innerhalb einer Stadt oft kaum möglich. Ähnliche Kritik kommt vom Deutschen Studentenwerk, der Hochschulrektorenkonferenz und der Bildungsgewerkschaft GEW.

Bachelor = Schmalspurstudium

Haben sich die Studenten bis zum Examen durchgekämpft, müssen sie mit dem von manchen als Schmalspurstudium bezeichneten Bachelor auf dem Arbeitsmarkt bestehen. Die Personalchefs stehen den neuen Abschlüssen positiv gegenüber, sagt Christiane Konegen-Grenier, Bildungsexpertin beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Denn trotz der Krisenzeiten würden Fachkräfte weiterhin gesucht. Wer zu der Stelle passe, werde eingestellt – ob mit Bachelor, Master oder Diplom in der Tasche sei beinahe zweitrangig. Allerdings spricht sie eher von großen Betrieben. In Firmen mit weniger als 250 Beschäftigten, also dem Mittelstand, sind die neuen Abschlüsse immer noch kaum bekannt.

Studenten, Politiker und Arbeitgeber – alle zeigen nun auf die Hochschulen. Sie müssten die Studiengänge entrümpeln, sich von „alten Zöpfen” trennen, mehr zeitliche Spielräume schaffen. NRW-Wissenschaftsminsiter Andreas Pinkwart: „Die Hochschulen sind jetzt in der Verantwortung.”

„Mit dem BA bekomme ich keine Stelle"

Bis es soweit ist, wird Manuela Herder ihren Abschluss vermutlich bereits in der Tasche haben. Sie studiert im sechsten Semester Medizinische Biologie – und für etwas anders als Lernen bleibt ihr kaum Zeit. Für sie ist klar: „Mit dem BA bekomme ich keine Stelle. Der Master ist quasi Pflicht.” Auch sie musste neben dem Studium arbeiten, um sich zu finanzieren. „Ich habe dafür mit schlechteren Klausuren bezahlt”, sagt sie. Olga Renner findet, der Bachelor „geht in die richtige Richtung. Ich finde es gut, wenn das Studium straffer ist.” Doch in sechs Semestern bleibe man doch sehr an der Oberfläche. Auch sie will daher den Master im Fach Kulturwirt dranhängen.

75 Prozent hängen Masterabschluss an

Olga Renner, Manuela Herder und Pascal Wörth sind keine Einzelfälle. Etwa 75 Prozent aller Studenten wollen im Anschluss den Master machen, ergab eine bundesweite Umfrage des Hochschul-Informnationssystems 2007.

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Christopher Onkelbach

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Kommentare
22.05.2009
18:55
Baustelle Bachelor-Studium
von Marie3 | #36

Unglaublich, aber Fakt: eine steigende Anzahl US-amerkanischer Universitäten finden immer öfters den Weg zurück zum Diplom!

z.B. die Colorado State, oder Carnigie Mellon mit dem

„Accelerated BSc/MSc-Modell” ;

oder soger das MIT und die University of South Florida mit dem sog.

„Five Year Dual Programme”.

Und noch viel mehr, wie z.B. University of Maryland mit dem

“Combined MS/BS-Programm” .


Liste kann fortgesetzt werden..


Fakt nr. 2: der Deutsche Bachelor mit seinen 3 Jahren - Praktika zählt dabei nicht - wird in den USA, die einen 4-jährigen Bachelor haben nie und nimmer anerkannt werden!!

18.05.2009
22:28
Baustelle Bachelor-Studium
von Dorothea68 | #35

Laut einer gerade veröffentlichten Studie der HIS brechen knapp die Hälfte der Bachelor Studenten ihr Studium ab.
Ins Ausland gehen nürnnch die Hälfte, im Vergleich zu Diplom und Magister.

www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/bueffeln-in-deutschland

18.05.2009
18:46
Baustelle Bachelor-Studium
von Volmespatz | #34

#33 - Aha, nun wissen wirs, da ist wohl doch nicht sehr viel dahinter.
Zitat: Ich selbst habe sehr viel mehr und habe täglich mit diesen Studierenden zu tun.
Aber doch nicht auf der Uni, oder? Tja, für mich sind Sie jetzt nicht mehr satisfaktionsfähig ;-)

18.05.2009
15:39
Baustelle Bachelor-Studium
von cyberceltic | #33

Ach, ich sehe hier viel kleinkariertes früher war alles besser ...
Diejenigen, die heute an den Unis das Sagen haben, haben ja noch die alten Abschlüsse - auf die Qualität der Lehre zumindest scheint sich das nicht besonders auszuwirken, denn die ist größtenteils grottenschlecht.
Ich stimme # zu: ein bisschen weniger Arroganz der Alten könnte nicht schaden.
@30: Es gibt, wie Sie hoffentlich wissen, nicht nur ein ausschließendes oder. Und müssen hat auch verschiedene Interpretationen.

18.05.2009
15:23
Baustelle Bachelor-Studium
von Argus | #32

Wenn die Bertelsmann-Stiftung und Experten-Kommissionen etwas entwerfen, ist es von vorneherein wegzuwerfen. Ein Glück, dass ich karger Zeit studiert habe und in den Semesterferien bei Henkel, in der Stadtverwaltung Gelsenkirchen sowie bei der Deutschen Saatveredelung in Lippstadt das sehr karge Honnef aufgebessert habe. Allerdings gab es noch keinen eigenen PKW oder Globe Touring und v. a. keine Drogen und Koma-Saufen. Professoren gab es allerdings sehr wenig je Student. und die hatten oft noch eine gebräunte Unterwäsche.

18.05.2009
14:25
Baustelle Bachelor-Studium
von Volmespatz | #31

#28 - Und im Übrigen schreiben Sie erst in Ihrem letzten Beitrag von Promovierenden in der Forschung, vorher haben Sie nur von Master-Leuten gesprochen.

18.05.2009
14:24
Baustelle Bachelor-Studium
von Volmespatz | #30

#28 - Zitat: Bevor Sie promovieren, müssen Sie aber erst mal einen M.A. oder Magister haben. Sie kennen doch wohl das Ausschließlichkeitsprinzip, oder? Sie haben aus müssen und sollten geschrieben.

18.05.2009
13:54
Baustelle Bachelor-Studium
von soz. | #29

Die Deutschen neigen anscheinend zu Extremen. Entweder Paukanstalt oder selbstbestimmtes Lernen. In den Geisteswissenschaften war das Diplom besser für Leute, die sich selbst organisieren konnten. Dann dauerte zum Beispiel die empirische Diplomarbeit eben ein Semester länger, aber damit konnte man sich auch besser qualifizieren Man meldete sich an, wenn die Erhebung angeschlossen war. Andererseits kamen einige mit der Selbstgestaltung nicht fertig und wurden Langzeitstudenten. Berufsbiographisch kann das fatal sein. Bachelor-Studierende entwickeln machnmal eine Schüler-Mentalität. Sie sind nich so selbständig.

18.05.2009
13:32
Baustelle Bachelor-Studium
von cyberceltic | #28

Nun bleiben Sie mal auf dem Teppich.
Habe ich irgendwo geschrieben, dass zur Promotion ausschließlich ein Magister oder M.A. befähigt?
Auf jeden Fall arbeiten Promovenden (mit welcher Qualifikation auch immer) sehr wohl in der Forschung und machen dabei nicht selten die Arbeit für die Profs - dass sich Promovierende der neuen Studiengänge dabei schlechter schlagen, ist eine unbewiesene Mär.

18.05.2009
13:23
Baustelle Bachelor-Studium
von Volmespatz | #27

@ 24 - Aha, Ich denke mal, Sie sollten nicht so dick auftragen. Ich bin Hochschullehrerin und weiß genau, wovon ich schreibe. Sie anscheinend aber nicht. Übrigens kann man sehr wohl ohne Magister promovieren, z.B. direkt durch oder via Staatsexamen, Sie Schlaumeier und Mehrwert-Aufschneider ;-)

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