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Kriminalität

Anwohner begrüßen die Razzia

17.01.2016 | 18:19 Uhr
Anwohner begrüßen die Razzia
18 Lokale standen im Fokus der Razzia, die am Samstag von 17.30 Uhr bis kurz vor Mitternacht lief.Foto: Maja Hitij/dpa

Düsseldorf.  Rund um den Düsseldorfer Hauptbahnhof fühlen sich Alteingesessene von Kriminellen bedrängtund von der Öffentlichkeit in Sippenhaft genommen. Die Lage im Viertel kippt.

„Die Dealer stehen meist hier an der Ecke“, sagt Mustafa Akcay, kommt mit einem Fladenbrot in der Hand hinter seiner Theke hervor und zeigt zum Café gegenüber. „Mit Kindern und Frauen trauen wir uns schon seit Jahren nicht mehr auf die Straße.“ Die Ellerstraße in Düsseldorf – Klein-Marokko – so wird die Gegend um den Hauptbahnhof genannt, ein paar Häuserblöcke liegen im Stadtteil Oberbilk, ein paar in Friedrichstadt: Hier hat die Polizei am Samstagabend 18 Cafés, Spielcasinos und Shisha-Bars umstellt – Rückzugsräume für Kriminelle, vermutet sie: für Taschendiebe, die ihre Opfer in der Altstadt antanzen, um sie abzulenken. Für Gepäckdiebe, Straßenräuber, Dealer und Hehler. Am unglücklichsten darüber sind wohl die Bewohner.

Akcay hat seine Wurzeln in der Türkei, wohnt seit 25 Jahren in Oberbilk. Die Razzia hält er für eine gute Sache: „Seit die Dealer da sind, sind viele der alten Nachbarn weggezogen.“ Auch die Kunden blieben fern, der Umsatz sei um 50 Prozent zurückgegangen. „Bis 19 Uhr kommen noch ein paar Leute, danach können Sie die Straße vergessen.“ Umziehen sei für ihn aber keine Option. „Ich habe eine Eigentumswohnung. An wen soll ich die denn vermieten?“

Im Vergleich mit manchen Ruhrgebietsvierteln ist die Bevölkerungsstruktur in Klein-Marokko, auch Maghreb-Viertel genannt, noch sehr gemischt, das Straßenbild gesellschaftsfähig. „Wir haben hier eine sehr gut integrierte nordafrikanische Gemeinde, mit hohen Einbürgerungsquoten und immer besserem Bildungsstand, die nun in Sippenhaft genommen wird“, sagt Sozialpädagoge Samy Charchira von der Deutschen Islamkonferenz.

Auch Fatima ist sauer. Die 20-jährige Deutsch-Marokkanerin arbeitet ein paar Häuser weiter in der Patisserie Tanger, die in ganz Düsseldorf geschätzt wird. „All die Jahre haben die Geschäfte hier versucht, Marokko schön darzustellen und jetzt kommen so ein paar 08/15-Leute und machen all das, was wir uns aufgebaut haben, in Nullkommanichts wieder kaputt.“ Früher hätte sie gerne gesagt, dass sie Marokkanerin ist, „aber heute schäme ich mich für mein eigenes Volk. Wie die sich benehmen, geht einfach gar nicht, das ist ein No-Go ... Ich hoffe, dass sie die Richtigen herauspicken und zurückschicken.“ Doch sie weiß auch um die Probleme: „Wer keinen Ausweis hat, zählt nicht mehr als Marokkaner.“ Schnelles Abschieben sei kaum möglich.

„Casablanca“ war der Anstoß

Tatsächlich erscheint die Ausbeute der sechsstündigen Großrazzia mager, wenn man sie mit den Zahlen vergleicht, die eineinhalb Wochen zuvor aus den „Casablanca“-Ermittlungen durchgesickert waren: Allein in Düsseldorf hatte die Polizei 2244 Verdächtige aus Nordafrika im Visier, die Mehrheit von ihnen (1256) aus Marokko – wobei die hohe Zahl natürlich auch durch ein ständiges Kommen und Gehen zustande kommt. Und nun: 38 Männer ohne Papiere, einer, der abgeschoben werden sollte, ein mutmaßlicher Hehler. Dazu ein paar Anzeigen: siebenmal Drogen, je einmal Diebstahl, Betrug und Waffen. Hat die Berichterstattung über „Casablanca“ die Verdächtigen gewarnt?

Auszuschließen sei das nicht, hört man, andererseits wüssten die Betreffenden natürlich, dass ermittelt werde, seit einer Razzia vor eineinhalb Jahren. Damals waren von 72 Kneipengästen 90 Prozent bereits als mutmaßliche Diebe aufgefallen. Das setzte die Casablanca-Ermittlungen in Gang. Man versuchte, die Strukturen zu verstehen, Hintermänner ausfindig zu machen. Ob dies nun gelang und ob Casablanca fortgesetzt wird, darüber sprechen die Ermittler natürlich nicht. Offiziell diente die neue Razzia dazu, den „Rückzugsraum aufzuhellen“ und ein paar Verdächtige, nun, besser kennenzulernen.

Die Razzia sei lange vor den Kölner Ereignissen geplant gewesen, und dass die Polizei nun verstärkt in „Klein-Marokko“ auftauche, sei kein Aktionismus, beteuert ein Sprecher. „Das liegt daran, dass die Anwohner uns nun offensiv anrufen, wenn sie etwas beobachten. Das ist auch gut so.“ Aber wenn die Festgenommenen zwei Stunden später wieder auftauchen, sei das natürlich frustrierend.

Christine Holthoff und Thomas Mader

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2016-01-17 18:19
Rhein und Ruhr