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RWE-Stadion

Abschied aus Ruinen

18.05.2012 | 19:34 Uhr
Abschied aus Ruinen
Das Georg-Melches-Stadion – und im Hintergrund schon das neue. Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Das letzte Pflichtspiel steht bevor in der alten Arena. Was bleibt vom Mythos Hafenstraße?

Rot-Weiss Essen sagt Adieu. An diesem Samstag endet an der Essener Hafenstraße gegen Fortuna Köln die Regionalliga-Saison. Der Tabellenachte gegen den Siebten – nichts Besonderes. Gleichwohl ist es ein historischer Tag für den Gastgeber. Es ist das letzte Pflichtspiel im Georg-Melches-Stadion, in dessen Gängen sogar der Putz Tradition ausdünstet. Es wird, so das Motto der Saison, ein „Abschied aus Ruinen“. Denn Essen bekommt ein neues Fußball-Stadion. Gleich neben der maroden Kultarena, die vor einem halben Jahrhundert bundesweit Vorbild-Charakter besaß.

Die grauen Betontribünen ragen an der künftigen Spielstätte bereits empor. Im August zum Saisonstart soll in dem 40-Millionen-Euro-Projekt Premiere sein. Was bleibt vom Mythos Hafenstraße? Es gibt sogar eine Initiative, die die Haupttribüne als Denkmal erhalten will. Denn es waren unvergessliche Momente, die sich im Georg-Melches-Stadion abspielten, das 1945 nach Kriegsende in Trümmer lag.

Mit dem Wiederaufbau spielten dort alsbald die Besten im Westen. Auf Augenhöhe mit dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund, mit denen RWE schon mal eine Spielgemeinschaft bildete, um in Freundschaft gegen die brasilianischen Zauberer von São Paulo anzutreten. Übrigens ist Pelé seit 2005 Ehrenmitglied des Klubs. Und Freundschaft mit Königsblau seit dem Bundesliga-Skandal 1970/71 (S04 manipulierte, RWE stieg ab) bis heute für die Essener Fans unvorstellbar.

„Georg-Melches sein Stadion“, benannt nach dem Gründer und Macher des Vereins, fasste damals rund 35 000 Zuschauer. In der Zuschauerstatistik lag RWE mit vorn. Als die Fußball-Nationalmannschaft gegen Zypern in der WM-Qualifikation dort antrat, kamen über 40000, so dass sich die Menschen bis zur Torauslinie drängten. Der Sportpark an der Hafenstraße wurde als deutsche Version des legendären „Highbury-Parks“ in London gesehen. Die Tribüne ein technisches Wunderwerk, weil das Dach schwebte und keine Säule die Sicht störte. Es gab eine Turnhalle, eine Vereinskneipe und sogar vier möblierte Zimmer unterm Tribünendach, die allerdings auch, wie sich herausstellte, zum Damenbesuch einluden. Als im August 1956 gegen Racing Straßburg die Lampen an den Flutlichtmasten aufflackerten, waren die Essener stolz auf eine der ersten „Nachtspielanlagen“ in Deutschland.

Der Stern der Rot-Weißen begann zu strahlen. August Gottschalk und Helmut Rahn führten RWE 1953 zum DFB-Pokalsieg und 1955 zur Deutschen Meisterschaft. Und die unerhörte Heimstärke war ein Trumpf. Bundesliga in Bergeborbeck – die Großen des Fußballs, Weltmeister Europameister, alle reisten mit großen Respekt in den Essener Norden. Auch die Bayern mit Sepp Maier und Franz Beckenbauer hatten es dort schwer. „Wir können in Essen einfach nicht gewinnen“, stöhnte 1970 Bayern-Trainer Udo Lattek nach einem 1:3.

Unter den Torschützen war Willi „Ente“ Lippens. Der kauzige Stürmer war ein schillerndes Original. Er fummelte, machte Späße – und erzielte viele Tor. Lippens narrte Berti Vogts, Horst Höttges oder Manni Kaltz. Auf den Rängen im Georg-Melches-Stadion tobten sie, jubelten, waren entzückt. Und „Ente“ schmunzelte nur: „Ja, ja die Nationalspieler habe ich am liebsten gehabt.“

Mit Manni Burgsmüller und Horst Hrubesch brachte er das Stadion zum Kochen. Ein gefürchtetes Stürmertrio. Auch Frank Mill wirbelte für den „Schreck vom Niederrhein“, der aber finanziell belastet mit der Zeit abrutschte. 1994 wurde die legendäre Westkurve des Stadions abgerissen. Irgendwie auch ein Symbol des Niedergangs. Auch wenn RWE im gleichen Jahr noch einmal auf der großen Bühne spielte beim DFB-Pokal-Finale in Berlin gegen Bremen (1:3).

Lizenz-Entzüge, Intermezzi in der 2. Liga, Millionen-Schulden und der Absturz in die anonyme Viertklassigkeit. Aber sie dürfen sich glücklich schätzen, überlebt zu haben, denn 2010 muste der Klub Insolvenz anmelden. Rot-Weiss Essen lag erneut in Trümmern. Und die Abrissbirne hatte es an einem Tribünenblock im Stadion bereits optisch umgesetzt. Weil ein neues Stadion kommen sollte, aber nicht kam, weil die Politik zögerte angesichts der prekären Haushaltslage.

Nach dem Zwangsabstieg in die fünftklassige NRW-Liga wählte RWE selbstironisch das Motto: „Auferstanden aus Ruinen“. Sie haben sich gefangen und neu, aber bescheiden aufgestellt. Direkt in die Regionalliga zurückgekehrt, feilen sie nun an einem Neuaufbau im Neubau.

Jubel bei den Rot-Weißen, die nach dem 3:2-Sieg im Verbandspokal über den Sechstligisten SV Hönnepel-Niedermörmter in der DFB-Pokal-Hauptrunde stehen. Zum Abschied vom Georg-Melches-Stadion hat der Verein auch noch einmal zum Feiern eingeladen. Die Fans trafen sich am Donnerstag zu einem Turnier auf den „heiligen“ Rasen, am Sonntag heißt es dann „Abschied mit Legenden“, wenn sich die jungen und jung gebliebenen Idole der Rot-Weiß-Ära zu einem Spielchen treffen.

Rolf Hantel


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