Asylpolitik
Abschiebung in ein fremdes Leben
19.09.2009 | 17:57 Uhr 2009-09-19T17:57:00+0200
Artaschat. Wenige Monate erst lebt Harut in Armenien - in einem Land, dessen Sprache er kaum spricht. Doch den Behörden gilt es als Heimat des 18-Jährigen. In Deutschland hatte er beste Aussichten auf einen glänzenden Schulabschluss, bis seine Familie wegen Asylbetrugs abgeschoben wurde.
Mitten in der Nacht kamen Polizisten und rissen Harut aus dem Schlaf und aus seinem gewohnten Leben. Der in Deutschland aufgewachsene Musterschüler wurde mit seiner Familie nach Armenien abgeschoben - nur einen Tag vor seiner Schulabschlussprüfung.
Verpflanzt in ein fremdes Land
Bevor sie kamen, da war Harut ein fast normaler Junge aus dem ostwestfälischen Kirchlengern. Er war Klassensprecher, Streitschlichter an der Erich-Kästner-Gesamtschule, und er gab jüngeren Schülern Nachhilfe in Englisch. Bevor sie kamen, war die Welt für ihn in Ordnung. Am 19. Mai, um drei Uhr früh, kamen Polizisten und Mitarbeiter der Zentralen Ausländerbehörde, rissen die Familie aus dem Schlaf, bugsierten sie in einen Bus und danach in ein Flugzeug. Harut, der Junge, der so gerne sein Abitur machen wollte, lebt seitdem in Armenien. Für ihn ein fremdes Land, eines, in dem er keine Chance, keine Zukunft hat.
Vostan, nahe bei Artashat, hatte Harut am Telefon gesagt, aber der Taxifahrer aus der Hauptstadt Eriwan hat Mühe, den kleinen Ort zu finden. Also telefonieren wir noch einmal, vereinbaren einen Treffpunkt, und plötzlich steht er da, vor der Post von Artaschat, etwas verlegen lächelnd. „Die Scharfen gehen, der Nachgeschmack bleibt!” steht in deutscher Sprache auf seinem leuchtend blauen T-Shirt. Sie haben es ihm nachgeschickt nach Armenien. Seine Mitschüler aus der zehnten Klasse, die jene Abschlussprüfung ablegen konnten, die auch er beinahe geschafft hätte. Wären sie nicht gekommen, wenige Stunden vor der letzten, vor seiner Prüfung in Mathematik.
Warten auf den Einzug zum Militär
Elf Jahre seines Lebens wuchs Harut in Deutschland auf, als Kind einer Familie, die Asyl beantragt hatte und abgelehnt wurde. Nun ist der 18-Jährige hier, im Land der Eltern. Die Großeltern nahmen sie wieder auf, in ihrem mit Wellblech gedeckten Steinhaus. Vorn die staubige, unbefestigte Straße, hinten der Garten, in dem sie Tomaten, Auberginen und Bohnen anbauen. Viel mehr hat die Familie nicht. Haruts Großeltern leben von 60 Euro Rente monatlich, eine Tante arbeitet für drei Euro pro Tag in einer Bäckerei.
Wie ein Alptraum kommt Harut dies alles vor. Er und sein ein Jahr älterer Bruder Tigran schlafen seit der Abschiebung schlecht, Tigran leidet unter Angstzuständen. Deutsch, die Sprache, mit der sie aufwuchsen, sprechen sie perfekt, Armenisch nur rudimentär. Lesen oder schreiben können sie diese Sprache schon gar nicht. „Das Leben hier ist leer, pure Langeweile. Wir können nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten”, sagt Harut. Nur mühsam begreift er, dass dies nun seine Realität ist. Dies und die Tatsache, dass das Militär kürzlich anklopfte. Im November wollen sie ihn einziehen, jeden Tag rechnet er mit seiner Musterung.
Kein Asyl wegen falscher Identität
1998 waren die Vardanjans, Harut und seine Familie, nach Deutschland gekommen. Der Konflikt Armeniens mit dem Nachbarn Aserbaidschan war zwar offiziell beigelegt, sorgte aber immer wieder für Unruhe. Zudem hatte Nune Vardanjan, die Mutter, ihre Arbeit als Krankenschwester verloren. Um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bieten, beschlossen sie auszuwandern. Über Russland nach Deutschland. „Ein demokratisches Land!” hatten ihnen die Schleuser empfohlen und auch, sich als Armenier aus Aserbaidschan auszugeben.
2008 beantragten in Deutschland 22 085 Menschen Asyl, also die Anerkennung nach Artikel 16 a des Grundgesetzes. Auf dem Luftweg abgeschoben wurden in dieser Zeit 7778 Menschen. Laut Menschenrechtsorganisation Pro Asyl war das die niedrigste Antragszahl der letzten 20 Jahre.
Durchschnittlich werden 85 Prozent der Anträge abgelehnt. Die Betroffenen müssen die Bundesrepublik verlassen. Eine vorläufige, oft Jahre dauernde Duldung erhält, wer nicht reisefähig ist oder keinen Pass besitzt. Manchmal lässt auch die Situation im Herkunftsland die Rückkehr nicht zu.
Wegen dieser falschen Identität jedoch wurde ihr Asylantrag bald abgelehnt, sie selbst im Land nur geduldet, bis ihre Herkunft geklärt war. „Die Täuschung über das Herkunftland war der Grund für die Abschiebung. Unser Ausländerrecht gibt uns klar auf, wie wir vorgehen. Wir wussten, dass Harut sich in der Abschlussklasse befand, wann er jedoch seine Prüfung hatte, war uns nicht bekannt”, erklärt Paul Bischof, als Ordnungsdezernent des Kreises Herford auch Chef der Ausländerbehörde.
Fachoberschulreife um wenige Stunden verpasst
Es ist der 18. Mai 2009. Der Tag vor Haruts letzter Prüfung, mit der er die Fachoberschulreife erreichen will. Jura studieren, das ist sein Traum. Vor drei Tagen erst hat er mit Freunden seinen 18. Geburtstag gefeiert. Nun lernt er Mathematik. Nichts ahnend und etwas aufgeregt wegen der Prüfung, geht er an diesem Abend ins Bett. „Auch für mich kam die Abschiebung aus heiterem Himmel”, sagt Michael Kolostori, der Anwalt der Familie. Bis zuletzt hatte er die Vardanjans in Sicherheit gewiegt. Wegen des Gutachtens, das dem Vater eine Nervenkrankheit attestierte, werde man sie nicht abschieben.
Doch dann kommt alles anders: In diesen letzten Stunden in Deutschland telefoniert Harut wie verrückt mit Freundin Jacqueline, mit seiner Lehrerin Helena Wiebe. Doch auch ein vom Anwalt angestrengtes Eilverfahren, mit dem die Abschiebung verhindert werden soll, scheitert. Gegen Mittag des 19. Mai besteigen die Vardanjans das Flugzeug in Richtung Armenien. Harut ist verzweifelt, bricht zusammen.
Vier lange Monate sind seitdem vergangen. Und die Freunde in Deutschland, sie haben Harut nicht vergessen. Nur wenige an seiner Schule sind so beliebt wie er, der als einer der leistungsstärksten Schüler gilt. Seit er gezwungen wurde zu gehen, setzen sie sich für ihn ein. Sammelten Unterschriften und Geld, engagierten eine Anwältin, sprachen beim Weihbischof vor, bei Ministerpräsident Rüttgers. Und der öffentliche Druck wirkt: Weil sich die Mutter seines Freundes bereit erklärt, Harut aufzunehmen, bis er sein Abitur gemacht hat, nimmt die Ausländerbehörde tatsächlich die Abschiebung zurück.
Die Hoffnung sinkt
Haruts Rückkehr stünde eigentlich nichts mehr entgegen. „Wenn er denn einen Pass h��tte...”, sagt Catrin Hirte-Piehl, Haruts Anwältin, „den bekommt er aber erst nach dem Militärdienst”. Die Chance, dass ihm die deutsche Botschaft einen Ausländerpass ausstellt, mit dem er ein Visum für Deutschland beantragen könnte, beurteilt die Asyl-Expertin als schlecht: „Die deutsche Botschaft in Armenien gilt als eine der härtesten!”
So ziehen die Tage für Harut vorbei. Und mit jedem sinkt die Hoffnung. Aufstehen. Mit den neuen Freunden zusammen sitzen. Essen. Schlafen. Mehr nicht. Die Bücher der elften Klasse, die er sich von seinen Lehrern schicken ließ, rührt er nicht mehr an: „Ich kann nicht erst zum Militär und mit 20 in die elfte Klasse”.
Als wir wegfahren, von Harut und seiner Familie, stieben die schwarzen Hühner der Nachbarn durch den Staub der Straße. Und Harut schließt die Tür hinter sich.
Demnächst: Wie Haruts Schule für seine Rückkehr kämpft.
14:58
Die Abschiebung seiner Eltern war richtig! Wenn er tatsächlich in seinem sozialen Umfeld engagiert und integriert ist wie es dargestellt wird hätte man ihm ermöglichen sollen hier zu bleiben -soviel Menschlichkeit sollte der Deutsche Sozialstaat aushalten können!
14:15
Wieviel Geld hat seine Familie und er bisher gekostet? Vor Monaten war ein Artikel von einem armen Pakistani der nach 11 Jahren, zu Recht, abgeschoben wurde! Vielleicht übernehmen die WAZ-Redakteure die Kosten für einen Aufenthalt in Deutschland? Millionen von Illegalen bestehenm aus Einzelschicksalen und Deutschland kann nicht alle Armen der Welt aufnehmen!
Schon jetzt stehen die Städte vor dem wirtschaftlichen Ruin! Die Kosten für Sozialleistungen haben sich verdreifacht. Warum werden unsere Steuern und Gebühren immer höher?!!!
03:05
So eine scheiße man, ich kannte Harut auch, er war damals eine Klasse unter mir.
Leider ist er jetzt beim Militär, bleibt nur noch abzuwarten, ob es dort irgendwie noch ein Schlupfloch gibt!!!!!!
00:21
Unglaublich was es hier für total ignorante Leute gibt. Wie kann man bloss sooo dumm sein ??? Sry , aber euch zeichnet nix menschliches aus. Ich hoffe ihr kommt irgendwann zur Vernunft. Denkt mal darüber nach, wahrscheinlich hat dieser Junge mehr drauf gehabt , als ihr Schwachköpfe. Euch sollte man abschieben , unzwar ins offene Meer. Die Familie MUSS sich Leistungen holen , die der Steuerzahler bezahlt und nicht, weil sie es wollen. Man hat mit einer Duldung keine Arbeitserlaubnis .Ey das regt so auf , wie ihr drauf seid. Lest euch mal einwenig in eurer eigenen Geschichte ein , bevor ihr sone dummen Aussagen trifft.Es ist einfach nur erbärmlich Leuten einen festen Aufenthalt zu geben nur weil man sich dazu verpflichtet fühlt. Tztztztz
19:07
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12:17
Der Junge kann nichts für die Tat seiner Eltern - und selbst die wollten hier bestimmt nur ein vernünftiges Leben führen.
Kann man es ihnen verdenken?
Viele werfen dem Artikel Gutmenschentum auf - was ist daran so schlimm, an diesem besagten Gutmenschentum?
Ist es nicht besser, als so abscheulich kalt zu sein, wie es in dieser Welt sowieso schon die Regel ist?
09:04
Es sind Bücher geschrieben und Filme darüber gedreht worden, wozu Menschen gezwungen werden, um ins gelobte Land zu kommen. Deutschland ist so ein gelobtes Land. Selbst jeder Harz4-Empfänger gehört zu 1% der priviligierten Weltbevölkerung. Da ist der geschilderte Betrug eines der kleinsten Übel.
Am Ergebnis gibt es sachlich nichts zu mäkeln, der Staat hat nach Recht und Gesetz gehandelt, das Gesetz ist bekanntlich für alle da. Aber da gibt es noch Achtung und Mitleid für Harut, der zwar reicher heimgekehrt als er gekommen ist, er hat ja eine gute Bildung genossen, die viele in unserem reichen Land versäumen, ich hätte trotzdem anders entschieden, halleluja
22:56
Mal abgesehen davon, dass ich durchaus der Meinung bin, er sollte hier seine Ausbildung beenden können, ist die Art der Berichterstattung unterste Schublade und peinlich. Das ist unter Bildzeitungsniveau.
Wenn ein armenischer Staatsbürger, der als Kind nach Deutschland kam, in ein fremdes Land verpflanzt wird, ist das horrender Schwachsinn, es ist sein Vaterland. Ein Kind, das mit seinen Eltern im einige Jahre im Ausland gelebt hat und dann nach Deutschland zurückkehrt (was häufiger vorkommt), wird doch auch nicht in ein fremdes Land verpflanzt. Einfach nur fassungslos, was da für ein Unsinn geschrieben wird.
In ein fremdes Land wurde er verpflanzt, als seine kriminellen Eltern ihn illegal nach Deutschland eingeschleust haben.
13:34
Hollands,
hier irrst du ! Die Eltern sind vertretungsberechtigt für ihre minderjährigen Kinder. Deshalb müssen sich die Kinder deren Verhalten zurechnen lassen. Dies ist nicht mei-ne, sondern die Meinung des BVerwG.
Schließlich haben die Kinder ja auch von der Entscheidung, Armenien zu verlassen, 11 Jahre profitiert.
So gilt es übrigens für alle - auch deutsche- Minderjährige.
Im Übrigen ist man im Ausländerrecht mit 16 Jahren handlungsfähig, aber mit 18 auch volljährig.
Er wird schon über seine wahre Identität Bescheid gewusst haben.
11:34
Der einzigste vernünftige Kommentar kommt von einen Armenier. M.E. ist Sippenverurteilung hier angesagt. Der Junge kann doch nicht für die Sünden seiner Eltern.