DGB-Jugend lädt ein zu "90 Minuten gegen Rechts"
12.12.2011 | 18:12 Uhr 2011-12-12T18:12:00+0100
Dortmund. „90 Minuten gegen Rechts“ ist der Titel einer Aktion der DGB-Jugend. Ehrenamtliche besuchen auf Einladung von Lehrern Schulen, um Jugendliche stark zu machen gegen rechtsextremes Gedankengut. Woche für Woche stehen die Ehrenamtlichen vor den Klassen, um mit den Schülern über rechtsextreme Symbole, Codes, Klamotten, Musik und Ideologie zu reden. Ein Besuch in der 8b einer Dortmunder Hauptschule.
Wie erkennt man eigentlich einen Ausländer? Dennis sagt: „Na, die haben doch alle so komische Namen. Die Polen immer -inski am Ende, die Türken heißen Achmet oder Mohamed oder so.“ „Deshalb müssen es doch keine Ausländer sein. Podolski oder Mehmet Scholl, sind das Ausländer?“, hakt Christoph nach. „Ausländer haben meistens dunkle Haare und braune Augen. Deutsche sind blond und blauäugig“, sagt einer. „Ey Alter, ich habe auch dunkle Haare und bin Deutscher.“ Also was jetzt? Klischees in jungen Köpfen.
„Die sehe ich jeden Tag in meinem Viertel“
Es ist die Klasse 8b der Hauptschule in Dortmund-Kley. Christoph, 30 Jahre alt und Karola (25) sind auf Einladung der Klassenlehrerin Verena Schwarz gekommen, um mit den 13- bis 15-Jährigen Schülern über Neonazis zu reden. „90 Minuten gegen Rechts“ heißt die Aktion der DGB-Jugend. Woche für Woche stehen die beiden Ehrenamtlichen vor mehr oder weniger interessierten Schülern, um mit ihnen zu diskutieren über rechtsextreme Symbole, Codes, Klamotten, Musik und Ideologie. Ihre richtigen Namen wollen die beiden nicht in der Zeitung sehen. Ein Foto? Lieber nicht. Karola wohnt im „braunen Dorstfeld“, Christoph in der Nordstadt. „Das würde Probleme geben.“
Ganz normale Leute
Kevin wippelt schon nach zehn Minuten mit dem Stuhl herum. Dennis sagt: „In der Nordstadt wird zu viel geschlagen. Wenn man da hingeht, kriegt man Prügel von Türken.“ Wie Neonazis aussehen, will Christoph wissen. „Die sehe ich jeden Tag in meinem Viertel“, sagt einer. Glatze, Springerstiefel, Bomberjacke. Aber so einfach ist das nicht, weiß Dennis: „Da sind ganz normale Leute dabei, Familienväter. Die kann man gar nicht erkennen.“
Langsam tasten sich Christoph und Karola an die Jugendlichen heran, wollen erfahren, was sie denken, wollen zeigen, woran man rechte Symbole und Musik erkennt, was sie bedeuten, sie aufmerksam machen für die Gefahren und sie dadurch stärken. Zu Hause bekommen die Schüler oft keine Antworten auf ihre Fragen. Viele sind uninformiert, politisch naiv – eine leichte Beute für rechtsextreme Gedanken. Wer in diesem Alter in die Kreise der Neonazis gerät, ist für andere Jugendgruppen so gut wie verloren.
Keine Ahnung von Politik
„Kennt ihr eine rechtsextreme Partei?“, fragt Karola. Schweigen. „Die SPD?“, flüstert ein Mädchen schließlich. Keiner lacht. Die CDU auch nicht, das C steht für christlich, weiß Lea. Ein Junge murmelt: „Die Piratenpartei?“ So dumm ist das nicht, er hatte an den Totenkopf gedacht, und das ist ja auch ein Nazi-Symbol. „Nee“, sagt Christoph und muss die Sache erklären.
„Denkt mal nach. Die Partei war jetzt oft im Fernsehen wegen der Morde.“ Sie kommen nicht drauf, Christoph muss vorsagen: die NPD. Da fällt Dennis ein: „Ja, Plakate von denen habe ich gesehen. Da war eine türkische Frau drauf. Die guckte so komisch.“ Karola sagt: „Richtig. Darauf stand: Gute Heimreise.“ Dennis und Tim lachen. „Ihr lacht jetzt darüber“, sagt Christoph sauer. „Aber das ist nicht witzig.“ Dass die Schüler keinen Schimmer von Politik haben, ist für die Referenten nichts Neues. „Die hier waren insgesamt noch echt fit“, meint Christoph später. In drei, vier Jahren dürfen sie wählen.
SS-Totenkopf
Karola legt Karten mit Symbolen auf den Boden: Totenkopf, Runen, Hammer und Sichel, weiße Faust, Che Guevara, Lonsdale, solche Sachen. Die Schüler sollen sie politisch einordnen. Den SS-Totenkopf hat ein Junge schon mal auf einer CD gesehen. Die Musik hat er gehört, aber die Texte nicht verstanden. Auch Lea kennt es: „Manche haben es auf dem T-Shirt.“
Bei der Karte mit dem Palästinensertuch kommen sie nicht weiter. Wo liegt Palästina? „Im Süden?“, rät jemand. Gegen wen kämpfen sie? „Gegen die Iraker?“ Nein, es geht um Israel! Wer lebt in Israel? „Die Juden“, Was sind Juden? „Keine Ahnung.“ Wieso tragen auch Nazis häufig diese Tücher? „Weil sie gegen Juden sind?“ Christoph atmet auf. „Ja!“
„Die sind zu blöd, um selbst zu denken“
Es ist mühsam. Zu vieles muss erklärt werden, zu vieles bleibt für die Jugendlichen diffus. Wie sollen sie da ihre Position finden in der Welt? Kommunismus, Nationalsozialismus, der Palästinenserkonflikt, die Judenverfolgung – und was war nochmal DDR? „Wir können alles nur anreißen“, sagt Karola. „Das muss die Schule leisten.“
Ein Erfolgserlebnis aber gibt es. Die Schüler merken, dass sich die Neonazis viele „linke“ Symbole wie Che Guevara, das Palästinensertuch oder Kleider-Marken einverleibt haben. Chiara erkennt: „Die Rechten haben die meisten Sachen ja geklaut! Haben die nichts Eigenes? Die sind zu blöd, um selbst zu denken.“
Netzwerk Courage
„90 Minuten gegen Rechts“ ist angebunden an das „Netzwerk für Demokratie und Courage“ (NDC) der DGB-Jugend NRW in Bielefeld. Die wachsende Nachfrage übersteigt die Personalkräfte beim NDC. Etwa 300 Schulbesuche zählt das Projekt pro Jahr, doch allein in diesem November waren es rund 50. Internet-Kontakt: http://90-minuten-gegen-rechts.de