Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Grubenunglück

70 Jahre Grimberg 3/4 - schlimmstes deutsches Grubenunglück

20.02.2016 | 07:42 Uhr
70 Jahre Grimberg 3/4 - schlimmstes deutsches Grubenunglück
Jürgen Lenz verlor beim Grimberg-Unglück den Vater – und sieben Jahre später auf der gleichen Schachtanlage auch den Stiefvater.Foto: Ralf Rottmann

Bergkamen.   Das schlimmste deutsche Grubenunglück jährt sich am Samstag zum 70. Mal. 408 Menschen starben auf Schacht Grimberg ¾ im heutigen Bergkamen.

Am Samstag wird Jürgen Lenz wieder den Weg gehen, den er schon an der Hand der Mutter ging vor über 60 Jahren, später dann als Schüler, als Arbeiter, als Bergrentner, immer. Der Weg führt vom Parkplatz über den Friedhof einen kleinen Hügel hinauf, auf dem ein Ehrenmal steht: ein Turm, daneben die Figur eines Bergmanns, der sich auf die Hacke stützt, und einer Mutter, die ihr Kind tröstet. Und dann stehen da die Namen der Toten. Wie: Richard Lenz. „Mein Vater ist auch da geblieben“, sagt Jürgen Lenz, der Sohn.

Wegen der Brände wird die Anlage nach anderthalb Jahren geflutet

Das schlimmste deutsche Grubenunglück jährt sich am Samstag zum 70. Mal. Am 20. Februar 1946 starben auf der Schachtanlage Grimberg ¾ im heutigen Bergkamen 405 Bergleute und drei britische Besatzungsoffiziere. 283 Frauen in Bergkamen und Umgebung wurden zu Witwen gemacht, 433 Mädchen und Jungen zu Halbwaisen. An die Toten erinnert die Gedenkfeier, zu der der 72-jährige Lenz nun geht. Hunderte Kumpel in Tracht werden da sein, und die „Bergwerkskapelle Ost“ spielt das Steigerlied.

Lesen Sie auch:
Denkmal erinnert an über 400 Tote

Sechs Jahre nach dem Grubenunglück auf der Zeche Grimberg 3 / 4 mit über 400 Toten wurde am 20. Februar 1952 auf demKommunalfriedhof in Weddinghofen...

Und, natürlich: „Ich hatt’ einen Kameraden.“

Was geschah an jenem 20. Februar, das ist klar, aber nicht, was am Anfang stand. Gegen 12.05 Uhr entzündet ein Funke unter Tage ein Luft-Methangas-Gemisch. Der Schlagwetterexplosion folgt eine Kohlenstaubexplosion, man muss sich das vorstellen wie eine Laufexplosion durch die Grube. Sie löscht fast die gesamte Frühschicht auf Grimberg ¾ aus, noch über Tage sterben drei Männer, erschlagen von herumfliegenden Teilen. Der letzte Überlebende stirbt 2015. „Ich habe so viel Glück gehabt im Leben“, sagte er im Jahr 2010 n-tv.

„Ein Unglück von derartigem Ausmaß war einzigartig“

„Ein Unglück von derartigem Ausmaß war einzigartig“, sagt Martin Litzinger (60), der Stadtarchivar. Retter drangen vor durch Nachexplosionen und Brände, doch viele Tote konnten sie nie mehr finden. Im Sommer 1947, anderthalb Jahre später (!), wurde die Anlage geflutet, um die Brände zu löschen, die immer wieder aufflackerten. 1948 wurde sie wieder eröffnet und, so Litzinger, „wegen der großen Zerstörungen praktisch neu angelegt“. Erst 1952 konnte hier wieder Kohle gefördert werden.

Auch Jürgen Lenz ging auf die Zeche, aber unter Tage war er nur in der Lehrzeit. „Es gab verschiedene Leute in der Verwandschaft, die nicht wollten, dass ich da unter Tage gehe“, erinnert er sich. Schließlich wurde er Werkschützer, oben. An den Vater hat er keine Erinnerung, er war im Februar 1946 erst zwei Jahre alt. Und seine Mutter hat das Thema Grimberg umgangen: „Wenn die Leute anfingen, darüber zu reden, dann hat sie immer gesagt: Ach, hört doch auf, ihr wisst ja doch nichts.“

Bewetterung wurde mit tieferen Gruben immer schwieriger

Was der Auslöser war für so viel Unglück, das ist tatsächlich bis heute ungeklärt. „Initial: unbekannt“, so zitiert Michael Farrenkopf aus dem Buch „Grubenunglücke im deutschsprachigen Raum“, das er selbst mit schrieb. Der Funke könne etwa aus dem Geleucht eines Bergmanns gekommen sein, aus Sprengwerk unter Tage oder aus einer defekten elektrischen Anlage. „Da müsste man nochmal ernsthaft drüber forschen.“

Farrenkopf leitet das „Montanhistorische Dokumentationszentrum“ in Bochum und beschreibt, dass die verheerende Kombination aus Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion nach 1850 etwa 100 Jahre eine Seuche im europäischen Bergbau war. Denn der grub immer tiefer, und ohne freie Stollenausgänge wurde die Bewetterung immer schwieriger. Radbod bei Hamm 1908: 349 Tote. Courrieres in Nordfrankreich 1906: 1099 Tote. Die letzte, Luisenthal im Saarland im Februar 1962: 299 Tote. Dazwischen dutzende andere.

Am Samstag, auf dem Hügel mit dem Ehrenmal, wird Jürgen Lenz nicht nur an seinen, wie er sagt, „ersten Vater“ denken. Denn er bekam einen „zweiten Vater“, einen Stiefvater, Willi Droste. Droste kommt 1953 auf Grimberg ¾ unter Steine und stirbt. „Danach hat meine Mutter gesagt: Ich heirate nicht mehr, ich bring’ den Männern kein Glück.“

Und dabei blieb es dann auch.

Hubert Wolf

Kommentare
20.02.2016
11:21
70 Jahre Grimberg 3/4 - schlimmstes deutsches Grubenunglück
von Dittsche | #2

Und immer sind sie da, die Spuren eures Lebens, Gedanken, Bilder und Augenblicke.
Sie werden uns an die Kumpels erinnern, uns glücklich und traurig...
Weiterlesen

Funktionen
Fotos und Videos
Leben in einem Ballon
Video
Wohnexperiment
Faszination Vespa
Video
Video
article
11567300
70 Jahre Grimberg 3/4 - schlimmstes deutsches Grubenunglück
70 Jahre Grimberg 3/4 - schlimmstes deutsches Grubenunglück
$description$
http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/70-jahre-grimberg-3-4-schlimmstes-deutsches-grubenunglueck-id11567300.html
2016-02-20 07:42
Rhein und Ruhr