Wo dicke Kinder und Jugendliche Hilfe finden

Corline und Melanie fühlen sich heute wieder wohl in ihrem Körper. Noch vor einem Jahr waren beide adipös.
Corline und Melanie fühlen sich heute wieder wohl in ihrem Körper. Noch vor einem Jahr waren beide adipös.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Immer mehr Heranwachsende sind übergewichtig. Im Oberhausener Adipositas-Zentrum wird ihnen geholfen. Caroline und Melanie waren bereits erfolgreich.

Oberhausen.. Vor vier Jahren hatte es noch gepasst – das bordeauxrote Kleid, das sie zur Hochzeit ihrer Cousine getragen hatte. Dann hing es nur noch im Schrank, denn Caroline* aus Duisburg nahm immer weiter zu. Zu Beginn des vergangenen Jahres wog die damals 15-Jährige 90 Kilo – bei einer Größe von 1,65 Meter. Die Duisburgerin war adipös, ihr Body-Mass-Index (Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat) also überdurchschnittlich hoch.

Damit folgte die Schülerin einem traurigen Trend: Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge sind in Deutschland 15 Prozent aller Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig, jeder Zweite bis Dritte davon ist sogar adipös. Und das hat Folgen. Denn extremes Übergewicht – haben oder nicht haben – ist keine Frage der Schönheit, die Gesundheit leidet.

Expertin: Übergewichtige Kinder leiden sehr unter Hänseleien

Dr. Susanna Wiegand von der „Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ kennt die Risiken: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Durchblutungsstörungen etwa. „Adipositas vor allem im Kindesalter kann erhebliche orthopädische Probleme verursachen.“ Kinder und Jugendliche sind noch nicht ausgewachsen, Gelenkschäden, X-Beine oder Plattfüße oft die Folge. „Übergewichtige Kinder und Jugendliche sind zudem im erheblichen Maße von Hänseleien und Mobbing betroffen, mehr noch als Erwachsene.“ Essstörungen, ein geringes Selbstwertgefühl und Depressionen könnten ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. „Wobei man fragen muss: Was war zuerst da, das Übergewicht oder die Depression, die zur Adipositas führte?“

Caroline machte sich keine Gedanken: „Ich habe einfach mit Eiskunstlaufen aufgehört und auch mit Schwimmen. So fing es an.“ Bis es nicht mehr ging und der Kinderarzt zu einer Therapie riet. „Ich wollte wieder in schöne Sachen passen. Das war mit meinem Gewicht aber nicht mehr möglich.“

Essen wurde zum Stressabbau

Im Oberhausener Adipositas-Zentrum lernte Caroline die zwei Jahre jüngere Melanie* kennen. Auch sie war mit einem Gewicht von 90 Kilogramm adipös. „Es hat begonnen, als meine Mutter wieder angefangen hat zu arbeiten.“ Essen wurde zum Stressabbau, der Gang zum Kühlschrank aus Langeweile zur Routine. „Ich habe mich irgendwann nicht mehr wohlgefühlt“, gibt Melanie zu.

Hilfe finden sie bei Dr. Annette Chen-Stute, der ärztlichen Leiterin des Adipositas-Zentrums in Oberhausen. Sie hat die „Therapie der Obesitas (Fettleibigkeit) mit Motivation“, kurz T.O.M., ein Therapieprogramm für adipöse Kinder und Jugendliche entwickelt. Dabei spiele nicht nur gesunde Ernährung und Sport eine wichtige Rolle. Denn Übergewicht ist, so Chen-Stute, vor allem Kopfsache.

Heranwachsende können sich Gewohnheiten noch abgewöhnen

„Das Gehirn hat in der Pubertät noch mal die Chance, sich zu entwickeln“, erklärt die Expertin. Gewohnheiten können noch abgewöhnt werden, darauf zielt ihre Verhaltenstherapie ab. Für die Kinder und Jugendlichen heißt das: weg vom impulsiven, unüberlegten Essen. „Daher ist es wichtig, erst einmal zu erkennen, wo Fehler liegen.“

Warum manche Menschen so viel essen, das untersucht Dr. Marlies Pinnow, Motivationspsychologin an der Ruhr-Universität Bochum. „Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder sehr impulsive Menschen werden häufiger dick“, erklärt Pinnow. „ADHS-Kinder nehmen mehr auf, sie sind offener für Störreize wie zum Beispiel Werbung.“ Und da gehe es eben oft ums Essen – fettig und süß.

"Es gibt viele Weg zu einem neuen Lebensstil"

Hinzu kommt: Adipöse Jugendliche nehmen ihren Körper falsch wahr, ein ähnliches Verhalten wie bei Magersüchtigen, weiß Dr. Marlies Pinnow. „Mädchen mit Anorexie zum Beispiel sehen sich selbst immer dicker als sie sind – sie haben eine falsche Selbsteinschätzung. Bei adipösen Jugendlichen ist es genau andersherum – ihr Spiegelbild erscheint ihnen schlanker.“ Daher sei es wichtig, sich erst einmal „selbst zu erkennen“, resümiert Dr. Chen-Stute.

„Es gibt viele Wege zu einem neuen Lebensstil, in den auch die Familien eingebunden sind. Das Team aus Ärzten, Ernährungsberatern und Sportlehrern hilft den Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit ihren Eltern, einen Weg dorthin zu finden.“ Ein Ziel zum Beispiel sei, das Gewicht zu halten und dabei zu wachsen, „Jugendlichen sollten entsprechend ihres Ausgangsgewichts ruhig ein paar Kilo abnehmen“.

Das bordeauxrote Kleid war Carolines Ziel, das, das sie zur Hochzeit ihrer Cousine getragen hatte. Nach einem Jahr ist sie angekommen: Caroline ist 16 Jahre alt und sie hat 13 Kilo abgenommen.