Wieviel Internet darf es sein? Zwei Familien erzählen

Den bewussten Umgang lernen: Madeleine (9) mit ihrer Mutter Johanna Rieger.
Den bewussten Umgang lernen: Madeleine (9) mit ihrer Mutter Johanna Rieger.
Foto: Kai Kitschenberg
In vielen Familien ist der Medienkonsum der Kinder ein großes Diskussionsthema. Manche Eltern reglementieren ihn, andere sind laxer.

Ruhrgebiet.. Morgende gibt es, da kommt Leon, ihr Jüngster, an den Frühstückstisch, sagt nicht einmal „Guten Morgen“, sondern fragt als erstes: „Wie lange darf ich heute mit dem iPad spielen?“ Das nerve sie manchmal extrem, sagt Franziska Lösing*. Dabei bezeichnet sich die Bürokauffrau aus dem Ruhrgebiet selbst durchaus als technikaffin. Doch die neuen Medien, so Leons Mutter, seien eben nur ein Teil des Lebens, neben Schule, Sport und Freunden und dürften es nicht dominieren.

Schon Dreijährige klicken sich durchs Netz, bei den Sechsjährigen geht jeder Dritte online, stellt eine neue Studie über „Kinder in der digitalen Welt“ fest. Eltern seien stark verunsichert, befinden Forscher des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet und des Heidelberger Sinus-Instituts nach einer Befragung von 1000 Kindern und 1800 Eltern.

Und egal, wie locker oder reglementiert Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Kinder umgehen, ein Thema ist es wohl in allen Familien. Da werden Zeiten festgelegt und Programme kontrolliert, da geht es um die Frage, wann der Nachwuchs ein Handy bekommt, den ersten Computer oder ein iPad – und wie er sie nutzen darf. Und klar ist auch dies: Es gibt immer andere – Freunde, Klassenkameraden – die garantiert viel mehr dürfen, haben, können.

Es wird schwerer, je älter die Kinder werden

Franziska Lösing und ihr Mann haben für den sechsjährigen Leon und seinen Bruder Paul (10) zwei bis drei medienfreie Tage pro Woche festgelegt. Das heißt: Kein Fernsehen, kein Computer, kein iPad. Aber auch wenn die Kinder im Internet surfen, wenn sie Spiele runterladen, „gucke ich drauf, ob das alles altersgerecht ist“, sagt Franziska Lösing. Und sie ist sich bewusst, dass das um so schwieriger ist, je älter ihre Jungs werden.

Szenenwechsel in den bürgerlichen Süden Essens: Hier lebt Johanna Rieger (31) mit ihrer Tochter Madeleine (9). Ein Haushalt mit Hund und Katze, mit behütenden Großeltern im Erdgeschoss. Und obwohl Johanna Rieger als Erzieherin arbeitet, sich auch der Gefahren des Medienkonsums bewusst ist, „lasse ich Madeleine bei vielem sehr freie Hand, ich vertraue ihr“.

Mit acht Jahren bekam Madeleine einen eigenen Fernseher, vor einem halben Jahr ein Handy. Auch „ein Nintendo musste mal sein, aber der liegt meist nur rum“, sagt Johanna Rieger. Aus dem Flur dringt während unseres Gesprächs regelmäßig ein „Clockclock“ ins Wohnzimmer und Madeleine lächelt: WhatsApp! Natürlich ist sie auch da verbandelt, mit der Mama, dem Papa, Oma und Opa, mit ihren Reitfreundinnen.

Doch wer nun meint, Madeleine, die Zweitklässlerin sei ständig „on“, weil Mama es lässig nimmt, täuscht sich. „Das ist wie mit den Süßigkeiten, die liegen hier im Wohnzimmer rum und Madeleine könnte sich immer davon nehmen“, sagt die Mutter, und ihre Tochter fährt dazwischen: „Aber ich frage immer!“, und die Mutter fährt fort: „Vor allem isst sie selten Süßes!“

Das Handy: Sicherheit und Risiko

Tatsächlich kommt Madeleine vor lauter Hobbys kaum dazu, am Computer zu sitzen. Die Nachmittage verbringt sie gern auf dem Reiterhof, sie geht schwimmen, spielt Theater und trifft sich mit Freundinnen auf der Straße. Auch Johanna Rieger sieht genau hin, was ihre Tochter am Computer macht. Facebook und Google sind tabu. „Da weiß man ja nie, was da aufploppt . . .!“, sagt Rieger, statt dessen surft ihre Tochter über die Kinder-Suchmaschine „FragFinn.de“.

Wie auch der älteste Sohn von Franziska Lösing, Paul, erhielt Madeleine ihr erstes Handy, weil die Eltern sich sorgten, wenn das Kind allein zu Freunden unterwegs war, allein Straßenbahn fuhr. Paul, der die Gesamtschule besucht, wird zum elften Geburtstag ein neues Smartphone geschenkt bekommen. Und schon jetzt sorgt sich seine Mutter, er könne vor lauter „Zocken“ am Handy, „halbblind über die Straße rennen“.

* Namen geändert

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE