Wie Essens neues Stadion zu einem teuren Desaster wurde

Sündhaft teurer Rasen: Das RWE-Stadion an der Hafenstraße mit seinen 20.650 Plätzen hat unterm Strich etwa 64,4 Millionen Euro gekostet.
Sündhaft teurer Rasen: Das RWE-Stadion an der Hafenstraße mit seinen 20.650 Plätzen hat unterm Strich etwa 64,4 Millionen Euro gekostet.
Foto: Stefan Arend
Was wir bereits wissen
Doppelt so teuer wie vorgesehen, verschwundene Verträge, zweckentfremdete Museumsgelder: Beim Bau der RWE-Arena lief so gar nichts rund.

Essen.. Als der Essener Stadtrat mit großer Mehrheit den Beschluss fasste, das altehrwürdige Georg-Melches-Stadion abzureißen und an der Hafenstraße eine moderne Fußballarena für 20.000 Zuschauer zu bauen, ließ Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger (CDU) sich zu diesem Kommentar hinreißen: „Nur der RWE!“ In diesen Tagen des Jahres 2009 trugen Kommunalpolitiker gerne mal die Vereinsfarben von Rot-Weiss Essen zur Schau. Fanschals sind im Rat inzwischen aus der Mode gekommen, was weniger den sportlichen Leistungen des in die Regionalliga-West abgerutschten Deutschen Meisters von 1955 geschuldet sein dürfte als dem Stadion-Desaster.

Millionen für die „Berater“

Denn über dem 2012 fertig gestellten Zweckbau liegt ein Schatten, seit öffentlich geworden ist, dass so gar nichts rund lief. Rund 50 Millionen Euro statt der ursprünglich vom Rat beschlossenen 31,3 Millionen hat der Bau gekostet. Insgesamt flossen gar 64,4 Millionen Euro in das „Projekt Fußball“. Millionen gingen etwa an eine Unternehmensberatung, die dafür viel nutzloses Papier produzierte.

Stadion Essen Wie kann das sein? Verträge, die diese Frage beantworten könnten, sind unauffindbar. Als bekannt wurde, dass Treuhandgelder in Millionenhöhe im Stadion verbaut wurden, die für die Instandhaltung des renommierten Museum Folkwang zurück gelegt werden sollten, war der Skandal perfekt.

Wer auch nur ansatzweise verstehen will, was da schief gegangen ist, muss einige Jahre zurück blicken. Lange bevor der Rat 2009 den Neubau auf den Weg brachte, ging der damalige RWE-Präsident Rolf Hempelmann mit Neubauplänen hausieren. Weil der SPD-Bundestagsabgeordnete bis auf bunte Plänchen nicht viel Handfestes vorlegen konnte, nahm sich die Stadtspitze des Projektes unter Federführung von Stadtdirektor Christian Hülsmann (CDU) an. Hülsmann ist heute Aufsichtsratsvorsitzender von Rot-Weiss Essen. Selbstbewusst sagt er: „Das Stadion ist mein Kind.“

Bei der Kommunalaufsicht sind sie restlos bedient

Noch im Amt hatte der CDU-Mann jene breite politische Allianz im Rat der Stadt geschmiedet, der es bedurfte, um das Vorhaben nicht zuletzt bei der Kommunalaufsicht in Düsseldorf durchzusetzen. Dort sind sie restlos bedient, seit öffentlich wurde, wie sehr die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind. Als Kommune, die aus dem Stärkungspakt des Landes hunderte Millionen erwarten darf, steht Essen in Düsseldorf unter besonderer Beobachtung. Wurde auch deshalb nicht mit offenen Karten gespielt?

Dass so manche politische Weiche offensichtlich hinter verschlossenen Türen in informellen Runden gestellt wurde, fällt dem Stadtdirektor a. D. nun vor die Füße. Dass Verträge plötzlich unauffindbar sind, kann auch er nicht erklären. Aber Hülsmann steht als sinistrer Strippenzieher da. Das fällt auf seine Partei zurück. Denn es ist Wahlkampf. Im Herbst wählen die Essener ein neues Stadtoberhaupt; wie 2009, als alle maßgeblichen Parteien im Rat der Stadt für ein neues Stadion waren. Auch Amtsinhaber Reinhard Paß (SPD), für den der Neubau nie ein Herzensprojekt war. Nach seinem Wahlsieg ließ Paß sich dennoch mit Stadtdirektor Hülsmann im abbruchreifen Georg-Melches-Stadion ablichten. Wenige Monate später drehte Paß Rot-Weiss Essen den Geldhahn zu, weil er kein Vertrauen in die damalige Vereinsführung hatte. Rot-Weiss Essen ging insolvent, Millionen verloren.

Wer trägt die politische Verantwortung beim Stadion-Desaster? Wer klärt auf? Wer blockiert? Aufklärung liefern könnte Andreas Hillebrand, mittlerweile geschasster Geschäftsführer der städtischen „Grundstücksverwaltung Essen“ (GVE), die das Stadion gebaut hat. Der Verwaltungsmann mit SPD-Parteibuch gilt als bestens vernetzt, im Rathaus genoss er den Ruf eines Problemlösers. Nun ist er Teil des Problems. Sein Aufsichtsrat hat ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt und erfuhr erst danach, dass der Geschäftsführer bei den Stadionkosten mit falschen Zahlen hantiert haben soll. Warum nur? Hillebrand schweigt, und die Stadt prüft arbeitsrechtliche Konsequenzen gegen ihren Mitarbeiter. Seit dem 1. Juli arbeitet Hillebrand bei der Feuerwehr.