Wie Dortmund und Gelsenkirchen die Babys beglücken

Mats, Henri und Felix testen die Geschenke, die Revier-Städte ihren Neubürgern machen.
Mats, Henri und Felix testen die Geschenke, die Revier-Städte ihren Neubürgern machen.
Foto: Tim Schulz
Dortmund, Gelsenkirchen und Bochum verstehen die Kunst der Baby-Beglückung. Die Fußball-Maskottchen Biene Emma, Erwin und Bobbi Bolzer spielen den Ball ins Kinderzimmer. Städte und Bundesligisten bilden in diesem Spiel ein Team. Die meisten Eltern sind damit zufrieden. Aber wehe, wenn sich einer beschwert.

Essen.. Mancher sagt: Die Liebe zum Fußball wurde mir in die Wiege gelegt. Dort, wo diese Liebe besonders prächtig blüht, im Ruhrgebiet also, ist das nicht nur im übertragenen Sinne wahr. An die Wiegen junger Dortmunder, Gelsenkirchener und Bochumer werden tatsächlich fußballerische Gaben herangetragen, die freundliche Gefühle wecken und – im Fall des BVB – sogar in „Echte Liebe“ münden sollen: BVB-Schnuller und -Rasseln, Schalke- und VfL Bochum-Lätzchen.

Die Städte selbst machen Eltern von Neugeborenen dieses Angebot zur frühkindlichen Prägung. Die Vereine freuen sich, die Städte freuen sich, die meisten Eltern auch – aber nicht alle.

Natürlich können Eltern einen BVB-Schnuller ablehnen. Heimlich, still und leise Nein sagen zu dem Nuckel. Lehnt man ihn aber laut und öffentlich ab, kann man in Dortmund was erleben. Dann macht die Stadt: Rabääh!

Alexander Kerlin, Dramaturg am Dortmunder Schauspielhaus, hat diese Erfahrung gemacht. Er beschwerte sich in einer Kolumne für die Ruhr-Nachrichten über die städtischen BVB-Geschenke an seine kleine Tochter. „Echte Liebe“ lasse sich nicht verordnen, findet Kerlin.

Kinder sollten sich ihren Lieblingsverein selbst aussuchen dürfen. Und: „Es ist ganz schlechter Stil, eine Neugeborene auf diesem Weg als Kunde an ein börsennotiertes Unternehmen mit Rekordumsatz binden zu wollen.“

Kaum waren diese Sätze geschrieben, steckte der Dramaturg in seinem eigenen Drama. Via Internet brach ein Sturm der Entrüstung über ihn herein. Bis hin zu dem „Rat“, Kerlin möge doch die Stadt verlassen. Ein paar freundliche Kommentare gab’s auch. Tenor: Das musste mal einer sagen.

„Herzlich willkommen in unserer schwarzgelben Stadt“

Lässt sich da eine Stadt vor den Karren eines Konzerns spannen? Oder passt zwischen Stadt und BVB eh’ kein Blatt Papier? Für Emma, das BVB-Maskottchen, ist die Sache klar: „Herzlich willkommen in unserer schwarzgelben Stadt“, schreibt die Biene in ihrem Kartengruß an die Jung-Dortmunder.

Und Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) ist sowieso hocherfreut darüber, dass sich die Borussia seit August an den „Willkommensbesuchen“ des städtischen Familienbüros bei Eltern und Neugeborenen beteiligt (Info-Box).

Es muss an dieser Stelle leider gesagt werden: Erfunden hat Dortmund diese Art der Baby-Beglückung nicht. Die ungeliebten Nachbarn waren es, die Gelsenkirchener. Ausgerechnet. Und, weit schlimmer noch: „Das Dortmunder Jugendamt hatte bei uns nachgefragt, wie wir es damals geschafft haben, Schalke als Partner zu gewinnen“, behauptet der Gelsenkirchener Stadtsprecher Martin Schulmann.

90 Prozent der Eltern nehmen dieses Angebot an

Seit Sommer 2005 besucht das Gelsenkirchener Jugendamt die Eltern von Neugeborenen. Es gibt Infos und Geschenke von Sponsoren. Immer mit dabei: Ein Schalke-Lätzchen mit „Erwin“ drauf. 90 Prozent der Eltern nehmen dieses Angebot an, versichert die Stadt. „Wir haben noch nie eine Beschwerde über dieses Lätzchen gehört“, sagt Schulmann.

Wenn Dortmund und Schalke ihren Fan-Nachwuchs an der Wiege rekrutieren, möchte Bochum nicht im Abseits stehen. „In der Tasche, die das städtische Begrüßungsteam an die Eltern Neugeborener verteilt, befinden sich VfL Bochum-Lätzchen oder -Teddyspardosen“, sagt Stadt-Sprecherin Annika Vößing.

Duisburg und Essen verteilen keine MSV- oder RWE-Geschenke

In Duisburg und Essen sind solche Sitten unbekannt. Köln wünscht sich sehnlichst, der dortige 1. FC möge doch wieder Kölsche Krabbeldecken in die Willkommenspakete legen.

Alexander Kerlin, der Dortmunder Dramaturg, will zu der Sache nun gar nichts mehr sagen. Mit solch heftigen Abwehr-Reaktionen auf seine Kritik hatte er nicht gerechnet. Dass einer ein Geschenk von Emma ablehnt, verstehen wohl nur die Schalker.

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