Wie der abgeschobener Armenier Hurat um seine Rückkehr nach Deutschland kämpfte

Ankunft von Harut am 13. August 2012 im Düsseldorfer Flughafen. 21 -jähriger Asylbewerber Harut war vor drei Jahren ausgewiesen aus Kirchlengern.
Ankunft von Harut am 13. August 2012 im Düsseldorfer Flughafen. 21 -jähriger Asylbewerber Harut war vor drei Jahren ausgewiesen aus Kirchlengern.
Foto: Sergej Lepke/WAZ Fotopool
Was wir bereits wissen
Vor drei Jahre ist Harut Vardanjan mit seiner Familie aus Deutschland nach Armenien abgeschoben worden. Aber Freunde und Lehrer kämpften um seine Rückkehr. Jetzt ist der Junge aus Kirchlengern in Westfalen wieder zurück – und will an seiner alten Schule endlich sein Abi machen.

Kirchlengern.. Sie haben ihn nicht vergessen. Über drei Jahre haben sie für ihn gekämpft. Für Harut, ihren Klassenkameraden, der kurz nach seinem 18. Geburtstag nach Armenien abgeschoben worden war. Sie haben Minister um Hilfe gebeten, und den Bischof, haben Geld für ihn gesammelt und ihm einen Rap geschrieben. „Freedom for Harut“, „Freiheit für Harut“ singen sie: „Bruder, halte durch! Wir werden Dich schon retten!“ Sie haben ihn gerettet. Harut, ihr Freund, durfte jetzt zurückkehren. In das Land, das für ihn Zuhause ist.

Dieses Datum wird er wohl sein Leben lang nicht vergessen. Es war der 19. Mai 2009, als morgens um drei Uhr Polizisten und Mitarbeiter der Ausländerbehörde vor der Tür stehen, Haruts Familie aus dem Schlaf reißen, sie in einen Bus bugsieren und danach ins Flugzeug. Zurück nach Armenien. Weg aus Deutschland, wo Harut elf Jahre seines jungen Lebens verbracht hatte. Es ist der Morgen seiner letzten Prüfung zur Fachoberschulreife. Harut Vardanjan, einer der Besten an der Erich-Kästner-Gesamtschule in Kirchlengern, will das Abitur machen, studieren. Stattdessen wird er ins Flugzeug geschoben, das Handy in der Hand: „Frau Wiebe, ich muss jetzt hier abbrechen! Ich muss einsteigen!“, sagt er unter Tränen zu seiner Lehrerin.

Nun ist er zurück. Und sie können es kaum fassen. Drei Jahre älter, ein junger Mann, der im Heimatland seiner Eltern den Militärdienst absolvieren musste, damit man ihn überhaupt wieder gehen ließ. Zuhause, in Deutschland, mühten sich Freunde und Lehrer, ja, der ganze Ort, um seine Rückkehr. Und es gab Momente, da waren sie ganz nah dran. Da stand Harut mit einem Visum in der Hand am Flughafen in Eriwan, als die Grenzer ihn doch wieder abwiesen. Tage der Verzweiflung.

Jura studieren

Sein Gesicht strahlt, als er an diesem sonnigen Tag im August durch seine alte Schule spaziert. Seine alte und neue Schule. Denn trotz seiner inzwischen 21 Jahre wird Harut wieder zur Gesamtschule gehen. Drei Jahre bis zum Abitur. Wie hat er darauf gewartet. Wieder zu lernen! „Ich bin immer gern zur Schule gegangen. Man erhält auf eine nette Art und Weise Bildung“, sagt Harut in seiner ernsthaften Art. Und schiebt gleich hinterher, dass er nie ein Streber sein wollte, dass er immer auch „mit Freunden abgehängt“ habe, aber eben Ziele habe. Jura studieren etwa.

Abschiebe-Drama Er redet ohne Punkt und Komma, fließt geradezu über vor Mitteilungsbedürfnis. Wie anders war das vor drei Jahren, als wir, Reporter dieser Zeitung, ihn nach seiner Abschiebung in Armenien besuchten. Still war er da und hager. „Für mich war eine Welt zusammengebrochen. Da war nur noch Leere. Ich habe mich irgendwann an das Leben dort gewöhnt, aber egal wie viele Freunde ich hatte, ich habe mich nie wohl gefühlt“, sagt Harut.

Wache schieben an der Grenze

Er lebte mit seiner Familie bei den Großeltern, in deren mit Wellblech gedecktem Steinhaus. Die Straße davor ist unbefestigt und staubig. Die Menschen rundherum haben selten Arbeit. „Wer nicht bezahlen kann, bekommt keinen Job“, erzählt Harut. Ein Jahr lang konnte er nichts tun. Wie auch, wo er die Sprache doch kaum beherrschte. Dann kam das Militär und ließ ihn Wache schieben im Grenzgebiet zum verfeindeten Aserbaidschan.

Abschiebung Er passte sich an, wollte nicht auffallen, es einfach nur hinter sich bringen. Viel mag er nicht erzählen über seine Militärzeit, er wolle auch seine dort zurückgebliebene Familie nicht gefährden. „Ich habe in Deutschland gelernt, was richtig ist und was falsch. Menschenrechte sind anders“, sagt er nur.

Bevor er abgeschoben wurde, hat er sich an seiner Schule engagiert, war Klassen- und Schulsprecher, Streitschlichter, gab Nachhilfe. „Harut“, sagt seine Lehrerin Helena Wiebe, „genießt hier großes Ansehen!“ Sie freuen sich über seine Rückkehr, klopfen ihm auf die Schulter, nehmen ihn in den Arm. Bei seiner Ankunft am Düsseldorfer Flughafen fließen die Tränen.

1998 hatten die Eltern mit ihm und seinem Bruder Tigran Armenien verlassen. Für eine bessere Zukunft. Schlepper hatten ihnen geraten, sich als Armenier aus Aserbaidschan auszugeben. Doch die falsche Identität flog auf, die Vardanjans wurden folglich nur geduldet. Bis zu jenem 19. Mai vor drei Jahren, bis zur Abschiebung. Politiker setzten sich danach für Harut ein, der Petitionsausschuss im Landtag. Der Druck war so groß, dass bald das Ausländeramt des Kreises Herford bereit war, ihn wieder aufzunehmen. Aber Armenien ließ ihn nicht gehen, bevor er nicht den Militärdienst absolviert hatte.

"Endlich eine Geschichte mit Happy End"

„Endlich mal eine Geschichte mit Happy End“, sagt nun Kirchlengerns Bürgermeister Rüdiger Meier. Die Ausländerbehörde hat ihm zugesichert, dass Harut für Abitur und Studium in Deutschland bleiben kann. Wohnen wird er in der Familie seines besten Freundes Rodi, die sich schon früh bereit erklärt hatte, ihn aufzunehmen.

„Bruder, wir haben Dich nicht vergessen!“, singen seine Freunde in dem Rap, der bei Youtube inzwischen 13 000-mal angeklickt wurde. Harut weiß, dass das alles nicht selbstverständlich ist und etwas verlegen sagt er: „Ich war doch nur ein Junge, der hier gelebt hat!“