Warum Geisterfahrer auf der Autobahn kaum zu stoppen sind

Mit Stopschildern wie diesen will Bayern unaufmerksame Fahrer vor einem Fehler bewahren.
Mit Stopschildern wie diesen will Bayern unaufmerksame Fahrer vor einem Fehler bewahren.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
80-Jähriger fuhr von Hassel bis Gladbeck im Gegenverkehr. Ein Glück: Niemand verletzt. Mittel gegen Geisterfahrer gelten als „ziemlich ausgereizt“.

Ruhrgebiet.. Licht an, Warnblinker an und dann mit Tempo 60 am Mittelstreifen entlang: So fährt ein 80-jähriger Mann in der Samstagnacht auf der Autobahn 52 in Richtung Essen. Für die Spur neben dem Mittelstreifen ist die Geschwindigkeit allerdings schon ausgesprochen niedrig. Und, noch viel schlimmer: Dieser Mittelstreifen ist auf der falschen Seite, ist rechts vom Fahrer – der Gladbecker ist ein Geisterfahrer.

Wo er aufgefahren ist, weiß niemand, ein erster Autofahrer sieht ihn gegen viertel vor drei in Höhe der Ausfahrt Gelsenkirchen-Hassel. Von Buer an ist ein Polizeiwagen neben dem Irrfahrer, doch der reagiert nicht auf Lautsprecheransagen, Martinshorn und Blaulicht, sondern hält entschieden Kurs und Tempo. Auch in Gladbeck, wo die A 52 zur Bundesstraße 224 wird und der Mittelstreifen ersatzlos verschwindet, bleibt er in der Gegenfahrbahn und parkt zehn Kilometer später schließlich sogar dort, in Sichtweite einer roten Ampel. Die Polizei übergibt den „offensichtlich verwirrten und orientierungslosen Mann“ an Angehörige, den Führerschein stellt sie sicher.

Überprüfung nach einer Serie von Selbstmorden auf der Autobahn

Weil Fahrer, die dem Blaulicht entgegen kamen, rechtzeitig anhielten, ist eigentlich nichts passiert. Doch zeigt die autistische Fahrt, dass es kaum noch weitere Möglichkeiten gibt, diese Art Geisterfahrer zu verhindern: „Wenn Leute so verwirrt sind, dass alle Vorsichtsmaßnahmen nicht helfen, dann kann man sie nicht aufhalten“, sagt Bernhard Meier vom NRW-Verkehrsministerium. Dasselbe gelte für Falschfahrer „in suizidaler Absicht“.

Tatsächlich war es eine Serie von Selbstmorden auf Autobahnen mit etlichen Opfern, die 2012/13 dazu führte, das die Verkehrsminister neue Mittel gegen Geisterfahrer suchten. Da überprüften die Straßenmeistereien Verkehrsschilder und Pfeile in sämtlichen Auffahrten – das ist abgearbeitet. Da experimentierte Bayern mit großen, gelben Bildern von „Stop. Falsch“ gebietenden Händen – und tut das auch heute noch.

Tauglichkeitstests von Alter x an

Schließlich wurde die Idee verworfen, mit ausfahrbaren Stacheln unter der Straßendecke Reifen platzen zu lassen, die in die falsche Richtung rollten – denn oft müssen Kranken- oder Polizeiwagen bewusst falsch fahren, um zu einem Unfall zu kommen. So seien alle Maßnahmen „ziemlich ausgereizt“, sagt Meier. Auch der Bund setzt nun mehr auf Schutz als Verhütung: Er lässt elektronische Systeme entwickeln, die andere Autofahrer sofort warnen sollen, wenn ein Falschfahrer in der Nähe ist.

Bleibt der Vorschlag, der Jung und Alt immer übereinander herfallen lässt: Tauglichkeitstests von Alter x an. Denn „offensichtlich verwirrt und orientierungslos“, wie der Mann von der A 52, sind überwiegend ältere Menschen; oder solche, die getrunken haben oder Drogen genommen, das sind dann mehr die jüngeren. Was zunächst kommt, ist ein weiterer Sehtest im höheren Alter. Alles weitere ist eine Frage der Durchsetzbarkeit.

Von selbst wird es nämlich nicht besser: Auf der Autobahn habe er noch keinen Fall wie den von Samstag erlebt, sagt ein Hauptkommissar der Polizei-Leitstelle Gelsenkirchen. Aber im Stadtverkehr habe man „bei älteren Bürgern schon öfter erlebt, dass sie auf Blaulicht oder Martinshorn nicht reagieren. Sie waren überfordert und hilflos.“