Sturm „Niklas“ fegte die Bahnsteige leer

Reisende warten auf den Bahnsteigen oder im Bahnhofsgebäude auf Durchsagen der Bahn.
Reisende warten auf den Bahnsteigen oder im Bahnhofsgebäude auf Durchsagen der Bahn.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Sturmtief fegte zwar mit geringeren Geschwindigkeiten als „Ela“ oder „Kyrill“ über NRW hinweg. Den Zugverkehr stellte die Bahn am Dienstag jedoch zeitweise komplett ein.

Ruhrgebiet.. Die Bahnsteige am Essener Hauptbahnhof sind am Dienstagmittag wie leer gefegt, dafür drängen sich jetzt Hunderte Fahrgäste in der Bahnhofshalle und vor den Infoschaltern. Viele waren bis eben trüber Hoffnung, vielleicht doch noch wegzukommen im Sturm: Diese Hoffnung klammerte sich an kuriose Laufschriften auf der Anzeigetafel wie „Circa 210 Minuten später“.

Doch jetzt ist alles aus: Die Bahn hat gerade den Nahverkehr in ganz NRW für den Rest des Tages abgesagt, und auch der Fernverkehr stottert nur noch. An Ruhr und Rhein, von Hamm bis Köln, geht nach elf Uhr fast nichts mehr. Und alles nur wegen der Bäume! Einer hat sich auch noch in den Bahnverkehr geworfen in: Duisburg-Großenbaum.

„Eigentlich wollte ich von Bremen nach Mannheim“, erzählt Catharina Lingens, „jetzt endet meine Reise aber wohl hier.“ Weil Sturmtief „Niklas“ den Bahnverkehr auch schon am frühen Morgen völlig verwirbelt hat, sitzt sie, die doch eigentlich nach Mannheim will, plötzlich in einem Zug in Gegenrichtung: von Düsseldorf nach Essen, um von dort aus ihre Reise fortzusetzen – eventuell.

"Jetzt muss ich wohl erstmal wieder nach Hause"

Hier trifft sie zwei andere Frauen im Sturm, Christina Drunagel, Ziel Osnabrück, und Irmi Heinen, die sich vor über fünf Stunden von Kerpen aus auf den Weg nach Bremen gemacht hat: „Ich wollte meinen Sohn besuchen, den ich nur zweimal im Jahr sehe. Jetzt muss ich wohl erstmal wieder nach Hause“, sagt sie. Um die drei gestrandeten Frauen herum geht es chaotisch zu in der Bahnhofshalle.

In Essen wie in Gelsenkirchen, in Duisburg, Herne: Viele der Reisenden telefonieren oder verschicken Nachrichten, suchen nach einem Weg, doch noch an ihr Ziel zu kommen. Oder, später am Tag, nach Hause: All die Pendler, die mit dem Zug zur Arbeit fuhren, müssen sich jetzt anders nach Hause organisieren.

Moretz Kolejs begann seine Reise am Morgen in Bonn. Bis nach Köln kam er ohne Probleme, von dort aus nahm er die S-Bahn nach Düsseldorf und fuhr dann mit der U-Bahn nach Essen, wo er am späten Nachmittag am Bahnsteig steht. Voraussichtliche Ankunft am Zielort Magdeburg: nicht vor 23 Uhr. Auf dem Weg nach Minden ist Udo Ernst, der wie viele andere nicht versteht, weshalb die Züge der Privatbahnen uneingeschränkt fahren, während der Regionalverkehr der DB stillsteht. Trotzdem nimmt er es mit Humor: „Wenn es so weiter geht, suchen wir unsere Ostereier eben hier am Bahnhof.“

Es trifft nicht nur die Bahn an diesem Tag: So ist die Sauerlandlinie von Hagen südwärts für Stunden gesperrt, weil ein Laster verunglückt ist und quer steht – die Bergung ist schwierig auf der Talbrücke! In Lippstadt wirft „Niklas“ einen Lkw um, der mit Styropor beladen ist. Und überall im Land kommt es zu diesen sturmtypischen Blechschäden: Fahrer will aussteigen, öffnet die Tür, der Sturm erfasst sie von hinten – und haut sie gegen das Auto daneben.

Im Ruhrgebiet erreichen Niklas’ Böen keine 100 Stundenkilometer, das ist vergleichsweise moderat – „Kyrill“ im Jahr 2007 oder „Ela“ 2014 bliesen mit 140. Doch es reicht, um Dachziegel und Verkehrsschilder loszureißen und Ampeln zu verdrehen; der Sturm wirft Mülltonnen und Mobiltoiletten um, zerstört Schirme sonder Zahl und verhindert zahllose Verabredungen, Arbeitstreffen und Vorstellungsgespräche. Schwer beschädigt werden im Freizeitpark „Wunderland Kalkar“ der frühere Kühlturm und das Kettenkarrussell.

In Essen übernachten, Weiterreise morgen

Doch zurück nochmal in den Bahnhof: Auch Bahnmitarbeiter können den gestrandeten Fahrgästen kaum weiter helfen, zu viel, zu unterschiedlich sind ihre Fragen. Immerhin: Wer seine Reise mit dem Taxi fortsetzen will, bekommt eine Bescheinigung, mit der im Nachhinein Fahrtkosten bis zu 80 Euro erstattet werden können. Und die gestrandeten Frauen haben Glück: Irmi bietet Christina und Catharina an, bei ihr zu übernachten, damit sie ihre Reise am nächsten Morgen fortsetzen können. Viel Glück!