Spickzettel 2.0 - So wird heute geschummelt

Was wir bereits wissen
Plagiate sind seit der Debatte um die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan wieder in aller Munde. Doch nicht nur die Polit-Prominenz macht sich die Arbeit gerne mal leicht. Auch Schüler greifen regelmäßig zum Plagiat - vor allem mithilfe des Internets.

Essen.. Als Bundesbildungsministerin Annette Schavan 1980 ihre Doktorarbeit schrieb, war ein Plagiat noch harte Arbeit. Man musste Bibliotheken durchwühlen, Bücher wälzen – nur so ließ sich ein Text finden, der es würdig war, kopiert zu werden. Digitale Plagiatoren haben es da leichter – kopieren, einfügen, fertig. Drum ist das Plagiat allgegenwärtig. Vor allem in Schulklassen.

„Natürlich wird viel kopiert“, sagt Marlin L., 17-jährige Gymnasiastin aus Bochum (Name geändert). „Bei Hausaufgaben kommt es häufig vor. Bei Übersetzungen oder Gedichtsanalysen zum Beispiel.“ Dabei gehe es den Schülern meist nur darum, eine Absicherung zu haben, falls sie drangenommen werden. „Von sich aus liest das keiner vor“, sagt Marlin.

Die Lehrer wissen sich zu helfen

Und je näher die Abiturprüfungen rücken, desto vorsichtiger seien die Klassenkameraden auch in Klausuren. Fällt man auf, bedeutet das automatisch eine sechs. Und Vorabiklausuren fließen in die Endnote ein. An einem Essener Gymnasium seien vor Kurzem zwei Schüler aufgeflogen, weil sie in einer Prüfung aus derselben Quelle kopiert hatten.

Schavan-Affäre Natürlich wissen die Lehrer um die Möglichkeiten des „Spickzettel 2.0“. „Beim Vergeben von Referaten muss man aufpassen, dass man am Ende keine Wikipedia-Artikel geliefert bekommt“, erklärt Felicitas Schönau, Rektorin am Gymnasium Essen-Werden. Die Lehrer in Werden würden bei Verdacht einfach ein oder zwei Textstellen in eine Internetsuchmaschine eingeben. Findet sich die exakt gleiche Textstelle schon im Internet, ist der Plagiator überführt. Auch internetfähige Handys sind an Schönaus Schule bei Klausuren verboten. Schon das Tragen eines solchen Smartphones in der Hosentasche gilt als Täuschungsversuch. Aber das gilt natürlich auch für klassische Spickzettel – und sie werden trotzdem eingesetzt.

„Gepfuscht haben Schüler aber schon immer“

„Gepfuscht haben Schüler aber schon immer“, meint Schönau. Früher habe das allerdings größere Lernerfolge gebracht. „Durch das Schreiben von Spickzetteln hat man sich noch mit einem Thema beschäftigt.“ Heutige Schüler müssten sich nur schnell einen Artikel aus dem Internet ausdrucken. Teilweise werde dabei so dreist geklaut, dass Schüler fast zwangsläufig geschnappt werden. „Letztes Jahr hatten wir eine Facharbeit, die komplett aus Wikipedia-Artikeln zusammengebastelt war.“

[kein Linktext vorhanden] Und wenn diese Schüler an die Uni kommen, haben sie ein Problem. „Einige Studierende nutzen digitale Kopien so natürlich, dass sie tendenziell nicht mehr zu begreifen scheinen, wie Wissenschaft funktioniert“, sagt Dr. Thomas Ernst, der an der Uni Duisburg-Essen zur Geschichte des geistigen Eigentums forscht. „Man darf ja die Ideen und Worte anderer Leute benutzen, auch längere Zitate. Man muss es nur klar markieren.“ Das müsse man den Studenten in der Praxis aber erst mal erklären. In den ersten Semestern komme es zwar aus Unsicherheit manchmal zu fehlerhaften Zitierweisen, „aber es ist unsere Aufgabe, diese unerfreulichen Fälle umgehend zu beheben.“

Einer der größten Gewinner der anhaltenden Plagiatsjagd ist Gunter Wielage, Entwickler des Computerprogramms „Plagiarism Finder“, das Lehrern helfen soll, ihre Schüler zu überführen. In weniger als einer Stunde durchsucht das Programm einen ganzen Satz von Klassenarbeiten nach geklauten Textstellen. „Das ist so einfach, wie ein Schreibprogramm zu benutzen“, meint Wielage.

Plagiatssoftware hilft nicht immer

Clevere Schüler müssen sich aber längst nicht mehr vor solchen Programmen fürchten, erklärt Plagiats-Expertin Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: „Nur dumme Plagiate lassen sich mit solchen Programmen entdecken.“ Um die Software zu täuschen, könne man einfach ein deutsches durch ein russisches „S“ ersetzen. Merkt kein Mensch, aber der Computer sieht zwei unterschiedliche Zeichen.

Marlin L. bevorzugt ohnehin das klassische analoge Abschreiben: „Wenn ich am Nachmittag keine Lust habe, Hausaufgaben zu machen, habe ich auch keine Lust, am Rechner einen passenden Aufsatz zu suchen und auszudrucken. Da schreib’ ich lieber kurz vor der Stunde was ab.“