Schwarzpulver neben der Ölheizung

Essen..  Zollfahnder brauchen ein ziemlich dickes Fell. Sie stellen mal Affenarme samt Händen sicher, wie in Düsseldorf passiert, den Mageninhalt eines Drogenschmugglers oder, wie in Wickede, Kaliumcyanid, ein weißes Pulver, das schwere Verletzungen verursachen kann. So weit der Job-Alltag.

Was ihnen jetzt im Schwerter Ortsteil Westhofen widerfuhr, ist für Ruth Haliti, die Sprecherin des Fahndungsamtes in Essen, aber nur noch „unvorstellbar“. Auch Cheffahnder Hans Joachim Brandl schüttelt den Kopf: „Wie ist so was möglich?“ Vom Kellerabfluss bis unter das Dach steckte ein Einfamilienhaus voller Waffen und Munition. Dem Eigentümer werden jetzt illegaler Handel und ungesetzliche Unterbringung der Waffen vorgeworfen. Über Jahre hatte er die Bestände aus Erbschaften aufgekauft und übers Internet wieder verscherbelt.

Als Zollbeamte im Auftrag der Hagener Staatsanwaltschaft den Bau nahe der A 1 betraten, um dem Verdacht nachzugehen, stolperten sie hinter der Haustür über das erste ungesicherte Gewehr. Dann kamen – nicht nur gefühlt – noch 699 weitere und vor allem tonnenweise Munition. Mal steckte sie lose in Eimern oder war wenigstens abgepackt. Ziemlich gefährlich: das Kilo Schwarzpulver, das man direkt neben der brummenden Ölheizung fand.

Vielleicht ist die kleine Stadt im Kreis Unna einer Katastrophe entgangen. Haliti: „Wie kann ein Mensch aus Gewinnsucht seine Familie und seine Nachbarn derart in Gefahr bringen?“

Um hier die deutsche Rechtspraxis zu erklären: Jedes erworbene Gewehr muss nicht nur an- und abgemeldet werden. Sein Verbleib muss nicht nur bei den Behörden hinterlegt sein. Es muss zudem immer sicher abgeschlossen in einem eigens geeigneten Schrank aufbewahrt werden. Jäger singen von diesen Vorschriften gerne ein Lied. Mitarbeiter des überwachenden Amtes dürfen zur Prüfung die Wohnung betreten.

In Westhofen war keine der Regeln eingehalten, wenn man den Äußerungen der Fahnder folgt: „Die wenigen Waffenschränke waren hoffnungslos überfüllt.“ – „Die Munition auf Schwerlastregalen im Keller“, „Kaliber vom Luftgewehr bis zum Elefantentöter“ – Zitate des Kommandos, von dem der Hausbesitzer und Ex-Waffenhändler im März überrascht worden war. „Das Haus wurde vorübergehend für unbewohnbar erklärt“, heißt es bei der Essener Fahndung.

Der 54-Jährige bestreitet, wie die „Ruhr Nachrichten“ berichten. Er habe eine gültige Lizenz. Er habe nur zeitweise die große Waffenmenge zu Hause gehabt. Er sei seit 35 Jahren im Geschäft. Und er sei schließlich zu Hause gewesen, als die Uniformierten klingelten.

Die Zollfahnder halten dagegen: Schon 2003 sei der Schwerter mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Er wurde damals zu einer Haftstrafe verurteilt. Die Lizenz sei entzogen worden. Offenbar ging es um den Handel mit Handgranaten und Sprengkörpern. Großes Kaliber in jeder Hinsicht.

Es gibt angesichts der ausgehobenen riesigen Waffenmenge und der Tonnen Munition eine Menge Fragen, die man sich beim Zoll in Essen heute selbst stellt. Das „Wie ist das möglich?“ des Fahndungschefs Brandl muss sich nicht nur auf das Verhalten des 54-jährigen Waffenhändlers beziehen, der immerhin eine Familie in Nachbarschaft zu den gefährlichen Lager leben ließ. Es könnte auch für das Handeln der überwachenden Behörden im Kreis Unna oder anderswo gelten.

Schwunghafter Handel

Hat niemand den schwunghaften Handel über die Plattform „eGun“ bemerkt? Erkannte keiner bei den Behörden, dass die Meldung jeder gehandelten Waffe fehlte oder zumindest nicht mit einer gültigen Lizenz verbunden war? Fehlten die regelmäßigen Aufsichtsbesuche, über die Waffenbesitzer klagen? Am Ende: Ist das Praxis in Deutschland?